Archiv für Mai 2010

Zu Gast #11: Psycho Jones und die Hellseher von Neu-Usbekistan

Sonntag, 30. Mai 2010

Als DJ ist Psycho Jones den meisten höchstwahrscheinlich bereits in einem Club in der Bundesrepublik begegnet. Bevorzugt im Auftrag des schlechten Geschmacks, zieht er mit riesigen Pappfiguren, Büsten, alten Konsolen und sonstigem an bizarrer Deko durch die Läden des Landes und haut auf die Pauke. Und zumindest in Mainz oder in Koblenz kommt man seit Jahren nicht mehr an ihm vorbei, wenn man sich in den Ausgang begibt. Als Haus-DJ des Redcat Clubs oder des Circus Maximus hat er sich vor Jahren mit seinen Partyreihen etabliert. “Die Musik ist (hierbei) nur eine Facette eines Auftrittes. Vielmehr geht es um Stimmungen, Interaktion, Individualität und Kreativität” (Redcat Club).

Manche Kritiker bezeichnen ihn als den rheinländischen Über-DJ BOBO, andere als ein Phänomen, als einen Botschafter der eleganten Skurrilität – oder gar als ein Gesamtkunstwerk. Wie man ihn auch nimmt: Psycho Jones ist für die Ewigkeit und er polarisiert, während sich ein anderer DJ höchstens nur den Pimmel rasiert, um dann wieder in Schall und Rauch zu verschwinden. Als Autor von nicht minder skurrilen Kurzgeschichten kennen ihn die Wenigsten. Damit sich das bald ändert, habe ich ihn als Gastschreiber für den Furious Clarity Blog gewinnen können. Für das nächste Mal wünsche ich mir ein Kuriositätenbattle zwischen ihm und HC Roth.

(Christoph Parkinson)

Die Hellseher von Neu-Usbekistan

Epilogum: Zeit ist wie Kaugummi: zäh, klebrig und dehnbar

1. KAPITEL: Einzelkämpferausbildung in der Vollkorntundra

Die Sonne stichelt mit ihren von Gott gegebenen Strahlen alles Lebendige und Halbtote bis zur Ausdunstung. Nur die Kakteen sind Dank einem Spaß der Evolution dagegen gewappnet und schützen ihre Harnblasen mit ihren giftbetuchten Dornen vor dem unsichtbaren Ultraviolett-Stilett-Killer. Auch der Trockenfisch hat sich im Laufe der Övulotion dieser heimtückischen ekologischen Nische angepasst, wie kaum ein anderer. Er bewegt sich so gut wie gar nicht und hält sich seit Jahrmillionen in den ausgetrockneten Nebenarmen der Schwesterflüsse Wolga & Wodga und deren großen Bruder Gorbatschowa Magdalena auf. Er nutzt das nicht fließende Wasser aus, welches schon gar nicht vorhanden ist, er schwimmt einfach durch die Luft. Ihm reicht die Vorstellung, das Wasser sei unsichtbar. Das ist vielleicht ein Spaß, wie im Trickfilm. Alle anderen halten einen für übernatürlich, obwohl man nur Haut und Knochen ist. Daher der Name: Trockenfisch.

Bei genauerem Betrachten sind alle Trockenfische einfach nur tot und bis auf die Gräten abgenagt, von Einzellern, die so klein sind, dass die Sonne sie mit bloßem Auge nicht sehen und somit auch nicht verdunsten kann, denn was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Die Mikrofaserbazillen bilden eine ledrige Schmierhaut um das Skelett der Trockenfische und das konserviert ungemein. Und lange wusste man nichts von ihnen und ihrer Symbiose mit den Trockenfischskeletten. Da der eine symbiontische Partner bereits tot ist, spricht man auch von actopassiver, necrophilogener Symbiose.

Ein anderes einheimisches Mistvieh ist der Gugelhupfzipper, ein diaphragmatisches Schalentier. Er hat eine Länge und Breite von circa hundert Metern, ist aber nur bis zu zwei Zentimetern hoch. Wenn ein potentielles Opfer unachtsam über ihn drüber läuft, rollt er sich einfach zusammen, wie eine türkische Pizza und stößt stoßweise violette, chlor- und zellophanhaltige, stark übel riechende Verdauungssekrete aus, die das Beutetier rückstandslos absorbieren. Somit braucht der Gugelhupfzipper auch keine Zähne, wird daher nie an Externextremkaries leiden. Ein äußerst beeindruckendes Spektakel ist die Brunft- und Paarungszeit der Zipper. Da treffen sich ganze Horden, um sich in wilden Exzessen ganz ihrer Fortpflanzung zu widmen, worunter die Landschaft in der Regel leidet. Regeln gibt es dabei nicht, es passiert einfach. Von Spionagesatelliten aus wirkt das ganze wie interkontinentale Pfannekuchen- oder Omelettewettrennen.

Doch bis dahin dauert es noch einige Monate und ein extrem fortpflanzungsbewusstes Männchen lauert dennoch auf seine Beute: „ Ein Zweibeiner, menno, ist doch nur ‘ne Vorspeise, warum nicht mal wieder ‘ne Kaffernbüffelherde?!“ Diesen Gedanken nimmt das potentielle Opfer natürlich wahr. Er ist halb Kasache halb Usbeke, was so einiges erklärt. Als er genau in der geographischen Mitte des mit Steppenstaub bestäubten Zippers steht, beginnt das Tier sich reflexartig zu einem Zyklopenjoint zusammenzurollen. Der Kas-Beke bleibt ganz gelassen, zieht etwas aus seinem kunstledrigen Handtäschchen und faltet es auseinander und siehe da, es sind diagonal angeordnete Bohnenstangen, an deren Spitzen wild rotierende Rasiermesser wüten.

Der Gugelhupfzipper kann nun seine Reflexbewegung nicht mehr anhalten und wird dadurch zu einer Art riesigen Landseestern verarbeitet und wird sich so sicher nicht mehr paaren können, da die Zipperkühe ihn so nicht als ihren Hirsch akzeptieren wollen. „Das war schon ganz gut, Stift! Das nächste Mal üben wir Geschnetzeltes und dann, wenn du bereit bist auch das pürieren!“ Papa Ahab ist sichtlich zufrieden mit seinem Lehrling.

2. KAPITEL: Der Balalaika-Guru stirbt

Ein Getöse wie von tausend applaudierenden Fans & im Hintergrund herrscht Totenstille bis zum geht nicht mehr. Doch das Geklatsche hört nicht auf, aber wer ganz genau hinhört nimmt das ständig daseiende Schweigen der wülstigen Stille war, die sich immer mehr in den Vordergrund wölbt. Plötzlich endet der Applaus in einer Erwartung, aber auch die drüsenschwelgende Totenstille hat ein jähes Ende. Er zückt die Balalaika, er, der Er. Die Masse erigiert ohne einen Ton der Freude oder auch nur ein wenig schnippend zu schweigen. Ein Akkord dringt von der Seite der toten Materie in das, was wir so salopp die Realität nennen.

„Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, denkt ein dahergelaufener Usbeke. Ein Mann neben ihm ist empört über diesen unwirschen Zwischengedanken, traut sich aber nicht das laut zu sagen und damit seine magischen, telepathischen Fähigkeiten zuzugeben, da sie ihn sonst alle auslachen, peinigen und dann steinigen. Der pulsaufreibende Akkord treibt das Fett aus den Hautporen und reinigt Rußverpfropfungen in dem venösen Wirrwarr in jedem der huldigenden Pilger. Nur Ungläubige sterben noch an Herzinfarkt. Die Massen schwelgen in Ejakulat eiternd vor Hautfreude. Der Akkord endet abrupt und 60 Prozent der Pilger lösen sich vor Trauer in Schweiß und Pusteln auf, die verbliebenen 27 Prozent fangen an veterinär zu jammern bis in die blauangelaufenen Morgenstunden.

Der Balalaika-Guru ist gestorben, an Externextremkaries. „Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, denkt der dahergelaufene Usbeke. Der Mann neben ihm ist empört über diesen unwirschen Zwischengedanken, traut sich aber nicht das laut zu sagen und damit seine magischen, telepathischen Fähigkeiten zuzugeben, da sie ihn sonst alle auslachen, peinigen und dann steinigen. Er ist auf der Stelle mundtot. Der busbekische FBI war ihm schon lange auf den Fersen und diesen Gedanken zweimal zu haben, war sein größter Fehler, wenn man nur aus Fehlern lernen könnte. „Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, prahlt der Hellseher daneben sich selbst vor und steckt sich die übriggebliebene Balalaika in seine am Bauch befindliche faltendurchzogene Hautwulsttasche, in der außer der Bauchnabelflora auch noch ein extendierender Schwarzmarkt prächtig gedeiht….

(Psycho Jones)

Ghostclub with THE TOXIC AVENGER & KENJIRO ULTRAMAGNETIC im WWC in Bern!

Freitag, 28. Mai 2010

The Toxic Avenger

“Gleich geht’s los, mein Arsch ist schon am Flattern. Ich werde heute tanzen, von mir aus auch zu Gabba. Hab richtig Bock, die Stimmung steigt die Rechnung. Nur noch kurz duschen und dann schnell ab zum Treffpunkt…” (FREAKATRONIC)

Diejenigen, die vor fünf Jahren auf den typischen “Ed Banger”-Sound abgefahren sind, können das Zeug inzwischen so gut wie gar nicht mehr hören. Ich dagegen habe MR. OIZO, BOYS NOIZE, THE PROXY und die anderen Knallbohnen erst vor ein, zwei Jahren zu schätzen gelernt. Folglich bin ich noch von der Power fasziniert, mit denen einige dieser elektronischen Kompositionen die Clubs spürbar beben lassen.

Die Veranstalter des Berner Wasserwerks kennen sich in dieser Materie wesentlich länger und besser als ich aus, aber sie haben sich an den DJs des beschriebenen Genres wohl ebenso wenig sattgehört. Ein Glück für den Kanton, denn dies ist ein relevanter Aspekt für das beachtliche Booking, das von der Crew seit geraumer Zeit praktiziert wird. Freilich muss es weitere Gründe für die Acts geben, weshalb sie gerne in die Bundeshauptstadt kommen. Denn beispielsweise THE PROXY aus Moskau wählte für seinen einzigen Schweizgig im letzten Jahr den WWC aus – und vor wenigen Wochen kam er sogar wieder. Ebenso setzt auch THE TOXIC AVENGER aus Paris am 22. Mai 2010 auf die schräg gegenüber vom “Bärenhang” liegende Location. Bern, St. Tropez, Montreal, San Francisco, Paris, Berlin. Noch Fragen?

Den Support übernimmt einer der Resident DJs: KENJIRO ULTRAMAGNETIC. Wie damals im November legt er großartig und mit viel Druck auf. Gegen Mitternacht ist das Treiben auf dem Dancefloor sehr überschaubar, was sich innerhalb der nächsten zwei Stunden ändert. Der große Ansturm bleibt dennoch aus. SVEN VÄTH scheint, in der Reitschule um die Ecke, vermutlich zur selben Zeit mehr zu ziehen.

Nach dem DJ-Wechsel setzt sich der Alarm vor der Bühne nahtlos fort: Musikalisch vermischt TTA Basslines, Punk und Hardcore – jedenfalls haben die “Raver” den Eindruck, dass dies der Fall sei. Wodka-Lemon küsst Bier. Ich tanze wie ein Affe und schlage zu dem Beat. Erst langsam schnalle ich, wie wichtig der WWC für mich in Bern werden kann. Aftershowparty im Tscharni. Ein gänzlich mustergültiges Abendprogramm. Bis zum nächsten Mal!

“Es explodiert, heute Nacht werde ich der Knaller. Voll der Hit, Ballaballa. Es explodiert, heute Nacht werde ich der Knaller. Voll der Hit, Ballaballa…” (FREAKATRONIC)

(Christoph Parkinson)

Zu Gast #10: Madmoiselle Krokett – “Nur die Knarre löst die Starre?!”

Mittwoch, 26. Mai 2010

Madmoiselle Krokett

Die einzig wahre Karla Kolumna in unserem Business ist Madmoiselle Krokett aus Köln. Zwar darf sie sich – im Gegensatz zu dem Großteil der anderen bisherigen Gastschreiber auf dieser Seite – nicht offiziell als Buchautorin schimpfen, aber dafür füllt sie die wichtigeren Rubriken diverser Tageszeitungen. Das Handwerk des Schreibens beherrscht sie. Und als FCZ-Leserin der ersten Stunde weiß sie besonders, welche Texte uns zwar gefallen, aber welche wir vermutlich dennoch nicht schreiben würden. Demzufolge lobe ich es mir sehr, dass sie sich in ihrem ersten Beitrag mit verschiedenem deutschen Filmmaterial über die RAF auseinandersetzt.

(Christoph Parkinson)

Nur die Knarre löst die Starre?! Gute und schlechte Filme über die RAF

Wie jedes Jahr im Mai, pünktlich zu diversen historischen RAF-Jahrestagen, überschwemmen uns die Fernsehsender alle Jahre wieder mit Doku- und Spielfilmen über die Rote Armee Fraktion. Das mediale Procedere dehnt sich dann meist bis zum September aus, die Jahrestage des sogenannten „deutschen Herbstes“ von 1977 werden selbstverständlich ebenfalls bis zum Erbrechen durchexerziert.

Hauptprotagonisten und Zeitzeugen der Dokumentarfilme sind meist die ewig gleichen Spießgesellen: Allen voran Peter-Jürgen Book, Mitglied der zweiten RAF Generation und mittlerweile Johannes-B. Kerner-Zeitzeugenhure, gefolgt von der ehemaligen Grünen Politikerin und Meinhof-Biographin Jutta Dittfurth und Ex-Spiegel Chef Stefan Aust. Gleiches gilt für die Schauspieler, die für die Verfilmungen diverser RAF Stoffe engagiert werden. Hier gilt anscheinend einfach alles zu nehmen, was München und Bernd Eichinger zu bieten haben. Dabei wurden in den letzten Jahrzehnten wirklich gute Dokus und Spielfilme zu diesem Thema gedreht, aus ungewöhnlichen Perspektiven und mit interessanten Gesprächspartnern.

Mein absoluter Lieblingsfilm und für mich immer noch unübertroffen ist der Zweiteiler „Todesspiel“. Der von Heinrich Breloer gedrehte Film ist 1997 erschienen und eine Mischung aus Doku und Spielfilm. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Ereignisse im Herbst 1977. Die Freipressung von Meinhof, Ensslin, Baader und Meins aus dem Stammheimer Knast durch die Entführung des Arbeitgeber Präsidenten Hans Martin Schleyer und der deutschen Urlauber Maschine „Landshut“, sind die zwei großen Ereignisse, die der Dokufilm einfängt.

Als Zeitzeugen konnte Heinrich Breloer auf hochkarätige Gesprächspartner zurückgreifen: Ex-Kanzler Helmut Schmidt, der damalige BKA Präsident Horst Herold und GSG 9 Gründer Ulrich Wegener gewähren interessante Einblicke in die Arbeit des Staates und vertuschen auch nicht die Härte der BRD. Auf Seiten der RAF spricht – wie sollte es anders sein – Peter Jürgen Book und außerdem weibliche Mitglieder der zweiten RAF Generation. Alle Interviewpartner gehen dort selbstkritisch mit sich ins Gericht. Auf Seiten der Opfer kommt Traude Schleyer, die betroffene Flugbegleiter Crew und Passagiere der entführten Urlaubermaschine, zu Wort. Heinrich Breloer verzichtet komplett auf jeden Pathos, trotzdem lassen einen die Aussagen nicht kalt.

Der Film besteht aus zwei Teilen: „Volksgefängnis“, hier steht die Schleyer Entführung im Mittelpunkt. Im zweiten Teil „Landshut“ ist es die Flugzeugentführung, die die Handlung bestimmt. Beide Teile sind wirklich großartig und absolut sehenswert. Jeder der sich zumindest schon mal am Rande mit der RAF beschäftigt hat, erfährt hier wirklich mal was Neues. Großartig und unterhaltsam gespielt ist das Ganze auch noch. Unbedingt ansehen!

Weniger empfehlenswert ist dagegen „Der Baader Meinhof Komplex“. Mühsam hat Bernd Eichinger hier versucht einfach mal ALLE Zusammenhänge der 60er/70er Jahre in einen Spielfilm zu pressen. Der Film ist wirklich nur was für Dumpfbacken, die sich noch nie mit den geschichtlichen Zusammenhängen der letzten 50 Jahre beschäftigt haben. Oder für Leute, die mit schlimmen „Prada Meinhof“ Shirts herumrennen und sich damit für total witzig halten.

Der Film beginnt beim Schah-Besuch 1967 und endet mit dem Tod der Stammheimer Insassen. Dazwischen wird in 150 Minuten alles gequetscht, was in den 10 Jahren irgendwie eine politische und gesellschaftliche Bedeutung hatte: Studentenunruhen, freie Liebe, Radikalisierung der Studentenbewegung, Entstehung der RAF, Diskussionen im BKA, Diskussionen mit Schmidt, undsoweiterundsofort…

Dagegen ist „Black Box BRD“ aus dem Jahr 2001 eine Wohltat. Der Dokumentarfilm von Regisseur Andres Veiel lief vor neun Jahren in Programmkinos. Im Mittelpunkt der Handlung stehen ausnahmsweise mal nicht Baader, Meinhof und Co. Der Fokus liegt auf Wolfgang Grams, Führungsfigur der dritten und damit letzten offiziellen RAF Generation, und deren prominentesten Opfer, Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Das Ganze spielt im Jahr 1989. Die Biografien der beiden Hauptfiguren werden anhand der Aussagen von Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten, nachgezeichnet. Sehr seltene Originalaufnahmen, auch aus privaten Sammlungen, zeichnen ein Bild von Herrhausen und Grams, das einem zu dem Entschluss kommen lässt, dass die beiden fast so etwas wie Gemeinsamkeiten hatten.

Sowieso war dieser Film für mich der Wendepunkt in meiner persönlichen Sicht auf die RAF. Nach meiner jahrelangen, naiven Begeisterung für die Radikalität der RAF (”…nur die Knarre löst die Starre… hö, hö, hö…“), rückte „Black Box BRD“ für mich im Nachhinein einiges gerade. Der Film zeigt, dass Herrhausen zwar, aus „Sicht der RAF das richtige Amt inne hatte“, aber professionell und ethisch definitiv nicht zu den Hardlinern sozialer Ungerechtigkeit zählte. Sowieso ist das große Plus des Films, dass er eine ganz andere Zeit einfängt als die üblichen RAF Filme. Linke Radikalität in den späten Achtzigern war eben eine andere als in den politisch bewegten siebziger Jahren. Für alle, die das Thema “Rote Armee Fraktion” nicht nur oberflächlich interessiert, ist der Film ein absolutes MUSS.

Zu guter Letzt möchte ich euch noch einen weiteren Spielfilm ans Herz legen, den ich hier allerdings aus Platzgründen nicht weiter besprechen kann. Das gute Stück aus dem Jahr 1981 heißt „Die bleierne Zeit“ und wurde von der Regisseurin Margarethe von Trotta in Szene gesetzt. Es geht um Gudrun Ensslin, ihre Jugend im Schwabenländle und ihr Weg in die Radikalität (die vielleicht zwangsläufig kommt, wenn man bei den Schwaben groß wird). Da Ensslin als die ambivalenteste Persönlichkeit der Gründergeneration gilt, gibt der Film wahnsinnig viele Facetten preis.

Bleibt mir zum Schluss nur noch zu sagen: Wer gute Dokus oder Spielfilme über die Rote Armee Fraktion sehen will, sollte lieber auf etwas älteres Material zurückgreifen. Alles was seit dem Jahr 2001 gedreht wurde, ist meist einfach nur banaler Schrott!

(Madmoiselle Krokett)

“Hot Shit From Switzerland”: Fünf weitere Bands aus der Schweiz!

Donnerstag, 20. Mai 2010

Deadverse

DEADVERSE: Manchmal entpuppt es sich als ein Fluch, nahzu jeden Freitagabend bis 23 Uhr zu arbeiten. An diesem Freitag, also am 21. Mai, spielen DEADVERSE als Support von THE FREEZE im Industrie 45 in Zug. Ob sich eine Reunion-Show von den Amis lohnt, wage ich zu bezweifeln. Schlechter als die heutigen ANGRY SAMOANS können sie zumindest nicht sein. Sehenswert dagegen ist sicherlich der Auftritt der Schweizer. Ihre Songs sind stellenweise von dem Sound neuerer Hardcorebands, wie JR EWING oder STRETCH ARMSTRONG, geprägt, verheimlichen aber auch nicht, dass von den Bandmitgliedern alte HÜSKER DÜ- (”Metal Circus”) oder BAD BRAINS-Platten (”Bad Brains”) gerne gehört werden. Entsprechend klingen sie frisch, vernachlässigen dabei aber nicht ihre Bezüge zu den Klassikern. Absolut gut!

HAPPY HIPPOS MASSAKER: Terror. Einfach nur Terror. Noisecore in gängiger Manier. Und das im zehnten Jahr. Die Typen kommen aus der Berner Gegend. Live habe ich sie einmal im Vorprgramm von den JAKAs im Graffiti in Wankdorf gesehen. Es verwundert nicht, dass die Band nicht probt beziehungsweise ihre einzigen gemeinsamen Sessions nur auf der Bühne zelebriert. Nicht zu lang. Geht schon. Hausverbote, zerstörte Instrumente – das HHM gibt alles. So etwas hat seine Berechtigung. Absolut. Nur länger als zwanzig Minuten und häufiger als einmal im Jahr brauche ich deren Bühnenpräsenz nicht.

Reverend Beat-Man

REVEREND BEAT-MAN: Der Reverend und sein 1992 gegründetes Label, VOODOO RHYTHM RECORDS, werden auf diesem Blog zwischendurch immer wieder gerne genannt. Sein Schaffen und sein internationales Wirken sind beachtlich. DIY in Hochform – spezialisiert auf “rebellische Musik der 1950er-Jahre”. Seine eigene Hauptband sind THE MONSTERS. In welchen Bands und Projekten Beatman darüber hinaus mitspielt oder mitgespielt hat, ist vermutlich nur schwer zu überschauen. Ein Besuch auf seiner Myspace-Seite oder auf der des Labels lohnt sich für alle, die tiefer in die Materie einsteigen wollen. Mein Anspieltipp auf youtube ist der “Jesus Christ Twist”. Und das, obwohl ich normalerweise einen Kotzreiz kriege, sobald ich – in welchem Kontext auch immer – auf mein persönliches Unwort “Twist” stoße.

TIGHT FINKS: Am klassischen England-Punk orientiertes Trio aus Thun. Als musikalische Einflüsse nennen sie folgerichtig THE ADICTS, THE BOYS, THE VIBRATORS, 999 und andere. Vergleiche mit THE TOY DOLLS oder den deutschen DISTRICT hinken ebenso wenig. Das Konzept ist klar. Alte Ideen, neue Songs. Beheimatet sind sie auf dem Berner SUBVERSIV-Label und haben seit 2001 fünf Tonträger veröffentlicht. Wem Seventy-Seven 2010 nicht zu öde geworden ist, wird die TIGHT FINKS mögen.

URBAN JUNIOR: Eine Ein-Mann-Armee – bewaffnet mit Megafon, Gitarre, Synthesizer und Schlagzeug. Electro Clash Trash und Garage Rock’n'Roll-Gewitter. URBAN JUNIOR ist seit 2003 live weltweit unterwegs. Ob auf öffentlichen Toiletten oder im Vorprogramm von IGGY POP AND THE STOOGES, der Herr sorgt für Remmidemmi. Vor kurzem hat er sein neues Album, “Twoheaded Demon”, auf VOODOO RHYTHM Records veröffentlicht. Die Songs auf Myspace versprechen viel. Der Überhit ist “Hot Shit From Switzerland”. Und genau das ist es, was URBAN produziert. Übrigens gibt er ebenfalls am 21. Mai eine Show – im Café Kairo in Bern.

(Christoph Parkinson)

Zu Gast #9: HC ROTH wird verflucht!

Dienstag, 18. Mai 2010

HC Roth

Am 20. Mai erscheint das zweite Buch von meinem Ox-Kollegen HC Roth aus Graz. Es trägt den Titel “Wie ich verflucht wurde und die Zeit still stand – ein Heavy-Metal-Märchen” und erscheint über den EditionPaperONE-Verlag, über den ihr das 116-seitige Werk für 9,95€ bestellen könnt. Zwei Tage vor der offiziellen Veröffentlichung findet ihr einen ersten Appetithappen auf unserem Blog. Also, Trüffeleinfahrt auf, LSD rein und viel Spaß im Geäst!

(Christoph Parkinson)

Ich versuche mich loszureißen, loszureißen von den Vögeln da oben am Himmel, von all den Wildgänsen, Tauben, Störchen, wie sie da einfach so am Himmel kleben, ähnlich dem weihnachtlichen Window Color am Kindergartenfenster, unbeweglich wie diese bewaffneten Typen in ihren roten Uniformen und den lustigen Hüten oben auf ihren von regungslosen Gesichtern gezeichneten Köpfen, die da vor dem Haus, Schloss, Palast oder wie man das halt nennt, stehen, in welchem diese alte Lady, Queen oder wie sie halt heißt, wie sie halt genannt wird, wohnt. Ich versuche, schlau aus all dem zu werden, aus den still stehenden Booten dort unten am Lago Di Sparta, wie sie da alle, ohne nur die geringste Regung zu zeigen, daliegen wie Mexikaner und Mexikanerinnen bei ihrer täglichen Siesta. Ich blicke einmal mehr auf die Uhr, wie sie da stehen geblieben zu sein scheint, wie sich ihre Zeiger eine Ruhepause gönnen, der dünne große, der dicke große und der lethargische kleine.

Ich versuche zu verhindern, dass ich selbst in eben diese Starre falle, in diese Bewegungslosigkeit, versuche zu verhindern, dass ich selbst diesem Stillstand, welcher hier um sich gegriffen zu haben scheint, zum Opfer falle. Schnell wie ein Solo von einem der frühen METALLICA-Alben verlasse ich den Platz, auf dem hier ich stehe, laufe zurück auf den Weg, vorbei an der Hütte, welcher ich einen verächtlichen, beinahe schon hasserfüllten Blick zuwerfe, dieser furchtbaren, übel eingerichteten, übel riechenden Hütte, laufe los in den Wald, direkt in den Wald. Irgendetwas zieht mich dort hinein, hinein in diesen Wald, zieht mich an wie ein Magnet, zieht mich an wie der Schnaps seinerzeit Harald Juhnke, wie Romeo Julia, wie Siegfried Roy, treibt mich in den Wald wie die Hunde der reichen Briten Jahr für Jahr die Füchse, bevor diese sie auf ihren hohen Rossen sitzend abknallen wie andere die Vögel oben am Himmel, auch wenn das heute fast unfair wäre, weil die Vögel sich ja nicht bewegen, treibt mich wie der weiße Tiger Siegfried und Roy.

Ich laufe in den Wald, laufe schnell, als würde ich verfolgt werden, als wäre ich der Fuchs, welcher auserkoren ist, erschossen zu werden wie ein Vogel, als wäre ich Siegfried, als wäre ich Roy auf der Flucht vor dem weißen Tiger. Ich laufe, auf mich selbst entschlossen wirkend, laufe mit einer derartigen Entschlossenheit, als würde ich wissen, warum ich so laufe, als würde ich wissen, was mich dort erwartet, drinnen in den Tiefen dieses Waldes. Ich laufe und laufe, laufe vorbei an Hasen, welche gerade zum Sprung angesetzt haben und dabei festgefroren zu sein scheinen, laufe vorbei an Babyfüchsen, in deren zartes Genick sich die erbarmungslosen Krallen eines erbarmungslosen Adlers bohren, welcher halb in der Luft hängt, die Flügel halb ausgebreitet, vorbereitet wieder wegzufliegen, abzuheben in den klaren Himmel hoch über dem Wald hoch oben am Monte Baldrian. Ich laufe vorbei an einem kleinen, braunen Eichhörnen mit lustigen Zähnen und buschigem Schwanz, welches ganz offensichtlich fröhlich und ausgelassen wie der Karneval in Köln von einem Baumast zum nächsten Baumast hüpfen wollte, ehe alles stehen geblieben ist, die Zeit scheinbar angehalten wurde.

Ich laufe und laufe, laufe immer dem Weg entlang, immer tiefer in den Wald hinein, es wird immer dunkler und dunkler, die stehengebliebene Sonne verschwindet hinter Bäumen, die höher und höher werden. Ich höre keine Geräusche, nehme nicht die üblichen Klänge des Waldes wahr, kein Rascheln der Blätter, kein Rascheln beim Auftreten, beim Berühren der Füße des laubbedeckten Waldbodens, keine zirpenden Insekten, keine singenden Vögel, keine jagenden Jäger, keine erschossenwerdenden Füchse, keine Angstschreie ausstoßenden Rehe, keine sterbenden Mütter von Bambi, keine sich liebenden Liebespärchen, wie sie da nackig im Geäst liegen, Sachen machend, die man als anständiger, halbwegs moralisch denkender Mensch nicht macht, draußen im öffentlich zugänglichen Ambiente eines Waldes, Sachen die man nur zu Hause macht, im geräumigen Schlafzimmer, dort im geräumigen Mietwohnblock, am besten im geräumigen Doppelbett aus dem geräumigen Schwedenmarkt.

Irgendwann – ich weiß nicht wie lange ich nun schon laufe, die Zeiger meiner Uhr, der dicke große, der dünne große und der kleine fette wollen es mir ja nicht sagen, schweigen wie die Mönche im von der chinesischen Regierung erzwungenen exil-tibetanischen Schweigeorden – bleibe ich stehen. Ich bleibe mit einer solchen Entschlossenheit, einer solchen Überzeugtheit stehen, als wüsste ich, warum ich eigentlich stehen bleibe, als wüssten meine Beine, warum sie eigentlich stehen bleiben, gerade hier stehen bleiben, an dieser Waldstelle, die aussieht wie alle anderen Waldstellen auch: Hohe Bäume, niedrige Bäume, ein paar Nadel-, ein paar Laubbäume, diverses Buschwerk, Walderdbeeren, Pilze, giftig, ungiftig, halluzinogen, Geäst und Blattwerk tummeln sich neben Gestein im erdigen Dreck eines Waldbodens.

An solch einer unscheinbaren, absolut verwechselbaren Stelle, mitten in diesem unscheinbaren, absolut verwechselbaren Wald halte ich, bleibe ich stehen vor einem Körper, der da regungslos auf dem Boden liegt, eingebettet in ein Meer aus Laub, über ihm ragen die Wipfel der Bäume mächtig in den Himmel. Es handelt sich um einen männlichen Körper, einen nackten männlichen Körper, einen ganz offensichtlich toten, nackten, männlichen Körper. Um einen Körper, von Blut überströmt, übersät mit klaffenden Wunden, ein Körper voller Abschürfungen und Kratzspuren, blutend und eitrig wie mein eigener. Ein Körper, gezeichnet von einem Kampf, einem offensichtlich brutalen, grauenvollen, unermesslich brutalen, unfassbar grauenvollen Kampf.

Während meine Augen noch auf all das Blut und all die Löcher und Narben auf diesem ansonsten makellosen, wunderschönen, adonishaften, fast schon knabenhaft reinen Körper starre, bewegt sich meine rechte Hand geführt von meinem rechten Arm auf den Körper zu, meine Knie beugen sich, mein Oberkörper neigt sich nach vorne, um Arm und Hand das Berühren des toten, nackten Männerkörpers zu erleichtern. Rechte Hand, rechter Arm, beide Knie sowie mein Oberkörper erwecken den Eindruck, als wüssten sie ganz genau, was sie hier und jetzt zu tun im Begriff sind, als wäre das alles abgesprochen, eine seit vielen, vielen Jahren tagtäglich vollzogene Handlung, so selbstverständlich wie das morgendliche Aufbrühen eines Espressos. Ich selbst sowie mein von mir konsultierter Verstand haben nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich geht, was wir hier eigentlich tun, warum wir das tun, wissen nicht, warum dieser Mann hier liegt, warum er tot ist, wer er ist und was wir mit ihm zu tun haben, was ich mit ihm zu tun habe, ob sein Tod in unserer, in meiner Verantwortung liegt.

Mein Verstand und ich, wir werfen uns ratlose Blicke zu – sofern man halt einem Verstand etwas zuwerfen kann, einen Blick zum Beispiel – während mein rechter Arm meine rechte Hand zum Mund des toten Mannes führt, als sich plötzlich auch die linke Hand einschaltet, welche geführt vom linken Arm am Geschehen teilnimmt, das bartlose Kinn des Mannes packt, den ebenso unbehaarten Unterkiefer des Mannes, welcher ohnehin kein einziges Haar an seinem Körper trägt – nicht am Kopf, nicht im Gesicht, nicht unter den Achseln, nicht auf der Brust, nicht zwischen den Beinen, dort wo der riesige Penis schlaff herunterhängt, nein nicht einmal am Rücken – umschließt diesen mit allen fünf Fingern, kippt ihn nach unten, um so den Mund des Mannes zu öffnen – die Haut ist geschmeidig und sanft wie die eines Babys – als plötzlich die rechte Hand wieder die Leitung des Geschehens übernimmt, in den Mund greift, vom rechten Arm weit in den glitschig-nassen Rachen geschoben wird, dorthin, wo die fünf Finger dieser Hand die Zunge umfassen, diese mit einem gewaltigen Ruck wegreißen, die Hand zurück heraus fährt, die blassrosa Zunge auf den dunklen, weichen Waldboden wirft, in welchem sich in dem Moment, in dem die Zunge aufschlägt – deren Farbe sich genau in diesem Moment, kurz vor dem Aufschlag in ein dunkles, fades Grau verwandelt – ein Loch, eine Öffnung auftut.

Das Loch wird größer und größer, die Zunge streckt sich hinunter in die Tiefe, wird länger und länger, bekommt einen Knick, einen zweiten, einen dritten, aus den Knicken werden Stufen, aus der Zunge entsteht eine Treppe, das glitschige rosa Sprechorgan verwandelt sich langsam in dunklen, grauen Stein, in eine Treppe aus dunklem, grauen, harten Stein. Eine Treppe, die tief in dieses Loch hineinführt, dieses Loch, das sich dort im von reichlich Laub bedeckten Waldboden aufgetan hat.

Bevor mein Körper jedoch den ersten Fuß auf die oberste Stufe, auf die glattgeschmirgelte Steinoberfläche, auf das, was früher einmal die Zunge eines nunmehr toten Mannes gewesen ist, setzen kann, um mich – der ich nicht die geringste Ahnung habe, was hier eigentlich vor sich geht und warum mein Körper sehr wohl zu wissen scheint, was er denn nun zu tun hat – nach unten zu befördern, spüre ich, wie der rechte Arm wieder inmitten des toten Körpers steckt, wie der glitschig-nasse Rachen durchquert wird, meine Hand irgendwo in der – schätzungsweise – Magengegend herumwühlt, genau so wie es all die Massen shoppingbesessener, konsumgeiler Teenager samstagnachmittags im Shoppingcenter draußen am Rande der Stadt in irgendwelchen Unterwäschebergen zu tun lieben, wie die Finger wiederum etwas umfassen, wie der Arm die Hand herauszieht, meine von Blut, Speiseresten, Magenflüssigkeit und Speichel umhüllte Hand vor meine Augen führt und diese plötzlich wie für mich unerwartet eine Schriftrolle aus gelblichem, beinahe schon vergilbten Papier erblicken…

(HC Roth)

Und sie laufen immer wieder: Parkis drei Lieblingsplatten

Donnerstag, 13. Mai 2010

Werde ich in Interviews nach meinen absoluten drei Lieblingsalben gefragt, antworte ich seit etwa zehn Jahren immer das Selbe:

- AT THE DRIVE-IN “Relationship of Command”
- FACE TO FACE “Ignorance Is Bliss”
- JAWBREAKER “Dear You”

Wenn ich irgendwann meine Platten mal wieder dort stehen habe, wo ich auch wohne, dann befasse ich mich etwas ausführlicher mit all meinen persönlichen Meilensteinen der Musikgeschichte. Zur Feier des Tages gibt es vorerst nur das Video zu einem der großartigsten Songs aller Zeiten: “Fireman” von JAWBREAKER.

(Christoph Parkinson)

PS: Hallo Asta!

Neues Album von KARATE DISCO: Releaseparty mit BAZOOKA ZIRKUS am Freitag in Köln!

Dienstag, 11. Mai 2010



14.05.10 KARATE DISCO, BAZOOKA ZIRKUS @ Sonic Ballroom, Köln

“Das neue und zweite Album von KARATE DISCO ist nichts für Punkrock-Nostalgiker. “Discostress” ist modernster High-Speed-Punk der ganz dicken Machart. Beim ersten Mal Hören erschlägt das Album einen fast, beim zweiten Mal bleibt man dann immer wieder hängen und stellt fest: das Monster hat Köpfchen und Melodie.” (Triggerfish)

“Alice im Wunderland in Punkrock, das ist es im Groben, was KARATE DISCO künstlerisch abliefern. Es wird eben auch an den Ufern des Rheins gerne und viel hinter den Spiegel geschaut … Eben jene Tatsache und der Umstand, dass Schlagzeuger A. Gräbeldinger nun bereits seit Jahren ein Murmeltierkostüm trägt, untermauern diese These.

Karate Disco

Doch nicht auf Wahnsinn, sondern auf Vielfalt, Farbenpracht und Unterhaltungswert will ich mit diesen Vergleichen hinweisen. Denn deutschsprachiger Punkrock in bestmöglicher Bauweise, das ist es, was der Fan hier einmal mehr bekommt. Sonderlob geht an dieser Stelle an Rici, die merklich an ihrem Gesang gearbeitet hat und damit noch mal eine gute Schippe Qualität im Vergleich zum Vorgängeralbum drauflegt.” (Jörkk Mechenbier, Ox)

Dem habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen. “Discostress” ist eines der besten deutschen Punkrockalben, die seit langem erschienen sind. Großartige Melodien, brillante Texte, wunderbarer Gesang. Sehr hübsches Artwork. 10 Punkte. Keine Frage. Das Release des Albums wird am kommenden Freitag, den 14. Mai, im Sonic Ballroom in Köln gefeiert.

Bazooka Zirkus

Im Vorprogramm spielen BAZOOKA ZIRKUS ihre zweite Show. BAZOOKA ZIRKUS sind eine neue, ganz fabelhafte Neuwieder Schule-Allstarband mit dem früheren BARSEROS-Sänger an der Front. Die Instrumente werden gespielt von weiteren (ex-)Mitgliedern wichtiger Formationen wie HORDAK, KARATE DISCO, A CASE OF GRENADA und MILL. Musikalische Einflüsse rühren nach eigenen Angaben unter anderem aus dem Sound alter Hardcoreedelsteine wie den BAD BRAINS, BOLD oder SUICIDAL TENDENCIES. Die deutschen Texte sind ausgefuchst und lesenswert. Die Chöre folgen an den richtigen Stellen. Die Segel wurden im selbst erzeugten, frischen Wind ideal gesetzt. Es kann losgehen – macht euch auf etwas gefasst. Die erste Show in der Tenne war Alarm pur!

Ich schließe mit einem weiteren Zitat eines Autoren von Triggerfish “Deutlich wird: so hört sich die Zukunft des deutschsprachigen Punkrock an. Und wer die verpasst, ist selber schuld.”

(Christoph Parkinson)

Das Fest: THE MONOFONES, THE VIBRATORS und die Bildungsbürger.

Sonntag, 09. Mai 2010

THE MONOFONES

Bern, so nah und doch so fern. THE PROXY residiert erneut im Wasserwerk, doch der Herr will neue Wege beschreiten. Allzu kreativ ist er dabei nicht und landet auf der Decadanse – dem jährlichen Unifest.

20 Uhr öffnen die Tore. Wir Heinis befinden uns bereits nur wenig später auf dem Campus. Der Poetry Slam überrascht nicht. Mittelmäßige Texte werden vorgetragen. Style zwischen Helge Schneider und Klaus Kinski. Düsseldorf, Koblenz, Bern. Poetry Slams ziehen meist das gleiche Publikum und, was viel schlimmer ist, ähnliche “Slammer”. Im Verlgeich zu den regelmäßigen Wettbewerben im ZAKK in Düsseldorf (”Halbintelektuellen-Trival-Gedichts-Ausschuss”) oder dem in Koblenz (”Lehrer und Schüler lesen, zwischen den Freaks von der Uni, Texte aus dem Unterricht”), geht Bern klar. Dennoch ist es furchtbar. Out. Weg. Tschööö. Heim!?

THE MONOFONES
beginnen im gegenüberliegenden Gebäude. Die Sängerin ist drei Meter groß und hat wohl zu viel Kaffee getrunken. Der Gitarrist wirkt ähnlich überdreht. Garage. Punk. Trash. Bierduschen und Gitarrenschmusen im oder über dem Publikum. Ist nicht wirklich überzeugend und wirkt insbesondere in diesem Rahmen eher lächerlich. Hits sind dabei. Die Stimmung ist gut. Das Publikum ist genügsam. Wackelnde Studenten. Tanzende Rock-a-Quellas. Igitt! Ich habe mehr erwartet. Trotzdem.

Anschließend: THE VIBRATORS. Die werden mich auch noch überleben – oder irgendwann zu Tode langweilen Die Engländer waren bereits vor zwölf Jahren schon ultra ermüdend. Ich halte die Erwartung ganz weit unten. Aber: Überraschung! Alte Männer mit Hängewangen und bleichen Junkiefaces, aber ohne Stock im Arsch und mit einzelnen Hymnen. Geht rund. Ist sogar authentisch und läuft. Respekt. Studentenpogo.

Bier und Longdrinks. Rein, rein, rein. Vom Dancefloor zur Bar und von der Bar zum Dancefloor. Männer- und Heiniüberschuss. Oje. Das Programm geht. Aber es verläuft sich irgendwie. Hier Techno. Dort 80er. Dazwischen 90er und Co. Von den Sixties bis hin zu den 90ern wird alles gespielt. Smalltalks. Wow. Kein Ende in Sicht. Nicht tanzen, glotzen. Besser geistig kotzen. No attitudes. Nur Fete. Es ist okay. Mehr nicht.

Zwischen drei und vier Uhr ist Schicht. Falsche Entscheidung. THE PROXY kann im Duell nur gewonnen haben. Ich Naivling. Brechreiz. Verbitterung. Erwartungen herunterfahren. Noch mal halte ich das nicht aus. Die Ungmengen an verheizten Franken gebe ich nächstes Wochenende besser für einige Kilogramm Pferdefleisch aus. Grillieren rules. Unifeste nicht. Und das Ein-Mann-Wolfsrudel stinkt allmählich auch nach Pumagehege. Bah!

(Christoph Parkinson)

“Mit dem Baseballknüppel, schlage ich dich zum Krüppel!”: Down with THE SADISTICS!

Samstag, 08. Mai 2010

S. Kühne / The Sadistics

Band des Monats. Was für ein Demo: “Straight To Jail”! Der Name ist Programm. Neun ultra geile Songs, die musikalisch starke Einflüsse amerikanischer Punkbandbands Ende der 70er mit der musikalischen Konsequenz und Aggressivität wichtiger Hardcorebands Anfang der 80er vermischen. Der Song “Baseballknüppel” ist der mit Abstand beste deutschsprachige “ACAB”-Song, der seit langem geschrieben worden ist. Ganz große Lyrics! Die anderen Tracks hauen ähnlich gut drauf und hallen nach. Wally von TOXOPLASMA hat hier ebenfalls gute Arbeit geleistet. Die CD-R könnt ihr über die Myspace-Seite der Band beziehen: http://www.myspace.com/sadistics666. Auch live sind die Covelenzer Jungen empfehlenswert!

(Christoph Parkinson)

“Seitensprünge”: Das neue Buch von Mia Ming

Mittwoch, 05. Mai 2010

Seitensprünge - Cover

Mia Ming
SEITENSPRÜNGE
33 Frauen erzählen von aufregenden Affären,…

Buch | Schwarzkopf & Schwarzkopf | schwarzkopf-schwarzkopf.de | 276 S., 9,90 Euro

Der Erfolg von Mia Mings ersten Buchreihe (”Schlechter Sex”) gab dem Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag den Anstoß, mit unzähligen ähnlichen Publikationen anderer, meist blonden Autorinnen nachzuschießen: “Bester Sex”, “Krasse Abstürze”, “Alle Männer sind Freaks”, “33 Männer in 33 Nächten”, “Dirty Girl”, etc. Design und Aufbau sind immer gleich und werden inflationär als Verpackung sämtlicher Sex-Trivialliteratur des Verlags gewählt. 33 Geschichten zu dem jeweiligen Thema. Ein Grauen an Büchern erobert den Markt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Denn das Konzept geht auf. Und das, obwohl keiner von Mias Nachzüglern aus ihrem Schatten herauskommt und sprachlich selten wie sie überzeugt.

Etwa ein Jahr lang ist es um Mia Ming ruhig geworden. Nun meldet sie sich mit einer neuen Buchreihe zurück, die an dem bisherigen Konzept leider anknüpft. Ihr neues Thema sind 33 Seitensprünge von 33 Frauen, die sie dazu befragt hat. Wer auf diese Meldung erst einmal vor antizipierter Langeweile gähnen muss, dem sei verziehen. Allerdings darf man sich darüber freuen, dass die Berliner Autorin – im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und Kollegen – glänzt. Inhaltlich werden Sex & Emotions nicht neu erfunden, aber die Storys sind unterhaltsam bis hochdramatisch. Wer also an ihren ersten drei Büchern Freude gehabt hat, wird hier nicht enttäuscht.

Ein Indiz

Eigentlich habe ich auf so etwas schon lange gewartet, aber etwas bizarr und unglaublich ist es dennoch: Der gute, alte Parki erkennt sich in einer der Geschichten wieder. Meine, wesentlich kritischere Sicht der Dinge, könnt ihr im Ox #79 nachlesen. Ich sage nur: Bob die Baumeisterin & Superman im Februar in Köln 2007. Wie gut, dass ich damals nicht mehr ans Handy gegangen bin… Sorry Sahra, danke Mia!

(Christoph Parkinson)