Over the top in London, Mate! Oder in Deutsch: Einfach nur besoffen auf der Insel…

Welcome in Kilburn!

“London ist riesig und man ist ständig auf Achse, in einem Club, auf einem Konzert, bei Freunden. Irgendwo ist immer was Neues, Aufregendes los. Die Stadt London ist perfekt für Musiker. London ist mehr als die größte Stadt Großbritanniens…” (Michael Bishop 2008)

Ja, ja, London ist sooo geil. London ist sooo Kult. London ist sooo cosmopolitan. Blablabla! Dieses ständige verbale Wettwichsen auf eine Stadt, die wie viele andere Weltstädte natürlich einiges zu bieten hat, nervt schon lange. Besonders schlimm ist es, seitdem diverse heranwachsende Shize-Neotrashszeneoberstufenschüler Billigflüge für sich entdeckt haben. Okay, wenn ich nicht für 130 € derart günstig Hin- und Rückflug hätte buchen können, wäre ich ebenfalls nicht am letzten Novemberwochenende nur für eine knapp achtundvierzig-stündige Saufeskapade mal eben auf die Insel gedüst…

Manuel Heute, Minimal-DJ aus dem rk-Kollektiv, lädt in seine gegenwärtige christliche Zwangsbehausung in Kilburn ein. Die Flüge sind save. Dave startet bereits Donnerstagnachmittag von Düsseldorf aus, ich Freitagmorgen um sieben Uhr von Basel. Die frühmorgendliche Zugverbindung von Bern nach Basel ist suboptimal. Kaspar von NEVER BUILT RUINS bietet mir in meiner Not ungesäumt seine Matratze an. Das wirklichkeitsfremde Vorhaben, Donnerstagabend vor 23 Uhr einzuschlafen, verwerfe ich ohne größeren Widerstand. An einem Sprint durch das Basler Nachtleben komme ich nicht vorbei. Auf Anhieb wirkt die Stadt unverkrampfter und spürbar größer als Bern. Alternativer geht es hier wohl auch zu. Zumindest hat Basel so etwas wie eine Hardcoreszene, auf welche ich in der Landeshauptstadt noch nicht aufmerksam geworden bin.

Gegen ein Uhr liege ich angetrunken im Bett. An Schlafen ist nicht zu denken. Ein angriffslustiges Tigerkätzchen tyrannisiert mich. Nachdem ich das übermütige, gleichwohl gemeingefährliche Vieh mit einem Kissen aus dem Raum jagen kann, glaube ich an den baldigen Schlaf. Kaum beginne ich meine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen, klingelt mein Handy. Dave und Manuel sind am Apparat. Sie sind so etwas von dicht und ich verstehe kein Wort. Egal. Meine Zeit läuft. Mir bleiben nur noch drei Stunden… Dreißig Minuten bevor mein Wecker bimmelt, reißt mich das SMS-Empfangssignal meines Handys aus dem zweiten Stadium der Schlafphase.

“Sorry, können dich morgen nicht abholen. Kotze jetzt schon. Fahre mit dem Bus nach Kilburn, Endhaltestelle. Von dort aus gehst du nur zehn Minuten.” (Manuel, Freitag/3:55)

Alles klar, Kollegen, ich bin wach. Danke. Und wie lautet die Adresse? So kann der Morgen beginnen. Am überschaubaren Basler-Flughafen bin ich in einer halben Stunde. Ich bin naturgemäß verpennt und viel zu früh dran. Mein Personalausweis ist nicht mehr gültig, was niemandem aufzufallen scheint. Der Flug ist locker. Easy Jet verzichten auf wirklich jeden “Schnickschnack”. Es gibt an Board nicht einmal kleine Monitore, über welche die Sicherheitsanweisungen visuell abgespielt werden. Diese Aufgabe übernehmen die männlichen, saudumm aussehenden Stewards. Wenige Augenblicke später nicke ich ein und versuche mir Stewardessen im Traum vorzustellen, die versehentlich ihre gesamte Kleidung am Airport vergessen haben. Eine gute Stunde später lande ich in Gatwick.

Trotz vorheriger Knockoutserklärung schafft es Manuel, mich gegen zehn Uhr an der Bushaltestelle in Kilburn abzuholen. Auf dem Weg zur christlichen Wohngemeinschaft, erzählt er mir von bitteren Geschehnissen, die sich in den letzten drei Wochen in seinem Viertel abgespielt haben: Eine Frau wurde vergewaltigt. Ein männlicher Heranwachsender wurde erschossen. Dreimal wurde versucht, in das Wohnheim einzubrechen. Sein Arbeitskollege wurde von einem Jugendlichen krankenhausreif geschlagen. Und täglich klappern regelmäßig Kinder die Wohnungen in der Hood ab, um die Leute mit Stoff zu versorgen. Abends sollten wir entweder recht früh oder ziemlich spät nach Hause kommen, weil, laut Empfehlung seines Chefs, gegen Mitternacht auf den Straßen Geschäfte ablaufen, in die wir besser nicht hineingeraten. Während er das mit einer Selbstverständlichkeit in der Stimme sagt, die mich noch mehr beunruhigt, biegen wir um die Ecke und stoßen am Kiosk auf vier düstere Jugendliche mitsamt Pitbull. Meine blühende Phantasie hätte ich besser zu Hause gelassen. Die Boys ignorieren uns. Umso besser.

Bevor wir das Christenhaus betreten, weist mich Manuel darauf hin, dass ich, falls ich gefragt werden sollte, ein bekennender Christ sei. Dass sei hier ganz wichtig. Meinetwegen. Ich habe zwar keine Ahnung, wie ich dann meine Totenkopftätowierungen erklären soll, aber vielleicht kommt es nicht soweit. Schließlich erzählt er mir von wöchentlich stattfindenden, kaum zu ertragenden Bibelstunden im Wohnzimmer. An denen muss jeder Bewohner des “Christian Hold Houses” teilnehmen. Weil seine Kenntnisse über das alte und das neue Testament jämmerlich sind, müsse er sich regelmäßig selbst kasteien. Der arme Kerl. Die Frage, was außer ihm für Gestalten das hier hausende Kuriositätenkabinett ausfüllen, ist naheliegend: In dem Haus wohnen außerdem noch ein, dem Anschein nach tatsächlich gläubiger Theologiestudent mit Hackfresse und selbst auferlegtem Masturbationsverbot, ein afrikanischer Prediger mit heilenden Händen, eine deutsche Studentin mit Wackelpuddingfigur und die THE KINBEATS – vier miteinander verwandte, überwiegend sympathische Indiefritzen, die sich in London eine große Karriere erhoffen. Freaks! Und die Softboy Connection mittendrin. Ich stürme Daves Zimmer, welches die nächsten beiden Nächte auch meines sein wird, um nach dem Rechten zu sehen. Eine warme, verbrauchte Heizungsluft kommt mir entgegen und raubt mir fast die Sinne.

Dave

Nach der Begrüßung geht es zum dreistündigen Brunch über. Spiegeleier, Würstchen, Toastbrot, Cornflakes, etc. Ich fresse so viel, dass ich beinahe kotzen muss. Ein Leben im Dreck und im Überfluss. Ich beginne mich in diesem abgeranzten, von Schimmel zerfressenen Haus bereits wohler als in Bern zu fühlen und fasse den ersten wichtigen Entschluss: “Boah, ich will hier wohnen bleiben und werde Christ.” (Christoph, Freitag/12:00)

Nach dem Abwasch verziehen wir uns auf das Gästezimmer und öffnen die erste Flasche Martini. Die Gespräche sind epochal. Die Luft stinkt nach wie vor. Es dauert nicht lange, bis ich den Alkohol resorpiere und noch geistreicher werde: “Ui, ich merke ja schon den Alkohol – boah, das ist das schönste Gefühl, das ich kenne.” (14:10). Es läuft echt gut. Wenn es nach mir gehen würde, brauche ich die Behausung bis zu meinem Rückflug nicht mehr verlassen. Besser: Wenn es nach mir gehen würde, würde ich die Behausung nie wieder verlassen! Hier habe ich eigentlich alles, wonach mir im Moment der Sinn steht. Zwanzig weitere Minuten später, schreibe ich mit einem warmen Gefühl im Herzen folgende SMS: “Wir trinken gerade die zweite Flasche Martini. Und Manuel muss ich gleich mit Kindern arbeiten…” (14:32)

Und das ist nicht einmal gelogen. Eine Dreiviertelstunde später ist auch von der zweiten Flasche so gut wie nichts mehr übrig. Dave und ich pennen ein. Manuel zieht seine modischen Elfenschuhe an und geht in das Haus gegenüber – um mit einem Rudel an wilden Achtjährigen keusche Projekte durchzuführen. Mit blauen Flecken am ganzen Körper übersät, kehrt er vier Stunden später zurück und weckt uns auf. Duschen und Vorglühen. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Der afrikanische Prediger schaut mal kurz vorbei, beginnt nach einem geschockten Blick auf meine Arme mit seinen Zauberpranken herumzufuchteln und zieht Leine. Der dürre, hässliche, Theologie studierende Vogel, ist nicht so leicht zu verjagen. Er setzt sich zu uns und versucht uns mit miserablen Witzen zu amüsieren. Es wundert mich nicht, als mir Manuel nach seinem Abgang erzählt, dass er noch nie Besuch bekommen hat, uns für coole Jungs hält und nach unserer Anerkennung lechtzt.

Vielleicht erklärt sein spärliches soziales Kapital auch, weshalb der Idiot zur späteren Stunde mit Totenkopfmaske und Stahlhelm vor dem Wohnzimmerfenster steht und mit einem unaufhörlichen Klopfen erneut unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Arme Sau… Damit er sich nicht ganz jämmerlich vorkommt, lassen wir ihn später von uns in seiner Verkleidung Fotos schießen. Gegen elf Uhr machen wir uns auf nach Soho, um uns im THE SUN & 13 CANTONS mit Shari und Mateo zu treffen. Als wir ankommen, schließt der Pub gerade. Die Kneipenzeiten sind, obwohl die Sperrstunde hier vor kurzem aufgehoben worden ist, selbst in London nicht viel geiler als in Bern.

Shari kümmert sich um unseren Einlass und mischt uns ein paar Drinks. Mit vollen Blasen und ohne Alkohol fahren wir nach Shoreditch ins PLASTIC PEOPLE. Es läuft minimalster Minimal. Klickklack, Klickklack, Piuuuu, Klickklack, Klickklack, Piuuuu, und so weiter. Im Club ist es so dunkel, dass ich auf der Tanzfläche, wenn überhaupt, nur Umrisse erkenne. Die Herrentoilette ist das, was man wohl als “Kokainisten-unfreundlich” bezeichnen darf: Nicht abschließbar und die Schüssel ist bis zum Anschlag gefüllt mit Scheiße, Pisse, Klopapier und Co. Von der fehlenden Ästhetik dieses Anblicks mal ganz zu schweigen, ist der Gestank auch kaum auszuhalten. Pinkeln ist unmöglich. An Kacken ist gar nicht zu denken. Diejenigen, die sich im Scheißhaus trotzdem freiwillig verschanzen, haben entweder einen widerlichen Fetisch oder Nackes in der Tasche. Prinzesschen wie ich, die ungerne ein Glied in einer Reihe von pissenden Typen ausmachen, müssen sich der, als unangenehm empfundenen Situation des Gruppenpissens, stellen. Nach drei Stunden ist der Tanz hier vorbei und ich darf wieder alleine urinieren. A.C.A.B.! Das Licht geht an, die Musik geht aus und wir ziehen weiter.

Wir fahren weiter in den Osten Londons und landen in der fabelhaften RUSSIAN BAR, die wenigstens bis sieben Uhr geöffnet hat. Laut Manuel spielt der DJ ausschließlich deutschen Elektro. Namen kann ich keine, nicht einmal ein präziseres Genre kann ich nennen. Aber das was ich höre, gefällt. Wie war das noch mal mit dem menschlichen Äquivalenzzwang? Ein wichtiger Schritt in die “Befreiung” von diesem, ist absolute Unwissenheit. Probiert es mal aus. Pfff! Schluss mit dem halbintellektuellen Geschwätz und zurück zur Russenbar: Der Laden ist urig. Überschaubar, ganz nett gemacht, die Leute sind okay und die Getränkepreise gehen sowieso. Der Rausch endet für Manuel, Dave und mich in der Christengemeinde in Kilburn gegen elf Uhr. Für Mateo endet die Nacht im Bett mit einer achtzehnjährigen Französin. Shari schläft zu Hause alleine ein.

Plastic Shit

Gegen fünfzehn Uhr werde ich wach und gehe den anderen so lange auf den Sack, bis wir wieder im gemeinschaftlichen Wohnzimmer am massiven Holztisch sitzen und die nächsten fünf Stunden brunchen. Scheiß auf Kultur, scheiß auf Shoppen! Geiler kann der Moment nicht sein. Zwei Stunden und mehrere halbe Liter Foster’s später, werfe ich die Frage in den Raum, wann wir eigentlich mit dem Saufen beginnen. Trotz der Ernsthaftigkeit meines Erkundigens, erhalte ich keine Antwort, sondern nur ein schallendes Gelächter. Ich gebe zu, die Grenze zwischen “beim Brunchen Alkohol trinken” und “vorm Ausgang Alkohol trinken” ist für diejenigen nicht ganz eindeutig zu erkennen, die nicht an die Dusche zwischendurch denken. Zwanzig Uhr sitzen wir drei Don Geilos schließlich doch duftend und endlich saufend auf den Sofas des Wohnzimmers und lassen uns wieder von dem hässlichen Clown ablichten.

Gegen Mitternacht sind wir mit Mateo im THE ELEPHANT’S HEAD in Camden Town verabredet. Dieses “Vergnügungsviertel” der Stadt ist mir wesentlich lieber als die Viertel in Shoreditch und in Soho; eben weil es alternativer gefärbt ist. Zunächst gehen wir in das THE WORLD’S END, welches meinem Eindruck nach – trotz tätowierter Bedienungen (oho!) – eher etwas von einem “klassischen Pub” für die englischen Schießbudengesichter und, der nach Tradition gierenden Touristengruppen, hat. Der Soundmix ist grottenschlecht. Den Alkoholpegel der einzelnen Besucher kann man an der Intensität ihrer Gesichtsröte ablesen. Die Leute tanzen auf den Tischen, springen, werfen sich gegenseitig hoch oder klettern Säulen hinauf, um von diesen doof aus der Wäsche guckend nicht mehr herunter zu kommen.

THE ELEPHANT’S HEAD dagegen ist ein Pub, in dem besserer Punkrock läuft und an dem Abend ein erträglicheres Publikum anspricht. Alles überzeugt, nur der verhältnismäßig frühe Feierabend des Thekenpersonals nervt auch hier. Die Filale des Londoner BARFLY CLUBs um die Ecke, hat noch zwei Stunden länger geöffnet. In Brighton hörte ich mal, dass dies ein “Indieclub” sein soll. Davon merken wir drinnen wahrlich nichts: Aufgetakelte, hysterische Asischicksen, durchgeknallte sich auf dem Boden herumkugelnde Crystal Meth-Opfer, nebendran der freudige Dealer mit Stiernacken und Lederjacke. Eine Olle und ein Typ schlagen sich gegenseitig ins Gesicht. Der DJ legt schlechte Elektro-Remixe und noch schlechteren Hip Hop auf. Erst kurz vor Ende entdecke ich zufällig den zweiten Dancefloor im ersten Stock. Als ich den Raum betrete, läuft als letztes Stück “Agenda Suicide” von THE FAINT. Vor der Tür prügeln sich irgendwelche Heinis vom ersten Floor. Manuel, Dave und ich laufen nach Hause. Mateo lassen wir mit einer Ollen zurück. Anderthalb Stunden habe ich Zeit, um mich für den anstehenden Rückflug minimal zu regenerieren.

Plastic Shit

Zum Frühstück gibt es heute keine Spiegeleier, Cornflakes und kein Bier – nur ein paar lausige Chips. Neun Stunden später sitze ich bereits wieder vorm Rechner und checke Mails. Allzu viel ist in den letzten Stunden eigentlich nicht passiert. Und dieses großartige Wochenende hätte ich mit den Jungs sicherlich auch in Paderborn ähnlich verbringen können. Allerdings wäre ich dort nicht so günstig mit öffentlichen Verkehrsmitteln hingekommen. Also, was soll’s. God fuck the Queen – and save the Softboy Connection!

(Christoph Parkinson)

PS: Max Goldt hat in dem seinem aktuellen, lesenswerten Buch (”Ein Buch namens Zimbo”) in dem Text “Das Alter und die teure Stadt (fünf Gurken)” ein paar gewiefte, amüsante Zeilen zu dem ungeheuerlichen Londoner Mietspiegel als auch zu der dort herrschenden Preispolitik und der in Zürich verfasst. Lesen!

5 Antworten zu “Over the top in London, Mate! Oder in Deutsch: Einfach nur besoffen auf der Insel…”

  1. [...] Over the top in London, Mate! Oder in Deutsch: Einfach nur … [...]

  2. Ricarda sagt:

    Ich habe noch KEINEN Satz gelesen und mir zunächst mal einen Überblick über den Umfang deines Berichts gemacht… Man, so lange warst du doch gar nicht da! Mäßige dich!

  3. Ricarda sagt:

    war trotzdem kurzweilig…allerdings bleiben ein paar Fragen offen (was Elfenschuhe sind und so zum Beispiel)

  4. Hahaha, so sehen die Schuhe wirklich beinahe aus!