Zu Gast #6: Hintergrund-Überlegungen von JAN R. zu dem Fanzine-Treffen am 24.04.2010 im AJZ Bahndamm Wermelskirchen

Prints not Dead!

DIE TOTEN HOSEN haben mal in dem Song „Das Wort zum Sonntag“ zu Recht gesungen: „Früher war alles besser, früher war alles gut, da hielten alle noch zusammen, die Bewegung hatte noch Wut. Früher hör auf mit früher, ich kann es nicht mehr hören, damals war es auch nicht anders, mich kann das alles nicht stören.“

Vielleicht muss man aber doch sagen: Anders war es schon, früher, zumindest meine ich damit den Zeitraum Anfang/Mitte der 90er, als meine ersten Gehversuche im Punk/HC stattfanden. Fanzines hatten für mich eine unglaubliche Bedeutung, vor allem schon mal wegen der Konzerttermine. Ich kannte zwar einige Konzertläden und Plattenläden, dort lagen die Flyer aus, aber in den Zines standen die eben bundesweit und meistens aktuell drin. Und ein Review von meiner damaligen Band im PLOT oder PLASTIC BOMB war etwas total Besonderes, egal ob gut oder schlecht. Wenn man mal einen Schreiber vom XY-Heft traf war das cool und interessant. Oder die ganzen Fanzine-Kriege: Die totale Ignoration bis auf’s Blut: PLOT vs. LOST AND FOUND, ZAP gegen TRUST… Fakt ist: Fanzines waren einfach sehr wichtig. Ihr Stellenwert war sehr hoch. Und dann kam das Internet…

Ein Blick noch weiter zurück: Neben einem eigenen Netzwerk von DIY-Konzertorten, eigenen Radios, eigenen Labels, Mailordern, Bookern, Bands gab es (gibt es) im HC-Punk auch eigene Presse-Erzeugnisse (auch wenn die Herausgeber der Hefte immer wieder sagen, sie seien nur Rundbriefe an Freunde), die so genannten Fanzines. Fanzines als Wort-Kombination von „Fan“ und „Magazin“ – das heißt, jemand, der leidenschaftlich für etwas glüht, bringt ein Heft darüber hinaus, als unprofessioneller Nicht-Journalist. Daher auch der alte Witz „Fanzines sind von Leuten, die nicht schreiben können, für Leute, die nicht lesen können“. Fanzines kommen eigentlich aus der viel älteren Science-Fiction-Szene, wurden aber durch das Aufkommen von Punk schnell ein wichtiges Kommunikationsmittel der „Szene“. Das SLASH in Los Angeles, das SNIFFING GLUE (das allererste Punkfanzine weltweit) in London, das PUNK in New York Ende der 70er.

Nur in den Heften stand überhaupt etwas über die neuen „Punk“-Bands drin. Dort wurden die Platten reviewt, die in den etablierten Musikzeitschriften kein Journalist auch nur mit spitzen Fingern anfasste, besprochen und dort standen Konzerttermine drin.

In Kalifornien etablierte sich durch das 1977 gegründete FLIPSIDE aus Los Angeles (2000 pleite gegangen, das Nachfolgeheft heißt RAZORCAKE und ist klasse) und dem 1982 aus einer Radioshow entstandenen MAXIMUM ROCKNROLL in San Francisco (weiterhin existent, vor einiger Zeit wurde die Ausgabe #300 gefeiert) die erste echte Fanzine-Kultur im Punk: Regelmäßige Erscheinungsweise, der Anspruch (beim MRR), weltweit über die Punkszene zu berichten, professioneller Vertrieb bei strikter Unkommerzialität. Davon war Deutschland weit entfernt, bestanden die damaligen Hefte aus unreglmässig erscheinenden Din A5 Heften, die sehr lokal über das Leben der Herausgeber berichteten.

Flyer

1986 entstand, durch ein Aktivistentreffen im süddeutschen Heidenheim, das TRUST Fanzine als Versuch, den Ansatz des MRR Heftes – Gründung eines regelmäßig erscheinenden Fanzines mit überregionaler (Info-)Berichterstattung – in Deutschland zu verwirklichen. Das war zu der Zeit völlig neu in der BRD. Es folgten Hefte wie das ZAP (1988), das PLOT Fanzine (1994), OX (1989), PLASTIC BOMB (1991), OUT OF STEP, SUBURBIA, EN PUNKT (ok, gab es schon vor 1986), VARIOUS ARTISTS, GAGSNGORE, ZOSHER, HOWL, WASTED PAPER, SCUMFUCK, FURIOUS CLARITY, SKIN UP etc.

Wie ist die Lage 2010? 2010 ist es eigentlich – um auf DIE TOTEN HOSEN zurückzukommen – genauso wie früher, nur anders. Einige Hefte gibt es nicht mehr, dafür gibt es einige neue. Ich denke, bei allem Wehklagen über „die bösen Webzines, die alle Hefte kaputtmachen“, muss man eines klar sagen: Die statistische Zahl von Print-Heften mag etwas weniger sein, okay, dafür gibt es Blogs und Webzines, wie eben auch das FURIOUS CLARITY. Aber der Punkt ist doch ein ganz anderer, der durch das Internet geändert worden ist (und nur das Internet hat Hefte eventuell ersetzt, bestimmt nicht Internet-Fanzines selbst!): Fanzines haben nicht mehr „die“ Bedeutung, die sie einst hatten. Ihr „Monopol“ der Berichterstattung und der Szenebewertung ist verloren, Streitereien über sexistische/rechtsoffene/kommerzielle Bands finden heute auf Blogs und in Foren statt. Und Reviews in Zeiten von Myspace? Man könnte argumentieren, dass Reviews noch viel wichtiger sind, da dort eine Selektion beziehungsweise eine Einordnung seitens des Reviewers im unendlichen Meer von mp3 Musik stattfindet. Na ja, aber Sie wissen schon… Drei Klicks und ich bilde mir selber meine Meinung vs. die Platte bei Frontline bestellen, zwei Wochen warten…

Nichtsdestotrotz machen gedruckte Fanzines immer noch Spaß (für die meisten zählt das Klo-Argument hier, denn mit Laptop auf dem Klo wird es umständlich), auch wenn sie nur noch eine Nische besetzen – trotz Bahnhofskiosk (hätte man sich das je träumen lassen, dass man am Bahnhof ein Fanzine kaufen kann, das PLASTIC BOMB, TRUST oder OX?).

Das Fanzine-Treffen, zu dem drei Hefte – PLASTIC BOMB, THREE CHORDS und TRUST – gemeinschaftlich im Rahmen der vierzehnten Heartcoretage im AJZ Bahndamm in Wermelskirchen aufrufen, soll in lockerer Atomsphäre einen Austausch untereinander ermöglichen, dabei gibt es keinerlei Programm, außer: Abends Konzert. Alle an der Fanzinekultur Interessierten sind herzlich eingeladen, ob Leser, Macher. Zwanzig Hefte haben ihr Kommen bisher zugesagt.

Termin, Infos, Bands, Hefte: Hier
Näheres zu den Heartcoretagen: Hier.

(Jan R./Trust Fanzine)

Furious Clarity Zines


Nachtrag von Christoph Parkinson:

Die ersten Bands stehen für die Heartcoretage am 23./24. April fest: PATSY OHARA, AYS, UNDER THE PLEDGE OF SECRECY, SNIFFING GLUE, ARKTIKA, CHUCK DAMAGE, CELESTE (Frankreich), NOVEMBER 13th, DANSE MACABRE, MUTINY ON THE BOUNTY, FARGO. Essen gibt es von VEGAN FASTFOOD CREW und 50 FOOD COMBO. Ein etwas ausführlicher Bericht auf diesem Blog folgt Ende März!

5 Antworten zu “Zu Gast #6: Hintergrund-Überlegungen von JAN R. zu dem Fanzine-Treffen am 24.04.2010 im AJZ Bahndamm Wermelskirchen”

  1. Destroy sagt:

    Achtung, Besserwisserei: Das SNIFFING GLUE wurde 1976 gegründet, das PUNK MAG aber schon 1975.

  2. jan sagt:

    mist! :) da will EINMAL den dicken larry machen… :)

    Kommt mal rum zu dem Fanzine Treffen da :prost:

  3. Destroy sagt:

    Klar.

  4. Das ganze Wochenende wird super! Ich muss freitags und samstags arbeiten…

  5. [...] und trust als gemeinschaftliche organisatoren zusammen mit den heartcoretage leuten freuen uns. Auf http://www.furiousclarity.de/?p=1446 durfte ich einige Gedanken zum Hintergrund des Fanzine-treffens veröfftlichen, danke [...]