Archiv für die Kategorie ‘Gäste’

ZWAKKELMANN: “Briefmarkenalbum”

Samstag, 24. März 2012

Zwakkelmann

ZWAKKELMANN
Briefmarkenalbum
CD | Rilrec. | rilrec.de ||

Schlaffke will dem Land sein Briefmarkenalbum zeigen und die Sammlung scheint auch echt was für Liebhaber zu sein. Ein solcher bin ich aber schließlich seit ich den Hallunken zum ersten Mal live gesehen habe! Ich war sofort bekennender ZWAKKELMANN-Fan und stand immer in der ersten Reihe, während meine Freunde (denen ich unterstelle, vielleicht auch zur Punkpolizei zu gehören) sich nur erlaubten, lässig mit dem Fuß zu wippen.

Nach der musikalischen Unterhaltungsshow des selbstironischen ‚ewig Liebeskranken‘ war ich jedesmal briefmarkenmäßig platt und leicht angefeuchtet. Er macht Schlagerpunk mit Leidenschaft und steht dazu: „Was hast du denn? Nur weil ich alten Schlager hör? Aber ich mag auch EISENPIMMEL – Mann, ich schwör!“ Ich persönlich stehe vor allem auf die Songs, bei denen Schlaffke auf die heiteren und gefälligen Melodien kleine Gesellschaftssatiren darbietet. „Beim hiesigen Gemeindefest“ ist zum Beispiel so einer. Insgesamt finde ich das „Briefmarken-Album“ nicht so toll wie „Vollhorst“, bekomme aber Lust, mir das Ganze mal wieder live zu geben.

(Karate-Rici)

Anti-Everything Returns: What A Glorious Beast!

Mittwoch, 12. Oktober 2011

“Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.” (Karl Marx)

AntiEverything ist zurück! Es wurde hoch gepokert, viel riskiert, hart gearbeitet und bitter gezweifelt. Jetzt ist es da. Und wir werden sehen, was es drauf hat, in seiner neuesten Ausgabe mit dem Titel AntiEverything Forever.

“Mit eurer Tragödie ist es genug, jetzt kommen wir!” (Krzysztof Wrath)

Wieder einmal ist es geteilt in den aufregenden Folgeroman “Glory White Trash” und einen redaktionellen Teil.

Dass die Kurzgeschichten rocken, sollte jedem Leser dieses Blogs glasklar sein. Im gedruckten Heft habe ich aber die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, tiefer zu gehen. Eine aufwändigere, wesentlich perfidere Erzählung über zehn Teile erwartet dich.

Der non-fiktionale Teil besteht diesmal – und auch das ist eine der Neuerungen – vor allem aus Interviews mit interessanten Zeitgenossen, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Und das tun sie auch. Nicht zuletzt, weil sie es mit einem Interviewer zu tun haben, bei dem Eddy Neumann in die Verhör-Schule gehen könnte…

Interviews:

Der Kult-Blogger Andreas Glumm erzählt uns eine schlichtweg herrliche Geschichte aus dem “räudigen Alltag”.

Christoph Parkinson (Furious Clarity) berichtet im phänomenalen Dangerseeker Report von seiner jüngsten Reise nach New York.

Und Commander Stunk legt uns Musik ans Herz, die mit Sicherheit nicht aus einem Promo-Päckchen kommt. In seinen berüchtigten Reviews beweist er erneut das Gespür eines Trüffelschweins, was erlesene und außergewöhnliche Klänge angeht.

Für eine tief gehende Reportage habe ich mich darüber hinaus intensiv mit dem Nonkonformisten und Mystiker Aleister Crowley beschäftigt.

AntiEverything Forever – ab sofort erhältlich!

  • 96 Seiten
  • A5 Querformat
  • mit zwei Aufklebern
  • Hochglanzcover in schwerem, lackierten Karton
  • Einzelpreis: 4,- EUR

Du erhältst es direkt über das Kontaktformular bzw. bei einer vom heutigen Tage an wachsenden Zahl von Einzelpersonen, Läden und Mailorders.

Da gilt es, keine Zeit zu verlieren, und schnell zuzugreifen.

(Krzysztof Wrath)


TRUST NO BULLSHIT: 25 Jahre Trust Fanzine

Donnerstag, 12. Mai 2011

Trust Fest

TRUST NO BULLSHIT: 25 Jahre Trust Fanzine
Jubiläumsausgabe Trust # 148, Juni/Juli 2011
Jubiläumsfeier in Bremen am 3.6.2011 mit NO MEANS NO, LEATHERFACE, SEX JAMS

Das Trust Fanzine wird diesen Sommer 25 Jahre alt, damit ist das TRUST das zweitälteste Print-Fanzine für HC, Punk, Underground weltweit (das weiterhin in einer „Labor of Love“-Haltung publiziert wird). Wir feiern unser 25-jähriges Jubiläum mit der Jubiläumgsausgabe Trust # 148 und einem Konzert in Bremen (Schlachthof) am 3.6.2011 mit No Means No, Leatherface, Sex Jams plus Backissue Blowout.

Im Juni 1986 erschien die erste Ausgabe des TRUST-Fanzines, damals noch in Augsburg. Angeregt von amerikanischen Underground-Heften Anfang der 80er, die im Eigenverlag über Punk, Hardcore, Politik, Underground etc. fern von Anzeigendruck und journalistischer Ausbildung, sondern aus reiner Freude an Subkultur, Musik und geistig-revolutionärem Bewusstsein publizierten, gründeten u.a. Dolf Hermanstädter, Michael Alber, Tomasso Schultze und Anne Ullrich das TRUST. So etwas gab es in Europa und Deutschland noch nicht: ein Heft im Format DIN A4, das regelmäßig als überregionales Szene-Info-Medium alle zwei Monate erscheint – heute im 25. Jahrgang -, professionell vertrieben wird (seit einigen Jahren auch am Bahnhofskiosk) und dabei nur eine Regel hat: Was die aktiven Schreiber im Heft haben wollen, hat eine gute Chance, zu erscheinen. Keine Rücksicht auf Anzeigenkunden, keine Rücksicht auf (Szene-)Trends, kein Interesse an hippen Layout-Programmen, dagegen Interesse an Inhalten und natürlich an spannender Musik. Was scheiße ist, ist scheiße und nicht „Schnittstelle von Kommerz und Underground“. Was geil ist, ist geil und nicht „unkonventioneller meta-referentieller No Wave Grrl Punk“. Dabei sind wir nicht anti-intellektuell, aber auch nicht Avantgarde, und auch nicht gegen alles, aber doch gegen das meiste.

Heute erscheint das Trust immer noch so: keine Tonträgerbeilage, schwarz-weiß, und wie ein guter Punk-HC-Song immer direkt und unverblümt. Das Trust ist heute neben dem Maximum Rock’n'Roll-Fanzine aus Kalifornien das zweitälteste Print-Fanzine für Punk/HC/Underground, dass noch erscheint. Wir waren mit die ersten, die die damalige Ablösung vom Punk in Deutschland durch Hardcore und sein Aufblühen in Deutschland, Holland, Italien, UK – live miterlebten und darüber schrieben. Namedropping? Spermbirds. Fugazi. SST Records. Negazione. Dischord. Nirvana (1988).

Trust Zine

Die Berichterstattung veränderte sich in den Jahrzehnten so wie die Schreiber, man öffnete sich auch anderen Musikstilen, so fand man im Trust Berichte über Jazz, HipHop, Grunge, Metal. Pluralistisch? Ja, aber nicht beliebig. Während andere Hefte immer wieder Szene-Trends aufgriffen wie New-York-Hardcore Anfang der 90, den kalifornischen Pop Punk Mitte der 90, das Deutschpunk-Revival und die Chaostage und heute Blackmetal oder Doom – blieb das Trust immer distanzierter und verfolgte einen ganz eigenen Weg. Bis heute: in erster Linie Outgoing-Journalismus. Fans einer Band, eines Labels, eines Malers, Schriftstellers etc. gehen raus und suchen das Gespräch mit diesen – egal, ob diese lange nicht mehr aktiv, vergessen, unbekannt sind. Aktuelles Zeitgeschehen findet im Heft natürlich auch statt, jedoch seit dem Erfolg von Nirvana und Green Day noch kritischer: Seitdem bewiesen wurde, dass man durch alternative Musik Geld verdienen kann, wird „eine systemkritische Punkband machen“ zunehmend zu einem konkreten Berufsbild für Jugendliche, komplett mit dem zugehörigen Outfit, Szenedrink, Schmuck, alles durchgeplant und durchgesponert auf Tour für Alkohol-Hersteller oder Bekleidungsfirmen.

Wir haben mit unserer Kritik oft recht gehabt. Schaut euch mal an, wer vor 14 Jahren noch gegen Majorfirmen war und wer heute als Singer-Songwriter uns alle nervt.

Bei aller Kritik, Diskussion, bei allem moralischen Impetus („Ihr (ergänze beliebige Crossoverschrottband) dürft nicht BLACK FLAG covern!“), allen Übertreibungen, Fehlern, Auseinandersetzungen von Schreibern live im Heft gegen den anderen Schreiber geführt, wussten wir immer schon eine Sache ganz genau: „Party for your right to fight“ ist ein guter Public-Enemy-Song. Will sagen: Bitte auch die Party nicht vergessen!

Und zu einer solchen laden wir alle Interessierten ein: Wir feiern 25 Jahre TRUST am Freitag, den 3.6. in Bremen im Schlachthof mit NO MEANS NO, LEATHERFACE, SEX JAMS. Dazu gibt es einen Backissues Blowout.

„Fuck you, pay us!“
TRUST FANZINE, Bremen, Mai 2011

Zu Gast #15: Bryan Kessler “Raumfahrt zu Fuß”

Sonntag, 26. September 2010

Bryan Kessler

Es ist lobenswert, dass der Großteil meines Freundeskreises, trotz dessen überwiegend fortgeschrittenen Alters, sich von einem jugendlichen, kreativen Tatendrang leiten lässt. Nicht minder wichtig ist, dass der Nachwuchs agiert. Die Produktivität des 19jährigen Bryan Kesslers aus Köln ist vorbildlich. Als Sänger und Gitarrist von der Band THE POLLYWOGS, wird er nicht müde, gute Indiesongs zu schreiben. Auch als Autor ist er emsig.

Als Gastautor wirkt er bei dem Literatur-/Fotografiefanzine “Zeitlosschrift” mit und er schreibt für den Likeblog. Am 12. November erscheint sein zweites Buch: “Pollygamie”. Anderthalb Monate vor dessen Veröffentlichung, könnt ihr den daraus entnommenen Text “Raumfahrt zu Fuß” bereits auf unserer Seite lesen. Inspirationen aus dem Physikbuch werden in einen Handlungsablauf eingebettet, der vermutlich das Ergebnis einer Sitzung kreativen Schreibens ist und anfangs mit teils unkonventioneller Interpunktion irritiert. Neugierig darf man auf die Erscheinung von Bryans “Pollygamie” blicken.

(Christoph Parkinson)

Bryan Kessler

“Raumfahrt zu Fuß”

Die Mutter kommt ins Zimmer und sagt zu ihrem Sohn: “Du Hurensohn!”, woraufhin er an dem großen Milchglas nippt und freundlich sagt: “Du bist die Oma einer Hure!”

Ist das futuristisch, oder alter Käse?

Die Parodie beginnt morgens an einem trüben Wintermorgen neben einem der Felder, am Rande der Stadt. Nichts außer Bettlern, oder Reichen gibt es dort, also die, die du als Kind entweder geliebt hast, weil sie dir ein Eis ausgeben, oder die, vor denen du dich gefürchtet hast, weil sie dich aus Versehen im Bus aus der letzten Sitzreihe ankotzen. Die Luft schmeckt süßlich im Mund, manche Leute würden sagen, sie hätten ein Schlangenmaul, wenn der Wind ihren Speichel komplett zerfrisst, bis die Zunge nur noch ein langer Hautlappen in der Mundwüste ist, der bis in den Hals hinab ragt und dort irgendwo unten ins Innere der Körperwelt eindringt, sich dort verschanzt, und man keine Ahnung hat, ob man noch bereit ist sie zu bewegen, oder ob sie einfach bloß festsitzt.

Es ist noch ziemlich dunkel, sechs Uhr in der Frühe – man sieht Kinder zur Schule fahren, auf nagelneuen Fahrrädern die noch glitzern, und die Laternen an den Straßen wurden erst vor wenigen Minuten ausgeschaltet. Astraltraveling steht auf dem Tagesplan. Die Füße einen vor den andern schiebend, mit den Händen einen imaginären Beat klopfend, und Kette rauchend, am Straßenrand, den Finger raus, auf gut Glück in Richtung Entfernung, in Richtung Reise, in Richtung richtig. Autos fahren vorbei, man sieht Ehemänner, die ihre Frauen zur Arbeit fahren, man sieht versoffene Jugendliche, die von einer Party nach Hause fahren, man sieht Familien, die sich auf den Weg zu einem Ausflug machen. Im Kopf ist jedes Bild und jede Sequenz ein Eintrag im System, und jeder Eintrag in das System, lässt das System zu einem neuen entstehen. Jeder Eintrag wird neu erfasst, und neu erbaut, mit jedem weiteren weiterhin zusammenhangslosem Bruchstück.

Erinnerungen ausschalten, bloß puzzeln. In der Schule war man gerne in der Pause auf dem Schulhof, hat Fußball gespielt. Da war immer ein Kerl, der beste Torwart der ganzen Schule, hält jeden Ball, der King der Pausenspiele. Nach zehn Jahren triffst du ihn wieder, als er dich aus dem runtergekurbelten Fenster seines Ford Fiestas angrinst und dich fragt, ob du deinen Führerschein auch schon gemacht hast. Ist jetzt Partyveranstalter und macht gelegentlich was mit Medien. Hat eine Freundin, die schwanger ist, und seine Lieblingsmusik ist bulgarischer Heavy Metal, oder wie er es sagt, etwas was noch mehr abgeht, Black Metal aus Finnland – ist voll im Kommen. Fenster wieder hochgekurbelt, und davon gesaust. Staub fliegt in die Augen und man verliert ein wenig die Orientierung. Ein Fuß vor den anderen. Ein Fuß vor den anderen.

Bryan Kessler

Im Kopf; der Traum letzter Nacht: Ein Traum, wo man nur in Eile ist, immer auf der Suche nach etwas, noch schlimmer als in der Realität, nur rennt, nur Highspeed, nur gerade aus, mit Gedanken im Kopf: Der langersehnte Fallschirmsprung – wenn man den Hubschrauber verlässt, ist die einzige Kraft die wirkt, die Adrenalinkraft. Zu Beginn bewegt man sich langsam, daher ist auch der Luftwiderstand klein und es gibt eine große nach unten wirkende Nettokraft (= Gravitationskraft – Luftwiderstand). Diese große Nettokraft beschleunigt stark, und die Geschwindigkeit nimmt also weiter seine Größe an. Ein Zunehmen der Geschwindigkeit führt aber auch zu einem gleichzeitigen Ansteigen des Luftwiderstandes. Man beschleunigt auf einmal so lange, bis die Gravitationskraft und Luftwiderstandskraft gegengleich sind. 200 km/h als Endgeschwindigkeit, und und immer in Richtung Beton.

Redet man von Gravitation, reden wir von Wechselwirkungen in der Natur. Ja, da wo Tiere wohnen, Pflanzen, und so weiter. Aber hauptsächlich geht es um Energie; die Bestimmung von Bahnen der Planeten, und der Sonne. Dies hat eine riesige Bedeutung für Astronomie und Kosmologie. Wir Menschen auf Planet Erde nennen dies immer Gewichtskraft, weil die Gravitation auf alle Körper eine zu ihrer Masse proportionale Kraft in Richtung des Erdmittelpunktes wirkt. Doch bei diesem Sprung ist der Kopf nicht nach unten gesenkt, es wird nach oben geschaut, man betrachtet die Himmelserscheinung. Hat diesen gewissen Effekt, ein Schrei in Richtung Galaxie, der Flug hält an, man schwebt. Wie entsteht bewegte Luft? Wie funktioniert das mit dem Schall? Da gibt es sicher viel zu zu sagen, doch keiner der Leser will sich jetzt ernsthaft mit dem Überschallknall, Dezibel als Schallstärke (D= Dämpfung, E1= Energie vor, E2= Energie hinter dem dämpfenden Medium, wie Luft, Gas, Flüssigkeit) beschäftigen.

Da gibt es noch diese Bitch namens Frequenz, die man in Hertz (1Hertz = 1/Sekunde) rechnet. Hier wird mit Wörtern wie Sinusschwingung und Amplituden gesprochen, was nichts weiter ist als der Klang. Am Ende geht es jedem doch nur um die Klangfarbe. Die momentane Farbe des Klangs ist dunkel-violett, Hörbereiche der Galaxien schätzt man ein, als der Traum sich wiederholt, und man die Spiegelsicht anfixiert. Man schwebt in Richtung Himmel, nach oben, ziemlich langsam, in Richtung Ganglizenzelle – Richtung On/Off Center, Richtung visueller Cortex. Richtung Personenbeschreibungen auf Planet Erde, Umfeld und Spielfeld: Neue Bilder verschwimmen zu Motiven: Prägnanz, die Figur wird so wahrgenommen, dass sie einer möglichst einfachen Struktur entspricht – Nähe, denn Bildelemente gleicher Form und Farbe wie Wolken, werden als zusammengehörig empfunden, wenn diese nahe beieinander liegen. Dann die Ähnlichkeit: Die Bildteile gleicher Form und Farbe werden als Ganzes gesehen – auf der anderen Hirnhälfte das Spiel: Symmetrie, die Strukturen werden dem gleichen Objekt zugeordnet – Kontinuität, die Fortsetzung vorangehender oder unterbrochener Elemente zu sein scheinen, werden als zusammenhörig angesehen. Und dann der Endgegner: Spekulation.

Bryan Kessler

Eine Erkenntnis erreichen, erlangen, was allerdings dauert. Es gibt kein dunkles Weiß, oder helles Schwarz. Rationale Übergangszeit bleibt nicht mehr zum Fragen stellen, Magnetgleich wird man angezogen, irgendetwas brodelt dort oben, das Resultat der Realität, betrinkt sich mit der Antwort der Spekulation an einem Tisch. Träume führen zu Einsamkeit, das weiß jedes Kind. Ein Detektor an einem Höhenballon nicht weit entfernt kann man über der Antarktis von oben aus sehen. Erstaunlich mehr Elektronen wurden registriert, als das All es im Standardmodell erklären könnte.

Ist da also ein unentdecktes Objekt, was für diese Elektronen verantwortlich für ein Signal in der mysteriösen dunklen Materie ist? Mit Hilfe der Nasa Mars Reconnaissance Ortiber haben die schlauen Wissenschaftler gewaltige Gletscher aus Wassereis aufgespürt, die durch eine Decke aus Staub und Geröll geschützt wird. Die Eismassen liegen weiter von den Polen des roten Planeten entfernt als zuvor und dürften ab sofort den größten Wasservorrat auf dem Mars jenseits der Polarkappen darstellen. Es geht weiter, mehrere Stufen höher.

Immer noch: Einen Fuß von der anderen. Schwerelosigkeit macht high: Die Galaxie NGC 1569, ein echter Einzelgänger, scheint nun doch inmitten mehrerer Galaxien zu sein, was heißen muss, dass sie doch weiter entfernt ist, als erwartet und nur das der Grund für eine erhebliche Weiterbildung von Sternen im System sein kann. Raumfahrt als Hobby, das wäre was. Ja, sogar von einem Galaxyzoo hat man gehört, seitdem Azubiwissenschaftler den Bossen bei der Forschung helfen. Dabei könnte es sich um das bislang fehlende Bindeglied zwischen elliptischen Galaxien und Spiralgalaxien handeln. Dann wieder ein anderer Sprung, es wird sich nach links gedreht.

Die Atmosphäre bildet sich zu einem großen leeren Raum, wo man Nutella statt MDMA mit Sviatoslav Richter injiziert (abgeschleckt hat’s immer besser geschmeckt – das sollte jedem bewusst sein bei bewusstem Bewusstsein) wenn Gilels vor der sowjetischen Armee Rachmaniovs G-Moll Prelude spielt, is das Punkrock. Federn fliegen umher, hier haben Kissenschlachten stattgefunden. Die Frage zur Pataphysik bleibt weitergehend offen in dieser Umgebung. Schon immer war es das humorvolle Beantworten von Fragen, aber genauso gut idiotische Syntax oder = Was Kluges ist das hier alles nicht. Da gibt es doch Besseres. Oder versteht man diese vermeintliche Hauptthese der Pataphysik? Was man herauslesen kann ist ein satirischer Unterton, gegenüber den bereits vorhandenen Wissenschaften. In sofern man dieses Gewusel von Satzstücken richtig deutet, dann ist die Aufgabe der Pataphysik imaginäre, also nicht existente Lösungen symbolisch anzuordnen.
Klingt schwerer als es ist. Man sollte das im Hinterkopf behalten.

Bryan Kessler

Einen Raum weiter: Die Wahngoldwaagen in Wahngoldwagen werden an wahngoldigen Tagen zum Wahngoldladen gefahren – dort wird sich vertragen, denn der Magen an dem sich schon die Raben laben, scheint doch seine Aufgabe zu haben. Bedeutet: Man kann keine Gitarre spielen, dafür aber auch kein Klavier. Mikro umgetreten, Saiten gerissen, ins Schlagzeug gesprungen, und dann ein Blitz – Metaphysischer Saft aus Augenhöhlen in Richtung Publikum. Die Hälfte hier tötet für Geld, und kifft aus Langeweile, – alle betteln nach dem endgültigen Ultimatum; einem Mac Donalds Lieferservice, dann ein weiterer, stärkerer Blitz, und man steht wieder auf der Landstraße. Du wirst unterbrochen im Traum, wieder von dem alten Schulfreund, runtergekurbeltes Fenster. Man wird gefragt, ob es cool wäre zu rauchen. Harvey K. hat‘s gesagt: Erst wird das Rauchen verboten , dann der Sex (am Arbeitsplatz – Anmerk. d. Red.) = Optimierungs-Deppologie – auch polCorr genannt.

Ohne ein Wort zu sagen tritt man ab, mit dem Wunsch wieder die Raumfahrt zu spüren, die Fragen zu erläutern, mehr zu sehen, mehr zu spüren, mehr zu durchdringen, von mehr durchdrungen zu werden. Dann wieder im Zimmer, flackerndes Kerzenlicht, und keine Wahrnehmungsmöglichkeit weit und breit.

Was da noch hilft:

Mutter werden – Sohn kriegen – Bewusstsein erweitern – Fallschirmsprung buchen – Kopfhörer aufsetzen – Töne deuten – Süßigkeiten kaufen – Astronaut werden – Wirklichkeit neu definieren – Fliegen lernen.

(Bryan Kessler)

Zu Gast #14: Frank Pichelstein Bröker “Blutende Frauen müssen draußen bleiben”

Montag, 20. September 2010

Frank Pichelstein Bröker

Einer der veröffentlichungswütigeren Autoren des Verlags Andreas Reiffer ist Frank Pichelstein Bröker. Neben weiteren Werken aus der “Haus am Stein-/Pratajev-Reihe” ist zuletzt sein Buch “VerschwINDIEN” (118 S., 10 Euro) erschienen. Dieser unkonventionelle Reiseführer fasst die kuriosen Erlebnisse des Autors zusammen, die er während seines ersten Indienurlaubs gemacht hat.

In der Tradition von Friedrich-Karl Praetorius „Reisebuch für den Menschenfeind“, wird hier auf eine misanthropische und auch selbstironische Art von den kulturellen Eigenarten des Landes beziehungsweise den teils verhängnisvollen Fehlern des unbedarften europäischen Touristen erzählt. “Blutende Frauen müssen draußen bleiben” ist eine der kürzeren Geschichten aus diesem sehr vergnüglichen Buch.

(Christoph Parkinson)

Frank Pichelstein Bröker

“Blutende Frauen müssen draußen bleiben”

Mit einigem Geduldsaufwand ließ sich meine Flucht aus Delhi buchen, und das kam so: Ich brauchte einzig: »Need a Guide« zum ersten Schrägen, der mich im Straßengewühl gleich wie einen Popstar anhimmelte, zu sagen. »No problem, my friend. Wait one minute only«, kam zur Antwort. Der karitative System-Vertreter gemahnte mich, standhaft zu sein und stob wie ein frisch geladenes Duracell-Häschen von dannen.

Der Ort glich einer schrulligen Amüsierzone. Meal-Combo-Werbung, feat. Maharaja-Burger wehte mich von weit her an. Sieht lecker aus, so ein indischer Mac, jamjam. Ein echter Global-Player mit Fleischklops in der Mitte. Doch welches Getier ließ dafür sein Leben? Was dem Hindu die Kuh-Mutter, ist dem Moslem das Schwein. Ein Klops aus Hammel, Büffel oder Ziege käme in Frage. Hühner wären möglich, aber einen separaten Chicken Burger führt das Sortiment bereits. Was ist los? Knurrt der Magen? Läuft bereits Spucke über die Lefzen? Bei allem Hunger: Der knappe Weg zwischen Kopf und Zähnen sollte wohlweislich überlegt sein. Drum hinfort, gelbroter Zettel. Keine Burger im Urlaub.

Nach döseligen Weilen des Dummherumstehens befand ich mich im quirligen Straßengeschäft mit einem vom Duracell-Häschen herangeschafften Guide-Vermittler. Ich hockte auf einem Betonfuß, er buckelte fein gezwirnt schwere Kataloge in Stoffeinbänden heran. Brüllend fingerte er auf Landkartenausläufern herum. Ich könne morgen bereits im Himalaja sein. Oder in Varanasi, der heiligsten Hindustadt am Ganges. Dort, wo alles vollends im Fluss ist. Gesunde, Todgeweihte und Verkohlte. Übermorgen würden wildeste Tempelfeste der indischen Südspitze auf mich warten, behauptete der Mann nassforsch. Feste, die so heißen, weil man sich darin abseits aller Normen benehmen darf. Er zeigte mir Bilder bunt bemalter Menschen, die johlend einem Lautsprecherwagen folgten. Bitte, nur das nicht. Sogar per Schiff könne hingefahren werden, alles Super Deluxe. Der Mann geriet in Ekstase, blätterte in einem fort, rief: »Look, my friend«, und aufs Neue kamen mir all die damit verbundenen Shop-Scharaden in den Sinn. Ich wollte nur nach, besser gesagt durch Rajasthan verreisen. Mit einem Hindu-Fahrer, keinem Sikh, keinem Moslem. Er kapitulierte endlich, klappte die Weltreisepläne beiseite. Auf durchs wilde Rajasthan. Ein übersichtliches Ansinnen, welches durchaus als machbare Offerte erschien. Laut Karte fast gleich um die Ecke.

Frank Pichelstein Bröker

Im Passage-to-India-Office, nah eines Hindutempels, wurde süße Limonade an Gebäck feilgeboten. Der Guide-Vermittler empfahl sich, strich die Provision ein und ging. Draußen stritt er mit dem Duracell-Häschen, drinnen sollte ich meinen Trip im Voraus begleichen. An reisenötigen Barschaften mangelte es. Ich könne mit einer Kreditkarte bezahlen, alles »no problem, very easy, very safe«. Doch da mir bis dato nie in den Sinn kam, freundlichen Fremden Geldplastiken auszuleihen, sollte ich zur nächsten Bank kutschiert werden. Die meisten Kartenlesegeräte indischer Geschäftstüchtigkeit verorten sich zudem in zweifelhaften Hinterräumen. Auf dem Weg zur Bank saß bereits der für morgen herbeitelefonierte Guide am Steuer. Zum Kennenlernen, wie mir aufgetragen wurde. Alles bestens. Schlussendlich hatte ich ein Passage-Ticket in der Hand und Feenstaub in den Augen. Weg hier, schon morgen. Noch schnell Tempelgucken, dann Rückzug ins Bett.

Wenige Schritte neben dem Office, in einem Paralleluniversum, befand sich besagter Tempel. Er erinnerte an einen schroff aufstampfenden Elefantenfuß. Reich an kopfbemalten Torbögen, allerlei Göttervolk daran versteinert. Bunte Kreidefinger hatten mehrere Schiefertafeln in Hindi-Schrift getüncht. Sie standen, verschieden hoch aufgereiht, am Treppenauflauf im Weg. Sollte ich daran vorbei, wirklich ins Heilige hineingehen? Erst einmal tat ich dumm, rauchte, die Lage austarierend. »Vielleicht tritt gleich jemand ins Freie und hat Verblüffendes mit mir vor«, dachte ich. Dann erschien, na bitte, der Tempelwächter. Barfuß, in weiße Tücher gehüllt. Doch statt mich freundlich, um Spenden anpumpend, willkommen zu heißen, war er ein wenig außer sich. Vor meiner Nase wutschte und wedelte es; hämmernd deutete der Wallewallemann auf die Tafeln. So musste sich Armstrong auf dem Mond gefühlt haben: außer Staub unter den Tretern nichts als dummes Gehüpfe. Sicherheitshalber warf ich die Zigarette fort. Ein Zerlumpter griff danach und rauchte weiter. Der Wächter ging zurück in den Elefantenfuß, dickes Türtuch verschlang ihn. Ein zweiter Weißrock fand den Weg zu mir: »My friend, hello.« Ich reichte ihm etwas Gandhigeld, sollte er mir halt die bunten Schiefertafeln übersetzen.

Zunächst klärte er mich auf, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort sei, denn im Gebetshaus fände eine göttliche Reinigungszeremonie, quasi nur für Insider, statt. Die Tafeln belehrten darüber. Dessen ungeachtet stand zugleich geschrieben, dass Frauen in der Menstruation keine Eintrittsbillets lösen dürfen. Blutige, menotüchtige Frauen würden den heiligen Ort naturgemäß verunreinigen. Ich erkundigte mich, wer solcherlei Umstände kontrolliert, wollte wissen, ob die Ausgabe von Damenbinden Abhilfe schaffen könne. Der Mann verstand schlagartig nichts mehr und ging zum Gegenfrageangriff über: »Is it the first time in India?«, »Where do you come from?«, »What are you doing?« Was sollte ich anderes antworten, als Loriot es getan hätte? »Ich heiße Erwin Lindemann, ich bin 500.000 Jahre alt. In 66 Jahren fahre ich nach Island, und im Herbst eröffnet dann der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Boutique in Wuppertal.«

(Frank Pichelstein Bröker)

Zu Gast #13: Sidney Beers “Sick and violent”

Montag, 06. September 2010

Sidney Beers

Er selbst nennt sich “Germany’s most hated Punkrocker”. Für viele Koblenzer gilt er wohl eher als “Deutschlands nervtötendste Pestpocke”. SIDNEY BEERS, ehemals Sid Nasty, ist mir erstmals vor circa elf Jahren begegnet. Ich befand mich gerade auf dem Weg zu meinem früheren Ausbildungsbetrieb, der Rhein-Mosel Verkehrsgesellschaft GmbH, als er mich vor der Mc Donalds-Filiale am Koblenzer Hauptbahnhof abfing und mich nach einer Mark anschnorrte. Ich zeigte ihm einen Vogel und antwortete: “Verpiss dich, du Heini!”. Anschließend ging ich zügig in mein Büro. Die Zeit drängte und ich hatte ich noch einige Besänftigungsschreiben an verärgerte Fahrgäste aufzusetzen. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wer von uns damals der größere Heini gewesen ist.

Sid begegnete ich in den darauf folgenden Jahren unzählige Male. Wenn er abends nicht auf dem Bahnhofsgelände, vorm Penny oder im Biergarten herumlag, lag er vor den Eingängen sämtlicher Jugendzentren dieser Welt im Delirium und versperrte verärgerten Konzertbesuchern den Weg. Dies hat sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich geändert. Aber inzwischen trifft man ihn zumindest häufiger auf diesen Konzerten vor oder, in ganz besonderen Momenten, sogar mit seiner Band, GANGBANG AND THE CUMSHOTS, auf der Bühne. Neben dem Musizieren übt er sich im Schreiben. Ziemlich sicher wird er nicht der neue Jack Ketchum, aber Typen, die “Beer” auf dem Bauch und “Bull-Shit” auf den Fingern tätowiert haben, gebe ich in Ausnahmefällen gerne die Möglichkeit, unsere Leser mit ganz besonderen lyrischen Ergüssen zu unterhalten.

(Christoph Parkinson)

Sidney Beers

“Sick and violent”

- Part I -

Die Sonne ging langsam unter. Vom Bolzplatz aus betrachtete Peter das romantische Schauspiel des großen, roten Feuerballs, der am Horizont versank. Er wusste, dass er sich beeilen muss. Er packte seinen Turnbeutel mit den Fußballsachen und rannte so schnell los, wie er konnte. Er verabschiedete sich nicht einmal von seinen Freunden – oder besser gesagt – von den Jungs mit denen er abhing. Denn richtige Freunde hatte er nicht. Die Anderen hielten ihn für einen seltsamen Freak und duldeten ihn lediglich in ihren Reihen, weil er ein guter Torwart war.

Er rannte über die alte Brücke, die ihn in Richtung des Waldes führte. Obwohl er ein guter Sportler und ziemlich fit war, keuchte er schwer. Aber er hatte keine Wahl, er musste richtig Gas geben. Plötzlich merkte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Er stürzte zu Boden und schürfte sich die Knie auf. Er rappelte sich langsam auf, verfluchte den Stein, über den er gestolpert war und setzte seinen Weg fort. Er musste unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit sein Ziel erreichen. Wäre er nicht gestürzt, hätte er es auch geschafft, aber seine Knie schmerzten und er konnte nicht mehr allzu schnell weiterrennen. Als er den Waldrand erreichte, war es bereits dunkel. Er ging durch den Wald und hatte eine Scheißangst. Er fürchtete sich nicht vor möglichen Monstern, Mördern oder wilden Tieren, die in diesem dichten, finsteren Wald auf ihn lauern könnten. Er fürchtete sich einzig und allein vor dem, was ihn in seinem trauten Heim erwartete.

Nach einiger Zeit erreichte er die kleine Blockhütte, die auf einer traurig anzusehenden, mit braunem Laub bedeckten, kleinen Lichtung stand. Er öffnete die Tür. Sie war nicht verschlossen – wer sollte in dieser gottverlassenen Gegend schon in eine Blockhütte einsteigen. Er trat aus der Dunkelheit des Waldes in die Dunkelheit der Hütte.

Sidney Beers

„Du bist zu spät“, tönte es aus der Finsternis. Der fünfzehnjährige Junge erschrak, als plötzlich sein Vater vor ihm stand und eine alte Öllampe anzündete. Peter wusste genau, wie es weitergehen würde: So wie immer, wenn er zu spät nach Hause kam oder sonst wie aus der Reihe tanzte. Sein Vater würde ihn anschreien und ihm ins Gesicht schlagen. Doch das machte Peter schon lange nichts mehr aus. Das Schlimmste kam erst danach. Sein Vater würde mit ihm in den Keller gehen. Dort würde er ihn ausziehen und ihm eine Maske aufsetzen. Die Maske, die er aus den Schädelknochen von Peters Mutter gemacht hatte, nachdem er sie sechs Jahre zuvor mit einer Axt in Stücke gehackt hat. Dann würde er ihm glühend heiße Stricknadeln ihn den After und die Harnröhre einführen und anschließend musste Peter sich am ganzen Körper mit Terpentin und einer Drahtbürste reinigen.

Für seinen Vater hatte dieses Ritual eine religiöse Bedeutung. Während er seinen Sohn folterte, zitierte er aus der Bibel und stellte ihm Fragen zu der heiligen Schrift. Wenn Peter diese falsch beantwortete, musste er zur Strafe Vaters verrottete Scheiße essen, welche im Keller zuhauf in nassen Leinenbeuteln gelagert war. Danach wurde er ohne Nachtisch ins Bett geschickt. Wie immer ließ Peter auch an diesem Tag alles über sich ergehen. Doch als er mitten in der Nacht aufgrund seiner grauenhafte Alpträume mal wieder vollgepisst erwachte, konnte er nur noch an eines denken: Rache.

Er zog sich an und schlich nach Draußen. Er ging in den Schuppen, den Vater auf Mutters zerhackter Leiche erbaut hatte. Er griff sich ein Gewehr aus Vaters Sammlung und ging zurück in die Hütte. Er betrat das Schlafzimmer und feuerte einen Schuss nach dem Anderen auf seinen schlafenden Erzeuger ab. Er nahm das gesamte Geld, das er finden konnte, und verließ diesen Ort des Grauens. Für immer. Da Peter nicht wusste, wo er hingehen sollte, schlief er diese Nacht unter der alten Brücke. Ein paar Penner wurden aufdringlich und wollten ihn beklauen. Er hielt ihnen kurz das Gewehr unter die Nase, woraufhin sie das Weite suchten. Dies rief natürlich auch die Polizei auf den Plan, welche kurz darauf mit fünf Mann Peters Nachtquartier stürmte. Nachdem er einem von ihnen den Schädel weggeblasen hatte, verbrachte er die nächsten zehn Jahre in einer geschlossenen Psychiatrie…

- Fortsetzung folgt (…vielleicht!) -

(Sidney Beers)

Zu Gast #12: Daniel Faust “Der Anhalter”

Donnerstag, 01. Juli 2010

Daniel Faust
Daniel Faust

Schauspiel und Sprechen. Daniel Faust aus Berlin – als Schauspieler ist er in Kinofilmen wie “Savage Love 666″ von Olaf Ittenbach oder “Fallacia” von Navina Clever und Paulina Wanat zu sehen. Der Radius seines gesamten Aktionsfeldes erfasst jedoch auch andere Bereiche, Formate und Tätigkeiten. Die Schlagwörter sind Theater, Fernsehen, Synchronisation, Hörspiel und Lesungen. Dass er als Sprecher zudem selbst Kurzgeschichten schreibt, verwundert weniger. Weitere Informationen und Kontaktdaten findet ihr auf seiner Homepage sowie auf der Internetpräsenz von seiner Agentur Weiber und Kerle. Also: Action!

(Christoph Parkinson)

Der Anhalter

Die Umrisse des Mannes waren nur schwer zu erkennen. Verwinkelt stand er an einer Waldesschneise und wartete trotz des starken Regens auf einen barmherzigen Autofahrer, der ihn wohl aus seiner einsamen Lage befreien sollte. Sichtlich erleichtert konnte ich ihn in dem tropfenbehangenen Rückspiegel auf mein Auto zueilen sehen.

„Hey Mister! Können sie mich nach Norwax mitnehmen?“
„Ja, ja, natürlich, steigen sie ein.“
Die feuchte und frische Abendluft schaffte es nicht den Gestank zu verbergen.

Im Radio lief ein Song von den Beatles. Gutes Gesprächsthema – dachte ich mir.

„Ja, ja, ist schon ne schlimme Sache mit John.“
„Was meinen sie?“
„Mit John, John Lennon meine ich. Den kennen sie doch, oder?“
„Nein, wer soll das sein? – Ein Politiker?“

Die monotone Stimme beunruhigte mich. War er besoffen, gar auf Droge, oder einfach nur total durchgeknallt? John Lennon, jedes Kind kennt ihn. Seit Tagen ist sein Bild aus keiner Zeitung, Talkshow oder Nachrichtensendung mehr wegzudenken. Die Tragödie überhaupt. Und dieser – nein das konnte nicht sein.

„Äh, wenn ich fragen darf, wo kommen sie denn her?“
„Ich habe einen sehr langen Weg hinter mir.“

Die spärliche Antwort beendete gekonnt mein Weiterfragen.

Norwax: 12 Meilen, stand auf einem Schild. Ich fühlte mich irgendwie bedroht. Und dann dieser Gestank. Was war es? Je länger er in meinem Auto saß, desto penetranter wurde der Geruch. Es war kein Alkohol. Ich öffnete das Fenster.

Er war unheimlich. Schaffte es irgendwie gleichgültige Ruhe und animalische Nervosität zu vereinen. Und dann dieser starre Blick.

Daniel Faust

Norwax: 8 Meilen. Dieses Scheißwetter. Ich schloss das Fenster. Schon wieder Beatles. Wer war dieser Kerl. Wo kam er her? Mitten in den Feldern, 20 Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt. Dann noch dieser Gestank, dieser Blick. Ich wurde nervös. Seine Hände lagen ruhig auf den angewinkelten Knien und doch schienen sie sich zu bewegen. Jede Sekunde bereit hochzuschnellen und zuzupacken! – Zu viele Horrorfilme gesehen. – Ich atmete tief durch und drehte das Radio lauter. „We´re all living in a yellow submarine“

Norwax: 5 Meilen

„So, gleich haben wir es geschafft.“

Mein Blick wechselte hektisch: Die Straße, sein Konterfei, die Straße, sein Konterfei. Ich erwartete eine Antwort, eine Reaktion. Starrer Blick… er bewegte ihn ganz langsam in meine Richtung. Nun schaute er mich an. Straße Augen Straße Augen.. sein Blick schien mich zu durchdringen. Straße Augen, Straße Augen.

Norwax: 2 Meilen

Erleichtert nahm ich das Schild wahr, und den seitlichen Anblick seines Gesichtes. Die Lichter kamen immer näher. Sahen wie eine richtige Kugel aus bei dem Regen, fast schon wie ein Ufo, oder so etwas. Das war Norwax. Gleissend hell schienen die Lichter nach einer dunklen Fahrt. Sie blendeten fast.

„Dort vorne halten.“

Der unfreundliche Ton störte mich in keiner Weise mehr. Ich war erleichtert. Der Gestank schien ebenfalls verschwunden zu sein. Ich bemerkte es erst jetzt.

„Ciao, du bekloppter Typ“, dachte ich mir und schaute dabei noch einmal in den Rückspiegel. Autsch!“

Ein Blitz? Ein Wetterleuchten? Ich kniff die Augen zusammen, schüttelte kurz den Kopf. Verwirrung… Ich fuhr weiter.

Ende

(Daniel Faust)