
Es ist lobenswert, dass der Großteil meines Freundeskreises, trotz dessen überwiegend fortgeschrittenen Alters, sich von einem jugendlichen, kreativen Tatendrang leiten lässt. Nicht minder wichtig ist, dass der Nachwuchs agiert. Die Produktivität des 19jährigen Bryan Kesslers aus Köln ist vorbildlich. Als Sänger und Gitarrist von der Band THE POLLYWOGS, wird er nicht müde, gute Indiesongs zu schreiben. Auch als Autor ist er emsig.
Als Gastautor wirkt er bei dem Literatur-/Fotografiefanzine “Zeitlosschrift” mit und er schreibt für den Likeblog. Am 12. November erscheint sein zweites Buch: “Pollygamie”. Anderthalb Monate vor dessen Veröffentlichung, könnt ihr den daraus entnommenen Text “Raumfahrt zu Fuß” bereits auf unserer Seite lesen. Inspirationen aus dem Physikbuch werden in einen Handlungsablauf eingebettet, der vermutlich das Ergebnis einer Sitzung kreativen Schreibens ist und anfangs mit teils unkonventioneller Interpunktion irritiert. Neugierig darf man auf die Erscheinung von Bryans “Pollygamie” blicken.
(Christoph Parkinson)

“Raumfahrt zu Fuß”
Die Mutter kommt ins Zimmer und sagt zu ihrem Sohn: “Du Hurensohn!”, woraufhin er an dem großen Milchglas nippt und freundlich sagt: “Du bist die Oma einer Hure!”
Ist das futuristisch, oder alter Käse?
Die Parodie beginnt morgens an einem trüben Wintermorgen neben einem der Felder, am Rande der Stadt. Nichts außer Bettlern, oder Reichen gibt es dort, also die, die du als Kind entweder geliebt hast, weil sie dir ein Eis ausgeben, oder die, vor denen du dich gefürchtet hast, weil sie dich aus Versehen im Bus aus der letzten Sitzreihe ankotzen. Die Luft schmeckt süßlich im Mund, manche Leute würden sagen, sie hätten ein Schlangenmaul, wenn der Wind ihren Speichel komplett zerfrisst, bis die Zunge nur noch ein langer Hautlappen in der Mundwüste ist, der bis in den Hals hinab ragt und dort irgendwo unten ins Innere der Körperwelt eindringt, sich dort verschanzt, und man keine Ahnung hat, ob man noch bereit ist sie zu bewegen, oder ob sie einfach bloß festsitzt.
Es ist noch ziemlich dunkel, sechs Uhr in der Frühe – man sieht Kinder zur Schule fahren, auf nagelneuen Fahrrädern die noch glitzern, und die Laternen an den Straßen wurden erst vor wenigen Minuten ausgeschaltet. Astraltraveling steht auf dem Tagesplan. Die Füße einen vor den andern schiebend, mit den Händen einen imaginären Beat klopfend, und Kette rauchend, am Straßenrand, den Finger raus, auf gut Glück in Richtung Entfernung, in Richtung Reise, in Richtung richtig. Autos fahren vorbei, man sieht Ehemänner, die ihre Frauen zur Arbeit fahren, man sieht versoffene Jugendliche, die von einer Party nach Hause fahren, man sieht Familien, die sich auf den Weg zu einem Ausflug machen. Im Kopf ist jedes Bild und jede Sequenz ein Eintrag im System, und jeder Eintrag in das System, lässt das System zu einem neuen entstehen. Jeder Eintrag wird neu erfasst, und neu erbaut, mit jedem weiteren weiterhin zusammenhangslosem Bruchstück.
Erinnerungen ausschalten, bloß puzzeln. In der Schule war man gerne in der Pause auf dem Schulhof, hat Fußball gespielt. Da war immer ein Kerl, der beste Torwart der ganzen Schule, hält jeden Ball, der King der Pausenspiele. Nach zehn Jahren triffst du ihn wieder, als er dich aus dem runtergekurbelten Fenster seines Ford Fiestas angrinst und dich fragt, ob du deinen Führerschein auch schon gemacht hast. Ist jetzt Partyveranstalter und macht gelegentlich was mit Medien. Hat eine Freundin, die schwanger ist, und seine Lieblingsmusik ist bulgarischer Heavy Metal, oder wie er es sagt, etwas was noch mehr abgeht, Black Metal aus Finnland – ist voll im Kommen. Fenster wieder hochgekurbelt, und davon gesaust. Staub fliegt in die Augen und man verliert ein wenig die Orientierung. Ein Fuß vor den anderen. Ein Fuß vor den anderen.

Im Kopf; der Traum letzter Nacht: Ein Traum, wo man nur in Eile ist, immer auf der Suche nach etwas, noch schlimmer als in der Realität, nur rennt, nur Highspeed, nur gerade aus, mit Gedanken im Kopf: Der langersehnte Fallschirmsprung – wenn man den Hubschrauber verlässt, ist die einzige Kraft die wirkt, die Adrenalinkraft. Zu Beginn bewegt man sich langsam, daher ist auch der Luftwiderstand klein und es gibt eine große nach unten wirkende Nettokraft (= Gravitationskraft – Luftwiderstand). Diese große Nettokraft beschleunigt stark, und die Geschwindigkeit nimmt also weiter seine Größe an. Ein Zunehmen der Geschwindigkeit führt aber auch zu einem gleichzeitigen Ansteigen des Luftwiderstandes. Man beschleunigt auf einmal so lange, bis die Gravitationskraft und Luftwiderstandskraft gegengleich sind. 200 km/h als Endgeschwindigkeit, und und immer in Richtung Beton.
Redet man von Gravitation, reden wir von Wechselwirkungen in der Natur. Ja, da wo Tiere wohnen, Pflanzen, und so weiter. Aber hauptsächlich geht es um Energie; die Bestimmung von Bahnen der Planeten, und der Sonne. Dies hat eine riesige Bedeutung für Astronomie und Kosmologie. Wir Menschen auf Planet Erde nennen dies immer Gewichtskraft, weil die Gravitation auf alle Körper eine zu ihrer Masse proportionale Kraft in Richtung des Erdmittelpunktes wirkt. Doch bei diesem Sprung ist der Kopf nicht nach unten gesenkt, es wird nach oben geschaut, man betrachtet die Himmelserscheinung. Hat diesen gewissen Effekt, ein Schrei in Richtung Galaxie, der Flug hält an, man schwebt. Wie entsteht bewegte Luft? Wie funktioniert das mit dem Schall? Da gibt es sicher viel zu zu sagen, doch keiner der Leser will sich jetzt ernsthaft mit dem Überschallknall, Dezibel als Schallstärke (D= Dämpfung, E1= Energie vor, E2= Energie hinter dem dämpfenden Medium, wie Luft, Gas, Flüssigkeit) beschäftigen.
Da gibt es noch diese Bitch namens Frequenz, die man in Hertz (1Hertz = 1/Sekunde) rechnet. Hier wird mit Wörtern wie Sinusschwingung und Amplituden gesprochen, was nichts weiter ist als der Klang. Am Ende geht es jedem doch nur um die Klangfarbe. Die momentane Farbe des Klangs ist dunkel-violett, Hörbereiche der Galaxien schätzt man ein, als der Traum sich wiederholt, und man die Spiegelsicht anfixiert. Man schwebt in Richtung Himmel, nach oben, ziemlich langsam, in Richtung Ganglizenzelle – Richtung On/Off Center, Richtung visueller Cortex. Richtung Personenbeschreibungen auf Planet Erde, Umfeld und Spielfeld: Neue Bilder verschwimmen zu Motiven: Prägnanz, die Figur wird so wahrgenommen, dass sie einer möglichst einfachen Struktur entspricht – Nähe, denn Bildelemente gleicher Form und Farbe wie Wolken, werden als zusammengehörig empfunden, wenn diese nahe beieinander liegen. Dann die Ähnlichkeit: Die Bildteile gleicher Form und Farbe werden als Ganzes gesehen – auf der anderen Hirnhälfte das Spiel: Symmetrie, die Strukturen werden dem gleichen Objekt zugeordnet – Kontinuität, die Fortsetzung vorangehender oder unterbrochener Elemente zu sein scheinen, werden als zusammenhörig angesehen. Und dann der Endgegner: Spekulation.

Eine Erkenntnis erreichen, erlangen, was allerdings dauert. Es gibt kein dunkles Weiß, oder helles Schwarz. Rationale Übergangszeit bleibt nicht mehr zum Fragen stellen, Magnetgleich wird man angezogen, irgendetwas brodelt dort oben, das Resultat der Realität, betrinkt sich mit der Antwort der Spekulation an einem Tisch. Träume führen zu Einsamkeit, das weiß jedes Kind. Ein Detektor an einem Höhenballon nicht weit entfernt kann man über der Antarktis von oben aus sehen. Erstaunlich mehr Elektronen wurden registriert, als das All es im Standardmodell erklären könnte.
Ist da also ein unentdecktes Objekt, was für diese Elektronen verantwortlich für ein Signal in der mysteriösen dunklen Materie ist? Mit Hilfe der Nasa Mars Reconnaissance Ortiber haben die schlauen Wissenschaftler gewaltige Gletscher aus Wassereis aufgespürt, die durch eine Decke aus Staub und Geröll geschützt wird. Die Eismassen liegen weiter von den Polen des roten Planeten entfernt als zuvor und dürften ab sofort den größten Wasservorrat auf dem Mars jenseits der Polarkappen darstellen. Es geht weiter, mehrere Stufen höher.
Immer noch: Einen Fuß von der anderen. Schwerelosigkeit macht high: Die Galaxie NGC 1569, ein echter Einzelgänger, scheint nun doch inmitten mehrerer Galaxien zu sein, was heißen muss, dass sie doch weiter entfernt ist, als erwartet und nur das der Grund für eine erhebliche Weiterbildung von Sternen im System sein kann. Raumfahrt als Hobby, das wäre was. Ja, sogar von einem Galaxyzoo hat man gehört, seitdem Azubiwissenschaftler den Bossen bei der Forschung helfen. Dabei könnte es sich um das bislang fehlende Bindeglied zwischen elliptischen Galaxien und Spiralgalaxien handeln. Dann wieder ein anderer Sprung, es wird sich nach links gedreht.
Die Atmosphäre bildet sich zu einem großen leeren Raum, wo man Nutella statt MDMA mit Sviatoslav Richter injiziert (abgeschleckt hat’s immer besser geschmeckt – das sollte jedem bewusst sein bei bewusstem Bewusstsein) wenn Gilels vor der sowjetischen Armee Rachmaniovs G-Moll Prelude spielt, is das Punkrock. Federn fliegen umher, hier haben Kissenschlachten stattgefunden. Die Frage zur Pataphysik bleibt weitergehend offen in dieser Umgebung. Schon immer war es das humorvolle Beantworten von Fragen, aber genauso gut idiotische Syntax oder = Was Kluges ist das hier alles nicht. Da gibt es doch Besseres. Oder versteht man diese vermeintliche Hauptthese der Pataphysik? Was man herauslesen kann ist ein satirischer Unterton, gegenüber den bereits vorhandenen Wissenschaften. In sofern man dieses Gewusel von Satzstücken richtig deutet, dann ist die Aufgabe der Pataphysik imaginäre, also nicht existente Lösungen symbolisch anzuordnen.
Klingt schwerer als es ist. Man sollte das im Hinterkopf behalten.

Einen Raum weiter: Die Wahngoldwaagen in Wahngoldwagen werden an wahngoldigen Tagen zum Wahngoldladen gefahren – dort wird sich vertragen, denn der Magen an dem sich schon die Raben laben, scheint doch seine Aufgabe zu haben. Bedeutet: Man kann keine Gitarre spielen, dafür aber auch kein Klavier. Mikro umgetreten, Saiten gerissen, ins Schlagzeug gesprungen, und dann ein Blitz – Metaphysischer Saft aus Augenhöhlen in Richtung Publikum. Die Hälfte hier tötet für Geld, und kifft aus Langeweile, – alle betteln nach dem endgültigen Ultimatum; einem Mac Donalds Lieferservice, dann ein weiterer, stärkerer Blitz, und man steht wieder auf der Landstraße. Du wirst unterbrochen im Traum, wieder von dem alten Schulfreund, runtergekurbeltes Fenster. Man wird gefragt, ob es cool wäre zu rauchen. Harvey K. hat‘s gesagt: Erst wird das Rauchen verboten , dann der Sex (am Arbeitsplatz – Anmerk. d. Red.) = Optimierungs-Deppologie – auch polCorr genannt.
Ohne ein Wort zu sagen tritt man ab, mit dem Wunsch wieder die Raumfahrt zu spüren, die Fragen zu erläutern, mehr zu sehen, mehr zu spüren, mehr zu durchdringen, von mehr durchdrungen zu werden. Dann wieder im Zimmer, flackerndes Kerzenlicht, und keine Wahrnehmungsmöglichkeit weit und breit.
Was da noch hilft:
Mutter werden – Sohn kriegen – Bewusstsein erweitern – Fallschirmsprung buchen – Kopfhörer aufsetzen – Töne deuten – Süßigkeiten kaufen – Astronaut werden – Wirklichkeit neu definieren – Fliegen lernen.
(Bryan Kessler)