In den Vidmarhallen vom Stadttheater Bern läuft bis zum 12. März das Schauspiel “Sennentuntschi“. Nach der Vorlage von Hansjörg Schneider aus dem Jahre 1972, inszeniert Elias Perrig das “erotische Dialektschauspiel”, welches Anfang der 80er, aufgrund von vorgeworfener Gotteslästerung, im Land für Entrüstung auf Seiten der Christen sorgt. Während sich am vergangenen Sonntag die rheinländischen Jecken vom Saufinferno am Samstag ausruhen beziehungsweise sich für Rosenmontag regenerieren, huldige ich lieber das Schweizer Theater mit meinem Besuch.
Die Story basiert auf einer Sage, die in den Alpen entstanden ist und deren Bekanntheitsgrad sich über weite Teile deutschsprachiger Hochberglandschaften erstreckt: Während der Saison bewohnen drei Hirten eine kleine, weit vom nächsten Dorf abgelegene Hütte im hohen Gebirge. Nach getaner Arbeit, versuchen sie sich mit Wein und Alkohol die abendliche Langeweile zu vertreiben. Stets bedeutsamer wird der Wunsch nach sexueller Befriedigung. Eines Abends basteln sie sich aus einer Mistgabel, einer Weinflasche, etwas Stroh und Käse, das “Sennentuntischi”, die “Hirtenpuppe”, und leben an ihr sämtliche Phantasien aus. Am nächsten Tag erwacht die Puppe zum Leben und lernt schnell, die sexuellen Wünsche der Männer zu erfüllen. Was zunächst als göttliches Geschenk verstanden wird, entpuppt sich bald als Satan mit Brüsten…
Als jahrelanger Wahlrheinländer habe ich von dieser Sage bis letzte Woche nichts gehört. Ebenso wenig bin ich ein kontinuierlicher Theatergänger, der vielleicht sogar dazu noch viel Ahnung von der Kunst des Schauspiels hat. Dennoch habe ich gewiss das eine oder andere Stück verschiedener Genres im letzten Jahrzehnt besucht. Vergleichsmöglichkeiten kann ich jedoch keine nennen – eine Inszenierung habe ich in dieser Form bisher noch nicht erlebt.
Der Ort des Geschehens ist ein Zimmer der kleinen Berghütte, welches ausgeleuchtet wird. Rundherum ist es dunkel. Gelegentlich steigt Nebel auf. Durch vier Fenster beobachtet der Zuschauer die Szenerie.
Die Besetzung von “Sennentuntschi” ist stark: Stefano Wenk (”Benedikt”), Ernst C. Sigrist (”Fridolin”), Sebastian Edtbauer (”Mani) und Milva Stark (”Maria”) sorgen für ein neunzig-minütiges Schauspiel der besonderen Art. Sie tragen ihren Teil dazu bei, dass von Beginn an eine unheimliche, bedrohliche Stimmung in der Luft liegt. Die Dynamik, welche in dieser Kleingruppe dargestellt wird und Einfluss auf die Gespräche und das Verhalten der drei Hirten hat, widert häufiger an.
Es geht um das Demonstrieren und Ausspielen von Macht. Sexuelle Begierden werden einerseits verbalisiert, andererseits im Kontext der Machtdemonstration in Verhaltensweisen ausgedrückt. Die Rollen der Männer verändern sich mit der plötzlichen Beseelung und Vermenschlichung der Puppe. Die sich Tag für Tag verstärkende Bedrohlichkeit der Lage wird ausdrucksvoll dargestellt. Die Hirten sprechen nicht aus, dass es für sie vielleicht bald keinen Morgen mehr geben wird. Doch der Glaube daran, das Spiel mit der Puppe beenden zu können, schwindet mit jedem weiteren Samenerguß.
Das Ende des Stückes tritt unerwartet ein und lässt mindestens eine Frage offen. Nichtsdestotrotz ist diese Inszenierung durchweg eindrucksvoll und komplett gelungen. Wen das nicht abschreckt und im Berner Umland wohnt, sichert sich besser schnell Karten für eine der letzten Vorstellungen.
(Christoph Parkinson)
vöglä vöglä und prost! ein einziger verbaler und szenischer Fötz(e)liregen zur Fastnacht…Bäh…wer hat sich das bloß ausgedacht.