Archiv für Juli 2010

Eurodance und Milchbar: Geschmacksverrirrung in Düsseldorf

Freitag, 30. Juli 2010

Christoph Parkinson im richkidz-Headquarter

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Folglich sind meine Aktivitäten auf dieser Seite derzeit auf kurze Erlebnisberichte beschränkt. Ab dem 09. August gibt es wieder Interviews, Gastbeiträge und Co. Momentan ist zu viel los, um hier wild zu agieren. Denn kaum bin ich aus Berlin zurück, verschlägt es mich in das Hauptquartier des richkidz-Kollektivs nach Düsseldorf. Zur Ruhe komme ich auch hier nicht…

Es mag nicht nur abstoßend klingen, sondern das ist es auch: Dienstagabend begebe ich mich erstmals auf den jährlich stattfindenden Düsseldorfer Rummel in Oberkassel. Selbst in meiner 2,5-jährigen Zeit als Wahldüsseldorfer kam ich um dieses Schreckensfest herum. Anderthalb Jahre später macht mich die Einladung, endlos gratis Altbier im “Eurodance-”Zelt zu saufen, schwach. Auf Schützenfesten und auf der Kirmes erhalten Männer über Vierzig die Möglichkeit, sich ungeniert an Mädels unter 25 heranpirschen zu können. Ein Trauerspiel – auch wenn, oder gerade weil der Plan bei manchen aufgeht. Wir dagegen hängen mit Zwanzigjährigen ab, die bereits bis zum Hals tätowiert sind. Cooler ist das nicht. Um uns herum befinden sich nur trostlose Gestalten. Wir stehen mittendrin und stechen nicht mal heraus. Punkrock im Jahr 2010 heißt wieder, dem Abgrund die Stirn zu küssen.

Wir wechseln in die Altstadt und dann ins Postämtchen II am Worringer Platz. Selbst um acht Uhr morgens ist die Welt hier noch in Ordnung. Mehr Inspiration als sie Miron Zownir ertragen könnte. Mit dem Gesicht auf der Theke warten die ersten auf ihr Frühstück – Herrengedeck zum halben Preis. Zwischen ihnen springen aufgeweckte Afrikanerinnen umher. Dave und ich bestellen Wodka Gin Tonic. Ich trinke. Er bietet sich als DJ an, kommt mit der Technik aber nicht zurecht. Stories of Love and Rebellion. Kotzen – er – und Umfallen – ich – um zehn Uhr.

Donnerstagabend ist in der Landeshauptstadt Milchbar-Zeit. Aus guten Gründen habe ich während meiner Düsseldorf-Affäre von 2006-2008 nicht nur die Kirmes gemieden, sondern auch das 3001; ein großer Schuppen am Medienhafen, in dem sich die lokalen Heinis mit den Lacoste-Polohemden tummeln und mit der Kohle von ihren Eltern die kleinen zwanzig-jährigen Nutten füttern, die wiederum denken, so auch eine Prise Glamour einatmen und sich in die “High Society” einbumsen zu können.

An diesem Abend begehe ich Feldforschung und nehme das dortige Spektakel unter die Lupe, um meine Vorurteile bestätigen zu dürfen. Uns kommen drei gelackte Typen entgegen, die sich darüber aufregen, dass ihnen die Türsteher mit ihrer Politik ein weiteres Mal einen Strich duch die Partyrechnung machen. Uns halten die Jungs vermutlich für Mitglieder einer bekannten Rockband. Wir erhalten problemlos Einlass. Die Räumlichkeiten des 3001 gefallen. An den Wänden hängen BOYS NOIZE-Plakate, der hier ein weiteres Mal residiert. Die Electro-Partys am Wochenende scheinen wohl doch zu glänzen. Nice.

Wie wir es erwartet haben, besteht das Publikum überwiegend aus einer Ansammlung von Neureichen und ihren durstigen Kälbern. Auf dem Klo wird gekokst, an der Theke wird auf RnB und Salsa getanzt. Viele Typen tragen ihre Hosen unter den Brustwarzen und die Eier bis zum Boden. Die Mädels ziehen ihnen das Geld aus der Tasche, haben insgeheim aber ihre Augen nur für uns. In der Electrolounge herrschen ähnliche Verhältnisse; wenigstens ist die Musik etwas besser. Mini mal my ass!

Aftershow im Postämtchen II. Den Medienhafen habe ich abgehakt, den Köfte-Teller am Worringer auch, also: Ab nach Köln, die Äther Youth ruft zur Teambesprechung…

(Christoph Parkinson)

Happy Birthday to us! Wir feiern unseren ersten Geburtstag…

Samstag, 24. Juli 2010

Christoph Parkinson & Christian Destroy

Köln, 24. Juli 2010

“Um unsere „Furious Clarity“ nicht ganz verdorren und vergessen zu lassen, haben wir diesen Blog eröffnet. Täglich wird man mit neuen Blogs zugeschissen. Dies hat seinen Hintergrund insbesondere darin, weil ein Blog eine der einfachsten Formen ist, um in einem gewissen Rahmen je nach Bedarf unkompliziert Output der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und mehr haben wir hier auch nicht vor: Wir wollen euch mit unserem Blog und mit unserem Output je nach eigenem Mitteilungsbedürfnis zuscheißen! Was letztendlich daraus wird, ist nicht abzusehen….”

Das erste Jahr ist vorüber. Es wird Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Innerhalb von 360 Tagen haben wir 142 Beiträge auf www.furiousclarity.de veröffentlicht. Neben der ein oder anderen Story, vereinzelten Kolumnen, Konzert-/Partyberichten, manchen Rezensionen sowie einem Haufen an Videos, haben wir Gespräche mit Personen gewählt, die uns aus den unterschiedlichsten Gründen interessieren. Ob nun Literat (Alex Gräbeldinger, Jan Off), japanisches Top Model (David Schumann), Ultimate Fighter (Big Daddy Karniotakes), DJ (Lord Fuck, David Hasert), Rapper (Dr. John Proktor, Lownien Beats), Kochbuchverlegerin (Uschi Herzer), Ausnahmeband (BODI BILL), Kopf des richkidz-Kollektivs (Dave T.) oder einfach nur ein weiterer Freund, der Bock hat, auf unkonventionelle Fragen amüsant zu antworten (Nino Sisto). Viele Personen um uns herum machen großartige Sachen in verschiedenen Bereichen, diese Seite bringt alle früher oder später zusammen.

Dies ist auch ein Grund, weshalb hier inzwischen häufiger Texte von Gastschreibern ihren Platz erhalten. Die Beiträge bleiben erfrischend und größere Veröffentlichungslücken werden möglichst vermieden, wenn wir zu sehr in andere Aktivitäten eingebunden sind. Natürlich ist es uns auch eine Freude, Texte von Personen wie Moses A. (ex-Zap), Jan R. (Trust), Madhouse Meeting (Suburbia), Daniel Terek (”Der Weltenmampfer”), Alex Gräbeldinger, HC Roth, Jörkk Mechenbier (Buchautoren bzw. Ox-Kollegen) und Freunden/Bekanntenen wie Madmoiselle Krokett, Nino Sisto und Psycho Jones präsentieren zu können.

Gewiss werden unsere Rubriken und Schwerpunkte weiterhin nicht in Stein gemeißelt und können nach Belieben geändert werden. Momentan sind wir mit unserem Treiben in dieser Form jedoch recht zufrieden. Werfen wir einen Blick auf unsere Seitenaufrufe, scheinen auch einige Leser das ähnlich zu sehen. Nach den ersten fünf Monaten verzeichneten wir über 168.200 Seitenaufrufe – nach genau einem Jahr sind es bereits über 386.900. Und weil das geschriebene Feedback unserer Leseschaft gering ausfällt, scheint wohl tatsächlich alles bestens zu sein.

Mehrere versuchten uns zu motivieren, wieder ein Print-Zine zu veröffentlichen. Es wurde uns auch ein Angebot unterbreitet, groß vertrieben zu werden. “Groß” heißt in diesem Fall, dass man das Heft in jedem Zeitschriftenladen kaufen kann. So etwas klingt gut. Und ausschließen würden wir ein neues Magazine nie, aber derzeit stehen wir dazu genau so, wie vor einem Jahr: Zu wenig Zeit, zu wenig Motivation, keine Lust auf den Stress. Wie es weitergehen wird? Keine Ahnung. Vermutlich erst mal wie bisher.

Beste Grüße

Christoph Parkinson und Christian Destroy!

Verliebt in Berlin: Sündigen und die Beichte ablegen, Fratzengesicht!

Dienstag, 20. Juli 2010

Christoph Parkinson

Katzen. Auf dem Fußboden, auf dem Sofa, an den Wänden. Überall Katzen. Großer Flachbildschirm und Tupperware. Was lässt man nicht alles über sich ergehen, wenn man nur ungezwungen lieben will… Szenenwechsel. Sekt trinken, sich im Spiegel mehrfach betrachten und die Gespräche führen, die an so einem Wochenende geführt werden müssen. Jeder Blick sagt mehr als tausend Worte. Alles ist in sich stimmig. Alles ist perfekt.

Friedrichshain. Ein Spaziergang durch eine warme Sommernacht. Das Herz jauchzt, die Körpertemperatur steigt. Wir erreichen das Gelände des alten Ostbahnhofs und reihen uns ein. Schneller als erhofft rücken wir vor. Mehrere Personen werden ohne weitere Diskussionen des Feldes verwiesen. Sorgfältige Taschenkontrollen folgen. Die Kamera wird vorübergehend eingezogen. Treppe rauf und rein. Heute nur Panorama. Finest Friday mit Matt John, Hearthrob, Shonky, JPLS und Shonky.

Unkontrolliertes Tanzen. Hemmungslose Kontaktaufnahmen um uns herum. Abstoßend und anziehend. Wie gut, dass es hier keine Spiegel gibt. Erinnerungen an Sartres “Geschlossene Gesellschaft” werden erweckt. Diese Atmosphäre beeindruckt, auch wenn sie in hellen Momenten Furcht einflößen mag. Egal, helle Momente gibt es hinter diesen Mauern nicht. Dem Glockenschlag nach, müsste immerhin draußen allmählich die Sonne aufgehen. Es wird Zeit für einen weiteren Szenenwechsel. Wohnung. Break. Weiter in die Holzmarktstraße. Zirkus und Geisterbahn an der Spree. Es wird Zeit für Buße. Die Beichtstühle ermöglichen einen unproblematischen Umgang mit den eigenen Lastern. Calming down and fucking up with no future-sound…

Brunchen mit Sekt und Paukenschlag. Es darf wieder gelebt werden. Taxi, Taxi! Illegales Festival auf einem am Wasser gelegenen Fabrikgelände im Nirgendwo. Die Sonne bräunt, das Urlaubsfeeling macht an, nur der Körper schwächelt. Auf JAKE THE RAPPER können wir nicht mehr warten. Indisch essen und schlafen. Dann Kunst am Sonntag und den Trip beenden. Berlin, ade, Düsseldorf, here I am…!

(Christoph Parkinson)

Interview mit mir auf KölnCampus Radio 100.0

Montag, 19. Juli 2010

Christoph Parkinson

Am kommenden Freitag, den 23. Juli 2010, werde ich in der Radiosendung “Hellfire Radio” auf KölnCampus zwischen 20 und 21 Uhr interviewt. Diejenigen, die den Sender nicht über die Frequenz 100.0 MHz empfangen können, können das Gespräch über den Livestream mitverfolgen.

(Christoph Parkinson)

Mandy, hol’ dat Kind aus der Sonn’, dat kriescht noch die Fräck!

Dienstag, 13. Juli 2010

PORTUGAL THE MAN sind immer wieder überragend. Die Videos von denen sind jedoch meistens total beschissen. Der Clip zu “The Sun” ist ausnahmsweise mal fabelhaft und passt zu den derzeitigen Temperaturen.

Besonders geistreiche Beiträge gibt es wieder in naher Zukunft. Gastbeiträge sind in Auftrag, Interviews in Planung. Am 24. Juli feiern wir unser Einjähriges. Wer hätte das gedacht? Vermutlich jeder. Eine ordentliche Party gibt es frühestens Ende des Jahres. Vielleicht zusammen mit den Club Scheisse-Jungs. Mal schauen. Ab Donnerstag bin ich erst mal drei Wochen im Urlaub. Wenn sich von Abenteuern berichten lässt, könnt ihr sie hier nachlesen.

(Christoph Parkinson)

Tausend Grad, heißer Kaffee und “Banana Bee” von MQUESTIONMARK

Samstag, 10. Juli 2010

Es ist heiß. Kaffee trocknet den Körper zwar noch mehr aus, aber das Koffein treibt für einen Moment an. Bald ist es geschafft. Vor mir liegen das neue Buch von Bill Ayers (”Flüchtige Tage”) und die letzten vier Tonträger, die rezensiert werden wollen. Lieber würde ich die Zeit nebenan im Schwimmbad verbringen. Aber die Deadline für die August/September-Ausgabe des Ox Fanzines liegt mir im Nacken. Das WM-Spiel um den dritten Platz wird in wenigen Stunden angepfiffen und bis dahin will ich parat sein.

Erfreulicherweise schicken mir die Labels immer weniger Mist. Dieses Mal kann ich mich wirklich zufriedenschätzen. Seit einer Viertelstunde läuft das neue Album “Brazil” von den Italienern DRINK TO ME, welches bisher ziemlich erfrischend klingt. Eine gewaltige Überraschung ist auf jeden Fall die neue CD “One For All All For One” von MQUESTIONMARK. Das Video zu dem Song “Banana Bee” gibt mir noch einmal den letzten Kick, um den Endspurt zu überstehen.

Im Bon Soir legt heute übrigens das Elektronika-Duo POL_ON auf. Im Wasserwerk läuten SPARTAKID und die VIRTUAL VANDALS die zweite Nacht des “Summer in the city”-Programms ein. Und in der Formbar darf vor der Sommerpause (bis September) ein letztes Mal das Berner S38-Leben genossen werden. Sollte ich vorher nicht aufgrund der Temperaturen einfach umkippen, dann bis später!

(Christoph Parkinson)

“Hartmut und ich” in Feindesland: Neues Oliver Uschmann-Buch!

Freitag, 09. Juli 2010

Oliver Uschmann

Oliver Uschmann
FEINDESLAND
Roman

Buch | Scherz | fischerverlage.de | 400 S., 14,40 Euro

“Ist es nicht angenehm, wenn man einfach Schutzgeld zahlt und nicht mehr vor der Haustür zusammengeschlagen wird? Ist es nicht praktisch, wenn die Regierung unsere Lebensgewohnheiten auf BürgerVZ öffentlich macht? Ist es nicht schön, wenn es im Büro statt Festgehalt eine Carrera-Bahn gibt? Ist es kein Grund zur Freude, wenn man in dieser Welt Vater wird?”

Das bereits siebte Buch des ehemaligen Open End Fanzine-Herausgebers und Furious Clarity Zine-Gastschreibers (FCZ Nr. 6, Nr. 7). “Hartmut und ich” landen dieses Mal mit ihren Freundinnen in Berlin. Natürlich haben sie wieder einige Hürden zu überwinden, glänzen mit Einfallsreichtum und enden wieder an einer Stelle, an der alles vorbei zu sein scheint, aber zweifelsohne wieder von vorne beginnen darf. Der Opener dieser Romanreihe, “Hartmut und ich”, war großartig. Der zweite Teil, “Voll beschäftigt”, hatte an Witz und Story bereits etwas eingebüßt. “Wandelgermanen” war meines Erachtens der bisherige Tiefpunkt. “Murp!” fand ich dagegen wieder recht einfallsreich und habe es, im Gegensatz zu den beiden Vorgängern, wieder gerne gelesen.

In “Feindesland” überzeugen Geschichte und Charaktere nicht wirklich. Dem Großteil der Charaktere haftet sogar etwas furchtbar Nerviges an und nach den ersten fünfzig Seiten fällt es schwer, weiterzulesen. Auch die Witze zünden nicht oder gehen nach hinten los. Wenigstens bleibt erneut das Happy End aus. Oliver Uschmann ist ein guter Schreiber, von dem ich – trotz gelegentlicher negativer Kritik meinerseits – einiges halte. Mit gutem Gewissen kann ich jedoch von all seinen Veröffentlichungen nur “Hartmut und ich” sowie “Das Gegenteil von oben” empfehlen – die sind wirklich groß. Die restlichen Publikationen darf man vernachlässigen.

(Christoph Parkinson)

LOVE ACADEMY // “Schatten” von David Kenlock

Dienstag, 06. Juli 2010

Love Academy

I.

LOVE ACADEMY steht für interdisziplinäre und innovative Forschung in Kernbereichen der Humanwissenschaften. Das Erkenntnisinteresse des 2010 gegründeten Instituts zielt auf mikrosoziale Tatbestände und die Implikationen zwischenmenschlicher Interaktionen ab. Um diesem komplexen Forschungsgegenstand gerecht zu werden, steht hinter den Untersuchungen im Rahmen der LOVE ACADEMY ein Konglomerat verschiedener Wissenschaftler aus den grundlegenden Bereichen der scientific community.

Die breitgefächerten Hintergründe der Mitarbeiter der Akademie ermöglichen jene methodische Vielfalt, die dieses Institut zu einer Forschungseinrichtung sui generis hat werden lassen. Während andere Institute seit Jahrzehnten lediglich ausgetretenen Pfaden der Sozialwissenschaften folgen, öffnet sich die LOVE ACADEMY für künstlerische Einflüsse. Forschung findet hier nicht nur quantitativ und qualitativ, sondern vor allem sensitiv statt. Forschungsergebnisse werden nicht tradiert in Wort und Schrift veröffentlicht, sie werden audiosensuell aufbereitet, um die epistemologischen Resultate möglichst breiten Schichten der Bevölkerungen zugänglich und verständlich zu machen.” (Love Academy 2010: “Selbstbeschreibung”)

Mein guter Freund und Fachmann für das Schreiben von Liebesliedern, Jörkk Mechenbier, hat nach der Auflösung von CÜNTSLER bereits wieder eine neue Formation gefunden. Die ersten Aufnahmen sind auf deren Myspace-Profil zu finden. Die Songs tönen gerade aus meinen Boxen und ich finde sie gut. Verdammt gut… Bleibt nur zu wünschen, dass sich die Herren nach dem nächsten gebrochenen Herzen nicht direkt wieder trennen.

II.

Falls es unter unseren Lesern jemanden gibt, der auf verwaiste Prinzen steht, die in Fantasy-Geschichten die Hauptfigur mimen: Im September veröffentlicht der Action Verlag ein Hörbuch zu dem Werk “Schatten” von David Kenlock, welches über Heyne erschienen ist. Die CD würde ich normalerweise nicht ankündigen, aber da der Roman von Daniel Faust (siehe unten) gelesen wird, ist es mir eine Freude. Eine Hörprobe und weitere Informationen findet ihr auf der Seite des Verlags.

(Christoph Parkinson)

Zu Gast #12: Daniel Faust “Der Anhalter”

Donnerstag, 01. Juli 2010

Daniel Faust
Daniel Faust

Schauspiel und Sprechen. Daniel Faust aus Berlin – als Schauspieler ist er in Kinofilmen wie “Savage Love 666″ von Olaf Ittenbach oder “Fallacia” von Navina Clever und Paulina Wanat zu sehen. Der Radius seines gesamten Aktionsfeldes erfasst jedoch auch andere Bereiche, Formate und Tätigkeiten. Die Schlagwörter sind Theater, Fernsehen, Synchronisation, Hörspiel und Lesungen. Dass er als Sprecher zudem selbst Kurzgeschichten schreibt, verwundert weniger. Weitere Informationen und Kontaktdaten findet ihr auf seiner Homepage sowie auf der Internetpräsenz von seiner Agentur Weiber und Kerle. Also: Action!

(Christoph Parkinson)

Der Anhalter

Die Umrisse des Mannes waren nur schwer zu erkennen. Verwinkelt stand er an einer Waldesschneise und wartete trotz des starken Regens auf einen barmherzigen Autofahrer, der ihn wohl aus seiner einsamen Lage befreien sollte. Sichtlich erleichtert konnte ich ihn in dem tropfenbehangenen Rückspiegel auf mein Auto zueilen sehen.

„Hey Mister! Können sie mich nach Norwax mitnehmen?“
„Ja, ja, natürlich, steigen sie ein.“
Die feuchte und frische Abendluft schaffte es nicht den Gestank zu verbergen.

Im Radio lief ein Song von den Beatles. Gutes Gesprächsthema – dachte ich mir.

„Ja, ja, ist schon ne schlimme Sache mit John.“
„Was meinen sie?“
„Mit John, John Lennon meine ich. Den kennen sie doch, oder?“
„Nein, wer soll das sein? – Ein Politiker?“

Die monotone Stimme beunruhigte mich. War er besoffen, gar auf Droge, oder einfach nur total durchgeknallt? John Lennon, jedes Kind kennt ihn. Seit Tagen ist sein Bild aus keiner Zeitung, Talkshow oder Nachrichtensendung mehr wegzudenken. Die Tragödie überhaupt. Und dieser – nein das konnte nicht sein.

„Äh, wenn ich fragen darf, wo kommen sie denn her?“
„Ich habe einen sehr langen Weg hinter mir.“

Die spärliche Antwort beendete gekonnt mein Weiterfragen.

Norwax: 12 Meilen, stand auf einem Schild. Ich fühlte mich irgendwie bedroht. Und dann dieser Gestank. Was war es? Je länger er in meinem Auto saß, desto penetranter wurde der Geruch. Es war kein Alkohol. Ich öffnete das Fenster.

Er war unheimlich. Schaffte es irgendwie gleichgültige Ruhe und animalische Nervosität zu vereinen. Und dann dieser starre Blick.

Daniel Faust

Norwax: 8 Meilen. Dieses Scheißwetter. Ich schloss das Fenster. Schon wieder Beatles. Wer war dieser Kerl. Wo kam er her? Mitten in den Feldern, 20 Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt. Dann noch dieser Gestank, dieser Blick. Ich wurde nervös. Seine Hände lagen ruhig auf den angewinkelten Knien und doch schienen sie sich zu bewegen. Jede Sekunde bereit hochzuschnellen und zuzupacken! – Zu viele Horrorfilme gesehen. – Ich atmete tief durch und drehte das Radio lauter. „We´re all living in a yellow submarine“

Norwax: 5 Meilen

„So, gleich haben wir es geschafft.“

Mein Blick wechselte hektisch: Die Straße, sein Konterfei, die Straße, sein Konterfei. Ich erwartete eine Antwort, eine Reaktion. Starrer Blick… er bewegte ihn ganz langsam in meine Richtung. Nun schaute er mich an. Straße Augen Straße Augen.. sein Blick schien mich zu durchdringen. Straße Augen, Straße Augen.

Norwax: 2 Meilen

Erleichtert nahm ich das Schild wahr, und den seitlichen Anblick seines Gesichtes. Die Lichter kamen immer näher. Sahen wie eine richtige Kugel aus bei dem Regen, fast schon wie ein Ufo, oder so etwas. Das war Norwax. Gleissend hell schienen die Lichter nach einer dunklen Fahrt. Sie blendeten fast.

„Dort vorne halten.“

Der unfreundliche Ton störte mich in keiner Weise mehr. Ich war erleichtert. Der Gestank schien ebenfalls verschwunden zu sein. Ich bemerkte es erst jetzt.

„Ciao, du bekloppter Typ“, dachte ich mir und schaute dabei noch einmal in den Rückspiegel. Autsch!“

Ein Blitz? Ein Wetterleuchten? Ich kniff die Augen zusammen, schüttelte kurz den Kopf. Verwirrung… Ich fuhr weiter.

Ende

(Daniel Faust)