Archiv für November 2009

Kommuniziert, lebt und feiert die GENERATION FUCK!

Sonntag, 29. November 2009

Bombenflyer

Die “Generation Fuck” definiert sich unter anderem dadurch, dass sie absolut progressiv feiert und trotz des selbstzerstörerischen Lifestyles klare Ziele und einen hohen Erfolgsanspruch lebt. Es ist eine Generation, die viel fordert, sich aber letzenendes durch eine gewisse Einfachheit auszeichnet, dessen Befriedigung sich wiederum absurderweise schwierig darstellt. Emotional geht diese Generation oft über Leichen, obwohl sie sich doch eigentlich nach nichts mehr als Geborgenheit sehnt.

Nach langer Ankündigung findet am 04. Dezember 2009 in Düsseldorf die erste offizielle “Generation Fuck”-Party statt. In Anlehnung an die Maßstäbe und Werte einer partywütigen, zielstrebigen und doch ewig suchenden Generation in der Generation bringt richkidz eine neue Party zur Stimmung der Stunde an den Start – und das mitten auf der KÖ. Indiependent, Indietronic und Electronic geben an diesem Abend und nur auf der „Generation Fuck“ den Ton an.

Insgesamt fünf DJs aus bekannten Clubs im Umkreis werden mit Hilfe der GOLDEN HELMETS und ihren krachigen Garage-Songs die KÖ zum Kochen bringen. JEFF SMART & CALAMIGHTY KATE (Rose Club), OPTIMO 500 & NINA BARRACUDA (Surprise) und JACK DEAN (Tausendbar) reisen extra in die Landeshauptstadt, um uns das volle Musikprogramm zu geben. Aus den verschiedensten Ecken NRWs ergibt sich so ein leidenschaftlich ernster und authentischer Sound wie sie die „Generation Fuck“ zu genießen liebt. Und dann herrschen an diesem Abend auch noch Biersonderpreise – oh mein Gott… Also, wir sehen uns – am 04.12. im Monkey´s Club! (Christoph Parkinson empfiehlt!)

Im Gespräch: DAVID SCHUMANN über Charakteristiken und Perversionen in der japanischen Modelszene sowie über seine veränderte Credibility bei den Girls

Donnerstag, 26. November 2009

David Schumann - eben nicht für Business Punk

David Schumann steht nicht erst seit seinem lesenswerten Buchdebüt, “The Tokyo Diaries” , im Blickpunkt einiger großen deutschen und internationalen Medien. Die ersten Exklusivstories setzen wenige Jahr zuvor an. Die Story: Ein großer, eher schlaksiger Typ mit Tattoos und Punkbackground, geht für ein Auslandssemester nach Japan und wird dort auf der Straße angesprochen, ob er gegen Bezahlung bei einem Fotoshooting mitwirken möchte. Kurze Zeit später, gehört er zu den gefragtesten Topmodels in Japan…

Zwar wissen die wenigsten, dass David früher hinter der Ladentheke des Underdog Recordstores in Köln, auch gerne mal das FCZine gelesen hat, aber sein Treiben vor dem Beginn der Karriere, ist eigentlich den meisten relativ bekannt. In diesem Interview soll es daher auch weniger um das gehen, was “ganz früher” gewesen ist. Weitaus spannender sind seine Erzählungen über verschiedene Kuriositäten und Hintergrundinformationen aus der Modelszene, die Antwort auf die Frage nach seiner Vorreiterfunktion hinsichtlich neuer Berufsziele von deutschen Hardcorekids und natürlich wie es um seine veränderte Credibility bei den Girls aussieht. Das Interview wurde in der 47. Kalenderwoche diesen Jahres per Email geführt.

Welche fünf Wörter würden warum die japanische Modelszene am besten charakterisieren?

Gleich fünf?! Und das, obwohl ich doch immer versuche mich da so gut wie möglich rauszuhalten… Aber OK, mal sehen:
Gleichgültigkeit“: Die meisten meiner Kollegen scheinen wie ich irgendwie als Quereinsteiger da rein gerutscht zu sein. Nur die wenigsten haben Model jemals als Berufswunsch gehabt, sondern waren nur ganz einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und können jetzt irgendwie davon leben. Dem Job an sich stehen sie dementsprechend relativ indifferent entgegen.
Beliebigkeit“: Oft hat man das Gefühl, dass so gut wie jeder andere den Job hätte machen können. Es gibt kein sinnvolles/logisches Konzept, sondern nur white boys in komischen Klamotten vor langweiligen Settings.
Arroganz“: Wie wahrscheinlich überall sonst auch, tendieren vor allem junge Models dazu abzudrehen und zu glauben, nur weil man sie fotografiert, seien sie irgendwas besonderes oder hätten irgendeine Art von Talent, was bei vielen dazu führt, dass sie ihrer Umwelt gegenüber mit einer unglaublich überheblichen Einstellung gegenüberstehen.
Glück“: Wie gesagt, kaum jemand hat je geplant so einen Job zu machen, wurde nur irgendwann irgendwo dafür gecastet.
Spass“: Die Aftershowparties und die Clubs, in denen Models nicht nur freien Eintritt haben, sondern auch umsonst saufen können, gehören definitiv nicht zu den schlechtesten Orten um sich die Nächte um die Ohren zu schlagen…

Was gibt es über den Drogenkonsum, Magersüchte und Perversionen japanischer Models zu berichten?

Da in Japan fast nur weiße Models arbeiten, schwer zu beantworten. Aber Drogenkonsum findet genauso statt wie in allen anderen Schichten der Gesellschaft. Viele der Kids gehen auf Parties, Indie, Electro, was weiß ich, und schmeißen sich da Pillen und koksen. Da bin ich allerdings nie dabei, deshalb kenne ich immer nur die heroischen Geschichten, die dann am nächsten Tag bei den Castings erzählt werden und von denen wahrscheinlich 90% erfunden sind. Bei den Shootings sind aber eigentlich immer alle klar im Kopf. Auch magersüchtig sind glaub ich nur die wenigsten. Ich hab mal gesehen, wie so zwei androgyne Jungs bei einer Aftershowparty das Essen immer nach dem Kauen ausgespuckt haben, wegen den Kalorien und so. Dafür wurden sie dann aber auch die nächsten zwei Monate konsequent verarscht… Perversionen… hmmm… mir würde da eine weitere Aftershowparty-Story einfallen! Ein schwuler Stylist hat ein Model nach dem anderen aufgefordert, ihm auf dem Klo einen zu blasen, wolle man auf seiner Show der Fashion Week mitlaufen. Am Ende ist sogar ein Hetero-Junge mitgegangen, während alle Schwulen abgelehnt haben. Wie der wohl so war?

David Schumann

Inwiefern ist die japanische Modelwelt geprägt, von unerträglichen Gestalten wie Bruce Darnell?

Eigentlich gar nicht… Der ist ja auch nur so präsent, weil er eben im Fernsehen auftritt, sonst würdest du den ja – auch als Model – so gut wie gar nicht mitbekommen. Klar gibt es bei den Shows und Shootings immer so komische Modetypen, aber die kann man ignorieren oder sich Getränke von ihnen ausgeben lassen.

Wie hoch schätzt du den Anteil schwuler Models?

Geringer als ich anfangs gedacht habe… In meiner Agentur in Tokio weiß ich nur von einem. In Deutschland scheint die Zahl da schon höher zu sein. Neulich bei einem Shooting war es ungefähr die Hälfte. Und das waren ja auch nur die, die es auch raushängen gelassen haben.

Was hältst du von Heidi Klum?

Ich hab sie nie getroffen, ist also schwer einzuschätzen. Was ich von ihren TV-Auftritten kenne, muss ich sagen „extremst nervig und unerträglich“. Aber lieber als zum Beispiel eine Kate Moss, die sich mit Musikern gehypter „Indie“-Bands irgendwie versucht einen alternativen Anstrich zu geben, dann aber in Interviews ihren Magersucht-Style verteidigt („Nichts schmeckt so gut, wie das Gefühl dünn zu sein“), ist sie mir im Endeffekt wahrscheinlich schon.

Wie haben sich die Reaktionen der Damenwelt nach deinem Erfolg als Model und aufgrund deiner Präsenz in den auch deutschen Medien verändert?

Vieles ist um einiges einfacher geworden als vorher… Ich muss dann immer lachen. Nur weil man in den Medien auftaucht, und dann auch noch als Model, also nicht als „Schaffender“ im Sinne von Künstler, Musiker oder Schriftsteller oder so, wird man für eine bestimmt Art von Mensch scheinbar attraktiver. Frauen, die einen sonst nie mit dem Arsch angeguckt hätten, sprechen einen an oder schreiben einem auf Facebook. Verrückt. Ich bestrafe die dann für dieses Verhalten mit unsagbar schlechtem Sex.

Tod und Hass der Deutschen Bahn

Was war die unmoralischste Situation, in die du in den letzten zwei Jahren geraten bist?

Beim Modeln meinst du? Ich war auf einem Casting für einen TV Werbespot fuer Nudelsuppen, bei dem ich aus einem Becher essen musste, in dem auch Fleisch war. Hab ich dann nicht gemacht und folgerichtig auch den Job nicht bekommen… Ansonsten war eigentlich nicht besonders viel in der Richtung los. Zumindest nichts, worüber ich hier reden könnte.

Inwiefern denkst du, beeinflusst dein Erfolg die Berufsvorstellungen anderer Jungs aus der Hardcore-/Punkszene, die glauben, weil sie stark tätowiert seien ähnliche Chancen hätten?

Ich glaube nicht, dass irgendwer aus der Szene durch meine Geschichte so zu denken angefangen hat. Aber selbst wenn, die Chance als Punk Model zu werden, ist genauso groß/klein, wie das als Nicht-Punk der Fall ist. Wenn man eine bestimmt Statur und Körpergroesse hat, dazu nicht ganz Scheiße aussieht und einen gewissen Hang zum Exhibitionismus hat, kann das immer klappen. Wobei man sich allerdings fragen sollte, warum jemand das überhaupt werden wollen würde? Ich kann mir kaum einen Job vorstellen, der emotional ungesünder wäre, als modeln. Und was die Tattoos angeht: Auch wenn das viele Medien in Deutschland gerne so darstellen – klar, klingt halt interessanter – haben die Tattoos mir nicht dabei geholfen, als Model erfolgreich zu sein, eher im Gegenteil. Es gab schon einige Jobs, die ich so gut wie in der Tasche hatte, wo dann der Designer irgendwann meinte: „Jetzt probier doch noch mal was kurzärmliges an”, meine Arme gesehen hat, und schon hieß es: „Danke, der Nächste bitte!”. Was man auch ganz gut in meiner Mappe erkennen kann. Nur auf höchstens zehn Prozent der Fotos sind die Tattoos ueberhaupt zu sehen.

Welches Publikum findest du bei deinen Lesungen vor?

Das Publikum war bis jetzt eigentlich immer angenehm gemischt. Vom Iropunker, über normale Studenten bis zu Rentnern in Abendgarderobe war eigentlich alles dabei. In Frankfurt sogar ein besoffener Asi, der mich die ganze Zeit zum Faustkampf herausgefordert hat.

Was für Ziele hast du dir für 2010 gesetzt?

Im Prinzip hab ich mir nur ein Ziel wirklich gesetzt: Das nächste Buch fertigschreiben! Ich habe gerade angefangen, daran zu arbeiten und glaube, dass das vom Zeitrahmen auch so funktionieren könnte. Wie lang das dauert, bis es dann letztendlich erscheint, ist allerdings ne andere Frage… Das Verlagswesen arbeitet noch wesentlich langsamerer als die Musikbranche, da dauert sowas gerne mal über ein Jahr. Ansonsten wäre es eigentlich nur schön, wenn alles so weiterlaufen würde, wie die letzten Jahre, dass ich glücklich und gesund bin, viel Spaß am Leben hab und meine Zeit so gut es geht zwischen Japan und Deutschland aufteilen kann. Ich hab mir aber abgewöhnt, mehr als mittelfristig zu denken, es gibt einfach zu viele Variablen, als dass ich richtig planen könnte, zumindest in meiner aktuellen Job/Lebenssituation. Aber das ist eigentlich auch gut so. Spontanität rult!

David, merci beaucoup für das Interview und viel Spaß und Erfolg noch! (Christoph Parkinson)

Sniffing Glue | The Press Gang

Dienstag, 24. November 2009

Letzten Freitag war wieder großes Hallo im Club Scheisse. Anlässlich einer Split 7″ Release Show der beiden oben genannten Bands traf sich die komplette Kölner Elite zum Umtrunk.

Sniffing Glue sind mit dem ex Italian Stallion Sänger und was der Typ anpackt wird bekanntlich zu Gold. Die Männer machen alles richtig und teilen offensichtlich meine Auffassung von Hardcore, sprich, geboten wird früher 80er Amikram mit Ultraalarm! Der Frontman lässt auch sonst keinen Klischeemove aus, sieht ganz toll aus, ehrlich, so ne Platzwunde am Kopp oder Rumgehangele an der Decke, ich hab mich irre gefreut, auf nem Yuppicide Konzert war der bestimmt auch mal! Gecovert wurden Reagan Youth (New Aryans), Dead Kennedys (Holiday in Cambodia) und Black Flag (Depression), auch hier: Note Sehr Gut, das Verhältnis Kalifornien – New York stimmt. Die Leute sind total durchgedreht und ich bin richtig froh, dass es so was noch gibt, neben der ganzen Scheisse da draussen, die sich so das Ettikett “…Core” anheftet (Das Video ist übrigens nicht aus dem Club Scheisse, egal).

Danach spielen The Press Gang, eigentlich mindestens genau so gut, etwas moderater vielleicht. Der Sänger hat recht, wenn er sagt: “Bei Sniffing Glue könnt ihr pogen, bei uns nicht…”. Tja, so was ärgert einen dann immer. Wobei es jetzt keinesfalls so war, dass da nix los war, auch hier wars voll vor der Bühne und die Leute haben mitgesungen, das kam nach dem extrem geilen Auftritt von Sniffing Glue halt etwas ruhiger rüber, lag aber glaube ich wirklich nur daran. Ich hätte mir oft so ne Publikumsbeteiligung bei uns gewünscht. Insgesamt jedenfalls auch ne runde Sache, die sind auch richtig geil. Die Jungs sind wohl grade unterwegs, checkt sie aus!

Nach und zwischen den Shows wurde, wie üblich, noch fleissig rumgesoffen und Scheisse geredet. Währenddessen ereignete sich noch folgende kleine Geschichte, an die ich mich wie folgt erinnere: Wir hängen vorne mit diversen Leuten im Club Scheisse im Eingangsbereich rum, als plötzlich eine total durchgepeitschte Alte nicht mehr ganz jungen Semesters aufkreuzt und sich beim Rausgehen, oder Reinkommen, was auch immer, innerhalb von 5 Sekunden mit jedem von uns anlegt. Rosario schafft es vorrübergehend, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, sowie ihren Männerhass auf sich zu ziehen. Was ich mit einem Ohr mitbekomme, ist, dass sie wohl der Überzeugung ist, absolut jeden im Surfen und Skaten plattzumachen, ferner schlägt sie vor, das draussen auszutragen. Da ich genau hinter ihr stehe und es ihr nicht genügt, alle vor ihr stehenden und sitzenden anzuplärren, benutzt sie gleichzeitig ihre Ellenbogen, um mir damit in die Rippen zu hauen. Zu unserer Belustigung (und das kann er wirklich gut) bringt Rosario die Ärmste mit weiteren flapsigen Sprüchen zur Weissglut. Mein gackerndes Gelache tut sein übriges und schon hab ich die Alte im Gesicht, abwechselnd kriegen jetzt der Plöger und ich Ärger von ihr, mittlerweile droht sie sogar mit Prügel, schubst rum und verteilt Ohrfeigen. Die anderen kriegen sich jetzt gar nicht mehr ein und als bei mir noch das Wort “Fotze” fällt gehen bei der Madame alle Sicherungen durch. Zum Glück hat der Pöbelolli zwischendurch von Jan TeenAge Angst | Malk schon die Erlaubnis bekommen, sie rauszuwerfen. Noch nie habe ich mich mit jemandem so blind verstanden. Ein Blick genügt und Plöger und ich habe die Alte an ihren Armen und schmeissen sie raus. Schade, dass Steffen draussen stand und mit ihr noch mal reinkam, als sie ihm vor die Füße flog, da diese Irre offensichtlich im Begriff war jetzt die Bullen zu rufen! Wow!

Ergänzung: Ich möchte hier auch noch in aller Deutlichkeit sagen, dass ich seit dem 4. Schuljahr keine Frau mehr so grob angefasst habe, es sei denn, es war ein Wunsch von ihr.

Danach sind wir irgendwann alle in den Sonic Ballroom, was auch noch sehr lustig war. Auf dem Heimweg gucke ich noch ins Underground, treffe die Irre wieder, kurze gegenseitige Entschuldigerei (nicht zu fassen) inklusive. Danach noch ein wenig Rumgesaufe (hallo Lahnsteiner) und Gegrabsche mit irgendwelchen Girls und dann nach Hause.

(Christian Destroy)

PS: Keine Ahnung, wo ich das sonst hinschreiben soll, also, wo ich grade schon Mal dabei bin: “Kann gerad leider nicht.bin am bumsen:)aber gerne ein anderes mal;)” 0:47 Uhr. Diese SMS las ich nach dem 11.11. auf meinem Handy, als ich aufwachte. Ich muss dazu sagen, dass die Nachricht von einer weiblichen Person aus meinem erweiterten Bekanntenkreis stammt, Name der Redaktion bekannt. Soviel jedenfalls zum Thema SMS von letzter Nacht.

PPS: Ich wünsche mir zu Weihnachten dieses Mädchen für zu Hause:

Zu Gast #5: HC ROTH sinniert über abenteuerliche Zeiten im besten “Schlachtrufe BRD”-Alter

Sonntag, 22. November 2009

HC Roth

HC Roth aus Graz gehört, wie die Kollegen Jörkk und Gräbel, zu der Crème de la Crème der Ox-Schreiberschaft, die besonders in der Kolumnenrubrik zu glänzen vermag. Sein Buchdebüt, “Der Tag, als Berta Bluhmfeld starb”, beinhaltet sieben sehr phantastische Kurzgeschichten, in der der enormen kreativen Schöpferkraft des Autors nur wenige Grenzen gesetzt werden. Die Geschichten sind geistreich, mal dramatisch, mal witzig, gerne mal kritisch, meistens immer etwas grotesk und geschickt miteinander verknüpft. Eben ein Buch, das man gerne liest. Ebenso gerne wie die folgende, absolut exklusive Kurzgeschichte. (Christoph Parkinson)

Als ich an meinem sechzehnten Geburtstag drei Flaschen Bier getrunken, eine Menthol-Zigarette geraucht, mit grauenhaften Monstern gekämpft hatte und das Mädchen mit den blauen Haaren schon wieder nichts von mir wissen wollte

Es war finster, mir war kalt. Seit fast einer Stunde stapfte ich nun schon durch den Wald, knöcheltief im Schnee. Die Lichter der Stadt hinter mir waren längst verblasst, das Dorf oben auf dem Hügel schlummerte sanft im Nebel. „Ich hätte doch die Straße nehmen sollen, anstatt dieser dämlichen Abkürzung hier“, dachte ich mir, ging es mir durch den Kopf, während der kalte Winterwind mir den blassgrünen Iro ins Gesicht wehte, sich die drei Flaschen Bier mehr und mehr in jenem eben erwähnten Kopf bemerkbar machten und ich immer noch die Stimme des Sängers hörte, wie er da „Anarchy in the UK“ ins verschwitzte Mikro nölte. Es war ein geiler Geburtstag, ein großartiger Geburtstag, die Fete des Jahres, der Exzess des Jahrtausends. Klar, das Mädchen mit den blauen Haaren wollte schon wieder nichts von mir wissen, angeekelt hatte sie sich weggedreht, als ich sie küssen wollte, wieder einmal, und der Joint, den man mir für Geld verkauft hatte, das ich eigentlich gar nicht besaß, war nichts weiter als eine übel riechende, übel schmeckende, übel machende Menthol-Zigarette, deren Filter man abgerissen hatte. Aber egal, ich war jetzt sechzehn, fast erwachsen also, die Welt lag mir zu Füßen.

„Scheiß drauf, die Band war geil“, dachte ich mir, ballte kämpferisch die Fäuste, wie das Erwachsene eben so machen, wenn sie widrigen Umständen trotzen und stapfte weiter durch den Schnee, die kleine Stadt und das noch kleinere Jugendzentrum weit hinter mir, meinem Bett oben auf dem Hügel entgegen. Was hatte ich mich im Vorfeld gefreut, dass ausgerechnet an meinem Geburtstag dieses Konzert im hiesigen JUZ über die Bühne gehen sollte. Die Band hatte ich natürlich schon zig Male gesehen, gab ja auch nicht so viele Bands, die hier spielen wollten, bei uns in der Provinz, aber diese rockte wirklich, wurde von Mal zu Mal besser. Geil, die drei SLIME-Cover, fünf PISTOLS-Nummern, „London Calling“ von THE CASH oder wie die hießen und dieses herrliche „Holiday in Campweißnicht“ von Weißnicht, HOSEN?

Ich stapfte und stapfte, der Schädel brummte, die Steigung machte sich in meinen Knien bemerkbar, der Schnee drang durch meine löchrigen Army-Boots. Ich hatte das Mädchen mit den blauen Haaren vor Augen, wie sie mir nach meinem dritten oder vierten Versuch ihr Haar zu streicheln feste ins Gemächt trat, als ich nicht weit von mir ein intensives Blinken vernahm. Wie hypnotisiert wich ich vom Weg ab und näherte mich dem roten Leuchten, wie in Trance arbeitete ich mich durch verschneites Buschwerk. Das Leuchten wurde stärker, ein lautes Rascheln und Knarren hörbar, als ich hinter mir Stimmen hörte. Ich drehte mich um und da standen sie, drei Mann, keine Haare auf dem Kopf, mindestens zwei Meter groß pro Stück. Im Schein des Mondes, der mir zuvor noch nicht aufgefallen war, funkelten ihre Augen diabolisch, als sie auch schon auf mich losstürmten, die „Blood-And-Honour“-Aufnäher auf den Bombenjackenärmel erblickte ich erst, als schon die erste Faust auf dem Weg zu meinem Auge war. Ehe ich mein Springermesser aus dem Rucksack ziehen konnte, den ich unglücklicherweise ohnehin im JUZ vergessen zu haben schien, hatte ich obendrein die erste Stahlkappe im Gesicht, das Splittern das Nasenbeins konnte ich förmlich hören. Noch bevor ich in der Lage war, Schmerz wahrzunehmen, die gesamte Hölle eines Nasenbeinbruchs zu verspüren, schlang sich eine rostige Kette um meinen ausgemergelten Hals.

Ich wollte schreien, wollte winseln, wollte um mich treten, mich wehren, alle pazifistischen Gedanken, Einstellungen, Attitüden vergessen und sie alle zu Brei schlagen, Nazi-Brei, da nahm ich das Blinken wieder wahr. Es wurde heller und heller, immer stärker und stärker, ein morbides Rot legte sich über den nächtlichen Waldhimmel. Die Glatzen krümmten sich mit schmerzverzerrten Gesichtern auf dem Boden, hielten sich die Augen zu und schrien, sie seien blind. Es gelang mir mich zu befreien, mir machte das gleißende Licht nur wenig aus, ich hatte andere Sorgen, die blutenden Überbleibsel meiner Nase beispielsweise.

Ich rannte in Richtung des Lichts, als dieses plötzlich erlosch und ich mit dem Kopf voraus gegen eine Wand aus Stahl krachte. Benommen lag ich einige Minuten da, regungslos, wie der Soldat im Schützengraben – der tote wohlgemerkt – stand auf und versuchte zu erkennen, gegen was ich da geknallt war. Ein riesiges Ungetüm aus Stahl baute sich vor mir auf, mit einem lauten Knarren öffnete sich vor mir eine Luke, eine Gelee artige Masse quoll aus der Luke, formte sich zu Stufen und ein violettfarbenes Ungetüm mit schuppiger Plastikhaut, aus dessen fassförmigem Riesenkörper sieben Köpfen zu je acht Augen, zwanzig Tentakeln und achtunddreißig Scheren wuchsen, schlurfte mir entgegen. Das Ding war etwa achtmal so groß wie die drei Nazis zusammen.

Ehe ich realisieren konnte, was hier los war, ehe ich einen Plan aushecken, mein Handeln überdenken konnte, sah ich einen Nazikörper an mir vorbei segeln, kopflos wohlgemerkt, dann den zweiten, den dritten. Hinter mir war ein zweites Ungetüm am Werke, die haarlosen Köpfe auf die Tentakel gespießt. Während die lokale Politik seit Jahren mit der Naziproblematik dieses Landstrichs zu kämpfen hatte, strich dieses Monster das leidige Thema binnen weniger Sekunden von der imaginären Do-To-Liste, weshalb ich die Option nicht ausschloss, die Monster könnten mir als Punk wohlgesinnt sein. Da irrte ich allerdings gewaltig, denn die Monster machten sich wohl nix aus politischer Gesinnung – Oi! Oder was? – und kamen auch schon von beiden Seiten auf mich zu, Scheren und Tentakeln nach mir ausgestreckt, die Münder der sieben Köpfe weit geöffnet, grauenhafte Beißerchen fletschend.

Zum Denken, zum Überlegen, Ausarbeiten einer Abwehrstrategie war keine Zeit, so zog ich kurzerhand eine gewaltige Panzerfaust aus meiner Armyhose und feuerte ohne mit der Wimper zu zucken auf das Monster vor mir. Kopf für Kopf. Und den Körper natürlich. Bald war nur noch eine Masse aus Blut, Eiter und Gedärm über, als das zweite Monster seinen Umfang versiebenfachte, die Tentakeln und Scheren verdoppelte und ich in einem riesigen, einem nahezu gigantisch großen einem Panzer ähnlichen Gefährt saß, ähnlich dem Ding aus dem Videospiel, das ich mir noch am Vormittag von meiner Geburtstagskohle gecheckt und sogleich ausprobiert hatte. Sieben Kanonenrohre, Raketenwerfer, Flammenwerfer. Systematisch verarbeitete ich auch das zweite Monster zu Suppe. Schleim und Blut bedeckten mich von oben nach unten, panierten mich wie der österreichische Koch sein Wienerschnitzel. Köpfe, Scheren und Tentakel regneten auf mich herab, tropische Regenzeit war da nix dagegen.

Als ich in meinem Bett erwachte, dröhnte der Schädel, die Ruine die einst meine Nase war, schien immer noch zu bluten, auch meine Hände waren blutverschmiert, eitrig, verkrustet. Ich trug immer noch Jacke und Schuhe, alles war nass vom Schnee. Mein Kater passte in kein Katzenklo, solch prächtige Auswüchse hatte er angenommen, außerdem hatte anscheinend jemand – wahrscheinlich ich – in und neben mein Bett gekotzt. Ich wusste, meine Eltern würden sauer auf mich sein, mich des Hauses verweisen, mich enterben, mir den Anspruch auf den Bergbauernhof nehmen, den Traktor, die Tiere, die kleine Schlachthalle draußen im Hof. Man würde mich aus der Landjugend werfen und mich des Blasmusikorchesters verweisen. Aber das war mir alles egal, denn ich war jetzt erwachsen, ja, in dieser Nacht war ich endlich zum Mann geworden. (HC Roth)

You cant put your arms around a melody…

Donnerstag, 19. November 2009

Ich freue mich, den neusten Geniestreich von DAVID HASERT (”Like…”-Partyreihe, MALK, Roland Rock, Äther Youth, etc.) aus Köln auf unserem Blog präsentieren zu können. Wie die Kenner von dem Film “Koyaanisqatsi” schnell feststellen werden, verleiht er einem ausgewählten Teil dessen Materials einen neuen, nicht minder passenden Soundtrack. (Christoph Parkinson)

Zu Gast #4 und im Gespräch: Alex Gräbeldinger – “Wer ficken will, darf keine Körbe flechten.”

Dienstag, 17. November 2009

Gräbel - Beach

Alex Gräbeldinger, kurz Gräbel ist bereits seit langer Zeit ein Weggefährte von mir: Haustier, zwischendurch Trommler bei SWAT und Saufkumpane in der sexuellsten WG Deutschlands (remember Clemensstraße Girls?) sowie darüber hinaus Schreiber fürs Ox, Trommler bei Karate Disco, offiziell zertifikierter Wahnsinniger und seit einiger Zeit auch Buchautor von: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl.

Oder wie Kollege Mechenbier sagt: Punk, Opfer, Philosoph, Wahnsinniger und Vollidiot. Here we go…

“Wer ficken will, darf keine Körbe flechten.”

Weihnachten 2007. Verwandtschaftstreffen bei Omi. Bei Kaffee und Kuchen sitze ich am Tisch der Familie. Ich habe drei Stunden Schlaf hinter mir und bin immer noch besoffen von der Nacht zuvor.

Abgeschossen

Das Ambiente überfordert mich. Ich verspüre keinerlei Mitteilungsbedürfnis. Jeglichen Restbestand an Informationen, die ich in diesem Jahr noch loswerden wollte, habe ich im Verlauf der vergangenen Nächte im Suff herausposaunt. Mein Pulver ist verschossen. Gestern noch gewitzt, geistreich und schlagfertig unterwegs gewesen – heute bloß noch ein verstummtes, eingeschüchtertes Häufchen Elend, das seinem gegenwärtigen Umfeld gnadenlos ausgeliefert zu sein scheint.

Trotz meiner grundsätzlich vorhandenen Bereitwilligkeit und dem damit einhergehenden Wohlwollen gegenüber diesem alljährlich stattfindenden Kaffeekränzchen, erweise ich mich an diesem Nachmittag als auffallend reservierter Teilnehmer dieses Events. Dem Aufrechterhalten von Konversationen auf nüchternem und ausgeschlafenem Niveau fühle ich mich heute nur sehr bedingt gewachsen. Auf Fragen reagiere ich stets sachlich und kurz angebunden. Sofern es die Fragestellung zulässt, offenbare ich lediglich ein schlichtes „Ja“ oder „Nein“ und belasse dies als Genugtuung. Darauffolgende Schweigemomente bewerte ich nicht als unbehaglich sondern als entspannend.

Aufgrund der Einsicht, dass ich im Rahmen dieser Veranstaltung auf kommunikativer Ebene nur das Mindestsoll erfüllen kann, um nicht gleich als autistisch eingestuft zu werden, esse ich ganz einfach ein Stück Kuchen nach dem anderen – auf nüchternen Magen. Somit erwecke ich zumindest den Eindruck, dass ich im Geschehen involviert sei und den Sinn und Zweck einer solch hippen Fete zumindest halbwegs verstanden hätte. Wenn ich den Mund schon nicht zum Reden aufkriege, dann eben wenigstens zum Kuchen essen.

Als man mich fragt, ob mir der Kuchen schmecken würde, bleibe ich meinem Leitkonzept „Antworten, aber nicht Rede stehen“ treu und zeige mich mit einem freundlichen „Ja“ erkenntlich. Im Zuge meines bisherigen Auftrittes hätte jedes ergänzende Wort für Verwirrung bei den Beteiligten gesorgt und wäre mir schlimmstenfalls als affektierte Höflichkeitsfloskel ausgelegt worden. Also esse ich weiterhin Kuchen, Stück für Stück, versuche meinen Schwindel erregenden Kater – welcher dem Gefühl einer sich anbahnenden Panikattacke nahekommt – zu ignorieren und lausche halbaufmerksam mit einem Ohr den Gesprächen der Anwesenden, bis mir irgendwann schlecht ist.

Als ich meiner Oma dann schließlich einen Kuss zum Abschied gebe und mich bei ihr für die geile Party bedanke, streut sie zu guter Letzt noch einmal Salz in eine meiner alten Wunden. Und zwar erwähnt sie das Seidentuch, das ich mit Anfang 20 für ein Mädchen bemalt hatte, in das ich sehr verliebt gewesen war. Meine Oma ist von diesem bemalten Seidentuch offensichtlich nachhaltig begeistert gewesen. Aus diesem Grund erwähnt sie es seit nunmehr sechs Jahren jedes Mal, wenn wir uns treffen.

Die Begeisterung des Mädchens, für das ich das Seidentuch angefertigt hatte, hielt sich jedoch in Grenzen. Das bedauert meine Oma noch heute. Ich hatte dem Mädchen ihr Sternzeichen auf das Tuch gemalt. Was meine Oma jedoch vermutlich nicht weiß, ist, dass ich die Vorlage zu dem Sternzeichen nicht selbst entworfen hatte, sondern sie mir im Verlauf eines Psychiatrieaufenthaltes während der Ergotherapie aus einem Ordner mit Vorlagen aussuchen durfte. Vermutlich schätzt mich meine Oma als so romantisch ein, dass sie dachte: „Der Junge ist an einem sonnigen Nachmittag zu einem Bastelladen gefahren und hat sich mal eben ein paar Seidenmalfarben, ein paar Seidentücher und dazu einen Spannrahmen gekauft, um seiner Liebsten eine Freude vorzubereiten.“ Aber nein, der Junge saß im Irrenhaus und fertigte dieses wundervolle Tuch im Rahmen einer Th erapiemaßnahme, die zur Beschäftigung dienen und zu möglichen Erfolgserlebnissen verhelfen sollte. Nachdem ich einen Korb geflochten, einen Aschenbecher aus Ton modelliert, an einem Speckstein gemeißelt und ein paar Bilder mit Window Color gestaltet hatte, war irgendwann eben auch mal die Seidenmalerei an der Reihe.

Doch ein Erfolgserlebnis, jenseits des Hochgefühls während meiner Schaffensperiode, konnte mir jenes – durchaus gelungene und in der Tat sehr schöne – Seidentuch leider nicht einbringen. Ich konnte bei meiner Angebeteten mit diesem Seidentuch nicht landen. Ganze sechs Wochen dauerte unsere Beziehung. Was die Ausstrahlung des Mädchens anbelangt, so wirkte sie doch eher introvertiert (ähnlich wie auch ich zu jener Zeit, oder auch heute noch in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel während eines apathisch gesoffenen Gemütszustandes auf einem weihnachtlichen Verwandtschaftstreffen bei Omi). Nach außen hin erschien sie so süß, sensibel und unschuldig wie ein kleines Lämmlein. Aus diesem Grund geriet ich auch überhaupt erst zu dem Trugschluss, dass ich mit meinem bemalten Seidentuch bei ihr etwas hätte reißen können. Und umso irritierter war ich dann auch, als sie eines Abends auf einer Party ebenso überraschend wie plötzlich zu mir meinte:

„Komm, wir gehen lieber zu dir nach Hause und ficken!“

Eine solche Ansage gefiel mir selbstverständlich, auch wenn ich ihr derlei schamlose Anzüglichkeiten bis dato nicht zugetraut hatte. Wie zu erwarten, hätte ich sie von diesem Moment an am liebsten direkt geheiratet. Ein paar Tage später wollte ich eine solch unverklemmte Aufforderung ihr gegenüber dann auch mal versuchen, weil ich dachte das Eis zwischen uns sei nun gebrochen. Also sagte ich in einem, mir angemessen erscheinenden Moment: „Komm, lass uns ins Bett gehen und ficken!“

Daraufhin kam von ihr bloß ein trockenes: „Nö, kein Bock.“

Den darauffolgenden Schweigemoment bewertete ich als unbehaglich. Kurze Zeit später beendete sie unsere fortwährende mangelnde Übereinkunft mit der Begründung, dass es sich bei ihr nur um eine vorübergehende Schwärmerei für mich gehandelt habe. Hmm … vermutlich die vorübergehende Schwärmerei für einen vermeintlich mysteriösen, schweigsamen Typen, der seine Rolle zwischen einfühlsamer Romantiker und „Komm, lass uns ficken!“-Draufgänger nicht distinguiert genug koordiniert bekommen hatte.

Klappse

Ich hinterließ ihr das Seidentuch, das ich in der Klapsmühle für sie bemalt hatte, und darüber hinaus eine Geschenkschatulle – gefüllt mit vielen persönlichen, lieb gemeinten Kleinigkeiten, die ich in pinkfarbene Rosenblätter gebettet hatte.

Sie hinterließ mir ein Brandloch in der Pkw-Rückbank sowie einen Zigarettenstummel in einer halb leeren Bierdose, aus der ich anschließend noch trank.

Oma, sei nicht traurig drum. Die war es nun mal nicht wert.


Cover

Das folgende Interview führte Christian Destroy:

Du hast bereits ein Buch mit Kolumnen bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Wie waren deine Erwartungen und wurden sie erfüllt?

Man mag von Idiotenglück sprechen, dass ich auf Leute gestoßen bin, die bereit waren sich in den Ruin zu stürzen, um mein Buch zu veröffentlichen. Und ich glaube, die haben das nicht einmal bereut. Das nehme ich verdammt persönlich. Insofern wurden meine Erwartungen übertroffen.

Verkäufe? Reputation? Fans? Sexangebote? Sprich: Lohnt sich so was auch für mich?

Ich erinnere mich an eine Lesung im Frisiersalon einer saarländischen Kleinstadt. Dort waren ungefähr eine handvoll Punker im Publikum, nebst gefühlten dreißig Hausfrauen Ü40. In den Gesichtern der Punks glaubte ich Fremdscham gegenüber mir und meiner Darbietung zu erkennen. Die Ü40-Hausfrauen schienen stattdessen den Spaß ihres Lebens zu haben und gackerten allesamt wie die Hühner.

Im Anschluss der Lesung kauften beinahe sämtliche Anwesende ein Buch – die Punks mal außen vor gelassen – und ich durfte solch liebenswerten Damen mit Namen wie Birgit, Ute, Petra oder Gisela Widmungen mit Herzchen schreiben. Also wenn es das ist, was du willst, dann lohnt sich so eine Buchveröffentlichung auch für dich.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Sollten sich eines Tages genug neue Texte angesammelt haben, werde ich über ein weiteres Buch nachdenken. Bis dahin nerve ich weiter in der Kolumnenrubrik des Ox-Fanzines rum.

Du bist ja eher schüchtern, ich habe erst zwei Lesungen von dir beobachtet, klappts jetzt besser? Drohst du den Leuten auch mal Prügel an, wenn die dauernd schwätzen? Tipp von mir: Flaschen ins Publikum schmeißen.

Würde ich mich während einer Lesung zu selbstsicher und souverän anstellen, so würde man mir meine Geschichten vermutlich nicht abkaufen. Außerdem musst du bedenken, dass ich durch mein schüchternes Auftreten für betretenes Schweigen im Publikum sorge. Die Leute sehen mich, bemerken meine Unsicherheit, fühlen sich davon peinlich berührt und hören gerade deswegen aufmerksam zu. Spätestens dann, wenn sie meine Fresse nicht mehr ertragen, verlassen sie einfach den Raum. Dafür bedarf es in aller Regel nicht einmal das Androhen von Prügel, geschweige denn das Schmeißen von Flaschen (womit du dir ja bekanntlich ganz gerne mal zu helfen versuchst).

Ich erinnere mich an eine Lesung, bei der zum Ende hin noch genau drei Zuhörer übrig blieben. Darunter war auch eine Feministin, so eine linkskonservative rote Zora, die zog dann schließlich eine beleidigte Schnute, nachdem ich dreimal in Folge das Wort „Ficken“ in den Mund nehmen musste, bevor sie sich ebenfalls von mir abwendete. Ganz zum Schluss hatte ich dann noch zwei Leute auf meiner Seite – ein korpulentes Mädchen und einen finster blickenden Jungen. Im Anschluss der Lesung erfuhr ich, dass das Mädchen aus der Klapsmühle ist und der Junge am Wochenende zuvor mit einer Gaspistole in der Innenstadt Amok gelaufen sei. Das ist exakt meine Zielgruppe – ein schöneres Publikum kann ich mir nicht vorstellen.

Du bist seit Sommer verheiratet, wie ist das so? Stimmt es, dass die Ehe der absolute Liebes- und Lustkiller ist? Meist hilft da nur ein Kind um das zusammenzuhalten. Wie läuft die Planung? Lieber Junge oder Mädchen? Lieblingspaten, tot oder lebendig und Namen für den Spross?

Eine Anleitung zum Heiraten erscheint von mir im nächsten Ox-Fanzine.
Vermutlich steckt aber noch zu viel Leidenschaft und Temperament in Jennys und meiner Ehe, so dass Kinderwünsche bisher keine oberste Priorität besitzen.
Wenn es eines Tages soweit ist, hätte ich gerne einen kleinen frechen Jungen – den nennen wir dann Christian Destroy. Wird es ein Mädchen, entscheiden wir uns einfach für Christiane. Auch wenn sich in beiden Fällen wohl niemand freiwillig zu einer Patenschaft bereit erklären wird.

Du spielst ja auch Schlagzeug bei Karate Disco. Gibts die noch? Ist da was in Planung?

Keine Ahnung, ich bin bloß der Schlagzeuger, weil ich für alles andere zu schüchtern bin. Ich habe aber am Rande vernommen, dass wir in ein paar Tagen ein neues Album aufnehmen wollen.

Wann hattest du deinen letzten Nervenzusammenbruch?

Meinen ersten Nervenzusammenbruch hatte ich, nachdem du mich vor sieben Jahren einige Monate lang als dein persönliches Haustier gefangen gehalten hattest. In den Fetischkreisen nennt man das übrigens „Petplay“.

Meinen letzten Nervenzusammenbruch hatte ich, als ich dir zum letzten Mal länger als 24 Stunden ausgeliefert war. Das war am vierten Tag der Pony Tour mit BARSEROS und KARATE DISCO. Von gut 84 Stunden, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam unterwegs gewesen sind, hatte ich maximal drei Stunden pro Nacht mit jeweils drei Promille auf irgendwelchen Fußböden geschlafen. Ich saß jedenfalls völlig zerstört im Tour-Bus, hatte den Kopf voll mit Eindrücken, die ich noch nicht verarbeitet hatte und du quatschtest gnadenlos, ohne Punkt und Komma, immer weiter auf mich ein.

Ich erinnere mich…

Leider hatte Dominik in seiner Reiseapotheke kein Ritalin für dich dabei – bloß angstbefreiende Psychopharmaka gegen Panikattacken, wovon ich eine nahm, als ich bemerkte, dass sich da etwas in mir zusammenbrauen würde. Daraufhin hattest du dich dann fürsorglich um mich gekümmert und versuchtest mich abzulenken, indem du mir einfach weiterhin ins Ohr plärrtest.

Damit ich mich etwas entspannen und beruhigen können würde, hattest du mir angeboten, dich alleine mit mir auf eine abgelegene Parkwiese zurückzuziehen. Auf dem Weg dorthin warst du dann allerdings die ganze Zeit darauf bedacht, möglichst in der Nähe von potentiellen Geschlechtsverkehrpartnerinnen sitzen zu können.

Inzwischen litt ich bereits an Paranoia und hatte das Gefühl, dass mich sämtliche Menschen beobachten würden. Daraufhin gabst du mir zu verstehen, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse … denn falls hier jemand beobachtet werden würde, dann wärst das höchstens du. Anschließend hieltst du dann weiter Ausschau nach Girls.
Währenddessen machte ich mir Gedanken darüber, ob ich mich nicht vielleicht doch besser ins Irrenhaus einweisen lassen sollte, anstatt mich weiter in deine Obhut zu begeben.

Gräbel, ich danke dir für dieses Gespräch.

Für die Revolution

Freitag, 13. November 2009

Für die Revolution

Genug für heute geschafft,
Schnell die Pulle an den Mund,
Die Dusche schafft Kraft,
Endlich wieder der coole Hund.
Die Haare sitzen,
Beziehungsweise sind rasiert,
Schnell zu den Homies flitzen,
Zum Glück nicht mehr liiert.

Maskulin-Talking,
„Stand by me“ ab Achtzehn,
Lass die Klöten singen,
Jackpot ohne Fremdgehen.
Können wir nicht mehr stehen,
Ist das Augenlicht schon schlecht,
Dann ist es Zeit zu gehen,
Exzesse sind uns recht.

Heute gehen wir tanzen,
Hört uns auf mit Punk,
Nur Chemie und teure Pflanzen,
Elektro meets Rap and Funk!

Der Hunni ist bald vertrunken,
Es wird Zeit fürs Bett,
Mein Schwanz sprüht Funken,
Welches Mädel wäre so nett?
Ihr Zimmer smells like Vagina,
So langsam drehe ich durch,
Flott geht’s auf die Veronika,
Mist, jetzt hängt der Lurch!

Heute gehen wir tanzen,
Hört uns auf mit Punk,
Nur Chemie und teure Pflanzen,
Elektro meets Rap and Funk!

(Christoph Parkinson)

Im Gespräch: USCHI HERZER über das OX-Kochbuch Vier, Kochen ohne Knochen und andere Leckerbissen!

Mittwoch, 11. November 2009

Uschi Herzer

Uschi Herzer und Joachim Hiller sind leidenschaftliche Köche. Am 10.11.09 veröffentlichten sie das OX-Kochbuch Vier, das so einiges an interessanten, ungewöhnlichen, klassischen, aber immer leckeren vegetarischen Rezepten enthält. Die Rezepte stammen von Freunden, Mitgliedern verschiedener nationaler und internationaler Hardcore-/Punkbands und zig anderen Personen, die gerne kochen (hallo Welpe!!!). Das Buch kostet 9,90 € und kann unter www.ox-kochbuch.de, beim gutsortierten Mailorder deines Vertrauens aber auch im normalen Buchhandel gekauft werden. In anbetracht der druckfrischen Veröffentlichung, schickte ich Uschi ein paar Fragen zu ihrem neusten Werk und verschiedenen anderen Themen, die daran anknüpfen.

Inwiefern unterscheidet sich der vierte Teil von seinen Vorgängern?

Wir werden das erste Mal zum Teil in Farbe drucken. Ansonsten behalten wir das altbewährte Konzept bei: Die Rezepte sind gut und witzig geschrieben, leicht nachvollziehbar und funktionieren. Wie immer sind die Rezepte auf ihre Alltagstauglichkeit getestet! Auffällig war diesmal, dass wir überproportional viele Rezepte mit so Zeug wie Seitan, Tofu, Sojaschnetzel, Sojagehacktes und so bekommen haben. Wir haben dafür sogar eine eigene Rubrik eingerichtet.

Was ist der skurrilste Beitrag und worüber freut ihr euch bei dieser Zusammenstellung der Rezepte am meisten?

Der skurrilste Beitrag ist sicherlich die „Blutsuppe mit blauen Bohnen“ von KILLER, hahaha. Aber auch die Couscouspyramide mit Sklavenblut ist ziemlich abgefahren! Da hat sich einer echt Mühe gegeben… Und natürlich sind da noch die illustrierten Rezepte, die diesmal auch in Farbe gedruckt werden. Da sind echt ein paar Highlights dabei! Außerdem haben uns Munster Records aus Madrid jede Menge Rezepte für spanische Tapas geschickt. Lecker! Und worüber wir uns am meisten freuen? Zum einen natürlich, dass Rezepte von den verschiedensten Leuten drin sind und diese auch sehr unterschiedlich ausgefallen sind: Von einfachen und schnellen bis zu wirklich aufwendigen, aber beeindruckenden Rezepten ist echt alles dabei. Aber vor allem sind wir stolz darauf, dass du den Rezepten anmerkst, dass der Autor/die Autorin Spaß am Kochen hat. Und das transportieren alle Rezepte auf jeden Fall! Es ist eben nicht wie in einer Foodredaktion, wo die Rezepte nach Gutdünken kreiert werden und die keiner jemals so richtig ausprobiert.

OX-Buch Eins & Zwei

Welches ist euer persönliches Lieblingsrezept der Bands?

Meine persönlichen Favourites im Kochbuch 4 sind das von CONVERGE, „oven roasted mango tofu over purole rice“, und DEFEATERs „veganer Thunfisch“. Zwei meiner Lieblingsbands und dann auch noch zwei außergewöhliche Rezepte – da bin ich schon ein bisschen stolz drauf.

Wie wahrscheinlich sind in der gesamten „Kochen ohne Knochen“-Reihe Wiederholungen der Rezepte?

Wir haben natürlich schon darauf geachtet, dass möglichst nichts doppelt drin ist. Gewisse Ähnlichkeiten lassen sich aber nicht vermeiden. Manchmal unterscheiden sich die Rezepte ja nur durch ein oder zwei Zutaten, aber die geben dann halt den Kick, wie zum Beispiel bei der exotischen Kürbissuppe. Da sind Zitronengras und Zimt drin und das macht das Ganze zu einem besonderen Geschmackserlebnis! Grundzutaten sind aber Kürbis, Kartoffeln und Zwiebeln. Du siehst also, an den Basics kommt man nicht vorbei.

Wann habt ihr das letzte Mal was für ein Fleischgericht gegessen und was assoziiert ihr damit?

Also bei mir ist das über 20 Jahre her, da kann ich mich nicht mehr wirklich dran erinnern. Ich vermute aber, dass es sowas wie paniertes Schnitzel, Schinken oder Salami war. Das habe ich damals am Liebsten gegessen. Heute verursacht mir allein der Gedanke daran schon Ekelgefühle und ich kriege Brechreiz, wenn Fleischgeruch in der Luft hängt. Deshalb bin ich auch keine große Freundin von typischem Fleischersatz. Ich habe das jahrelang völlig gemieden, weil ich diese Assoziation zu Fleisch nicht wollte. Im Zuge des neuen Kochbuchs musste ich aber so Zeug wieder essen, da wir ja die Rezepte auf ihre Alltagstauglichkeit überprüft und nachgekocht haben wie die Weltmeister. Viel Spaß gemacht hat dabei wirklich das Seitan selbst herstellen. Es ist schon enorm, was da so alles geht. Aber wie gesagt, ich bin da sehr zwiegespalten. Wenn es zu extrem nach Fleisch schmeckt, wie z.B. bei „Quorn“, dann kriege ich das auch nicht runter…

OX-Kochbuch Drei & Vier

Was für Sonderaktionen oder Specials sind um die Veröffentlichung geplant? Ich habe mal etwas von Solinger Messern vernommen…

Ja, wir haben da ein wirklich schönes Paket, oder besser Pakete, geschnürt! Echte Solinger Schnibbelmesser mit dem eingeätzten Karottenlogo (süüüsss!) auf der Klinge, schicke Pizzamesser komplett aus Edelstahl, auch mit dem Karottenlogo, extrem praktische oldschool Grubentücher im klassischen grau-blauen Karo-Look und eingewebtem „Kochen ohne Knochen“-Schriftzug, die Kochprofis als Handtuch, Geschirrtuch und Topflappen schätzen und die von einer kleinen Manufaktur in Deutschland hergestellt werden. Für den geschmackvoll gedeckten Tisch gibt es dann noch recht schicke schwarze, handgewebte Stoffservietten mit dem eingewebten Karottenlogo, die in Kooperation mit der Fair Trade-Organisation GEPA in Indien von kleinen Familienbetrieben unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Als meine Mutter die gesehen hat, schaute sie mich völlig entsetzt an und meinte nur: „Warum denn immer schwarz??? Das ist doch nicht schön auf dem Tisch!“ Wir finden die richtig toll und die Tomatensauce sieht man auch nicht gleich drauf. Was gibt es noch? Eine schwarze Schürze und eine hübsche Einkaufstasche in schwarz – beides aus Biobaumwolle und mit dem Karottenlogo in rot versehen. Dazu dann noch eine schicke schwarze Box mit dem Karottenlogo, perfekt als Geschenkkarton für das Ox-Kochbuch und Ox-Merchandise geeignet sowie als dauerhafter, stabiler Aufbewahrungskarton – taugt sogar als Ox- Sammelkarton! Angucken und bestellen kannst du das unter www.ox-kochbuch.de Vielleicht ist dir ja aufgefallen, dass alle angebotenen Artikel unserem Anspruch der Nachhaltigkeit gerecht werden. Das war uns sehr wichtig, denn immer nur motzen kann jeder.

Wann gibt es endlich eine Ox-Lederjacke?

Never ever! Du dachtest da sicher an „Ox-Turbokochjugend Solingen“, oder? Nee, das geht echt gar nicht! Aber wer will, kann ja mit einer unserer Schürzen rumlaufen.

Zukunftspläne?

Schade, dass du mich nicht zu unserem anderen neuen Projekt „Kochen ohne Knochen“ befragt hast. Dann hätte ich dir nämlich erzählen können, dass es sich bei KOK um ein neues Magazin handelt, für Menschen, die kein Fleisch essen. Neugierig? www.kochen-ohne-knochen.de Ausserdem arbeiten wir für 2010 an einem veganen Ox-Kochbuch, aber das ist noch absolut geheim. Also mehr oder weniger. (Christoph Parkinson)

Logo!

Im Gespräch: JAN OFF über Kraftsport, Acid-Trips und Unzucht mit Charlotte Roche

Sonntag, 08. November 2009

Sir Jan Off in seiner Sommerresidenz

SIR JAN OFF, geboren im Jahr des Herrn 1967 in Craiova, Bulgarien; Studium der Mikrochirurgie und der Strahlenphysik; danach Holzfällerlehre und dreijähriger Aufenthalt in einem Lungensanatorium an der Schwarzmeerküste. 1991 Umzug nach Deutschland…“

Seit Mitte der 90er Jahre schreibt und veröffentlicht JAN OFF großartige Bücher, wie zum Beispiel „Ausschuss“, „200 Gramm Punkrock“, „Angsterhaltende Maßnahmen“ oder – sein aktuellster Titel – „Unzucht“. Jan Off beschreibt reale oder fiktive Charaktere und Begebenheiten derart, wie sie als das Resultat menschlicher Beziehungen und Interaktionen in dieser Gesellschaft eben tatsächlich vorkommen mögen. Wollen andere Autoren mit Vulgärem provozieren, so lässt Jan Off lieber den Leser sich an dem Blick hinter die menschliche Fassade erfreuen, erschauern oder vielleicht sich selbst wiedererkennen.

Es war mir eine Freude, ihm neulich ein paar Fragen zu schicken, die mir schon längst auf der Zunge gelegen haben.

Es ist vielen gar nicht bekannt, aber in deinem Arbeitszimmer steht eine Streckbank. Mal ehrlich, was drückst du denn so und wie oft stemmst du wöchentlich das Eisen?

Streckbank? Klingt so, als würde ich in meinem trauten Heim ein illegales Sado-Maso-Studio betreiben. Natürlich in der unlauteren Absicht, den Gewinn in Schore umzusetzen. Denn wie sonst ist die Frage zu verstehen, was ich denn so drücken würde. Pubertäres Geschwätz beiseite: Ich habe zu einer Zeit mit Kraftsport begonnen, als es noch keine, aber auch wirklich keine Einweisung durch die in den entsprechenden Studios angestellten Werktätigen gab. Demgemäß wurde bei jedem Training mehr Gewicht gestemmt, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Bewegungsabläufe stimmen. Das Ergebnis: Der nahezu vollständige Ruin von Schulter-, Knie-, Ellenbogen und Handgelenken. Demgemäß dient mir die Hantelbank heute hauptsächlich zur Aufbewahrung von Lumpen und Altpapier.

„Drogenkonsum“ ist ein häufigeres Verhalten der Charaktere, die du in deinen Büchern beschreibst. Was war deine absurdeste Selbsterfahrung mit einem der Betäubungsmittel?

Da gibt es allerlei. Zum Beispiel diese mehrstündige Katatonie nach dem Konsum von Stechapfel und Tollkirsche. Oder der in letzter Sekunde zum Glück vereitelte Versuch, gemeinsam mit einer meiner Ex-Freundinnen vom vierten Stock aus kurz zur Tag- und Nachttankstelle zu fliegen. Ich hatte derartiges bis dahin immer für eine absichtlich gestreute Falschinformation von LSD-Gegnern gehalten. Schön war’s auf Acid dagegen stets im Spielcasino. Jesses, der Teppich hat sich jedes Mal bewegt wie ein Weizenfeld im Wind.

Auf Amazon empfehlen Leser von „Unzucht“ anderen, auch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche zu lesen. Was löst das in dir aus? Und wofür würdest du dich entscheiden, wenn du dich zwischen “Sex mit Charlotte Roche“ und „Ohrfeigen an Charlotte Roche“ entscheiden müsstest?

Die beiden letztgenannten Vorschläge lassen sich doch gut miteinander verbinden – in gegenseitigem Einvernehmen versteht sich. Außerdem müsste natürlich geklärt werden, wer wen wie heftig schlagen darf. Ernsthaft: Ich habe Fräulein Roches Benimmfibel mit großem Gewinn und nicht geringem Vergnügen gelesen und habe von daher keine Probleme damit, in ihrem Kielwasser eine halbe Millionen Bücher mehr zu verkaufen. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis darauf hinzuweisen, dass sich „Unzucht“ inhaltlich wie formal stark von dem unterscheidet, was meine verehrte Frau Kollegin da abgeliefert hat. Schade nur, dass ich nicht vor ihr fertig geworden bin. Aber wie so viele meiner Bücher lag auch dieses lange Jahre auf der Quarantäne-Station.

Hamburger Abschaum

Inwiefern hat sich dein Umzug nach Hamburg inspirierend auf das Sexualleben der Figuren in deinem aktuellen Buch „Unzucht“ ausgewirkt und inwiefern beinhaltet das Buch autobiografische Züge?

Der Inhalt von „Unzucht“ stand schon lange vor meinem Umzug nach Hamburg fest, demgemäß hatte dieser Ortswechsel keinerlei Einfluss auf das Buch. Der von Leipzig nach Darmstadt schon eher, ha, ha. Grundsätzlich gilt: Ich werde mich hüten, meine Bücher mit Autobiografischem anzureichern. Derart pralle Geschichten würde mir ohnehin keiner abkaufen.

Mit welcher Hamburger Theke assoziierst du deine schlimmste Nacht?

Wie alle weisen Männer bleibe ich mittlerweile zu Hause, wenn ich mir die Festplatte komplett löschen möchte. Demgemäß besteht meine schlimmste Hamburger „Theke“ aus den drei Kästen Holsten Edel, die bei mir stets im Flur gelagert werden.

Drogentod oder AIDS?

Falls Ihr auf das Ableben von Jürgen Rieger anspielt, Monsignore: Ich weiß da leider auch nichts Genaueres.

Wie geht’s beruflich 2010 für dich weiter?

Wünschenswert wäre es, wenn mir endlich jemand eine Rolle in irgendeiner Vorabendserie anbieten würde. Wahlweise würde mich auch die Teilnahme an einer Promi-Gameshow erquicken. Aber da das Glück nur alle zwanzig oder dreißig Jahre an meine Tür klopft, werde ich mich wohl wieder mit dem Schreiben eines neuen Buches bescheiden müssen. Arbeitstitel: “Das mopsfidele Klassenzimmer – mit dem Faltboot durch Eisenhüttenstadt”. (Christoph Parkinson)

Unzucht oder doch Bodybuilding?

Zu Gast #3: Jörkk Mechenbier

Freitag, 06. November 2009

Der Genussmensch

Jörkk Mechenbier – ein Traum aller Schwiegermütter, die nicht nach ihm googeln. Ein Ox-Kollege, der mir besonders am Herzen liegt. Seine Einladungen zum romantischen Dinner, beinhalten immer die feinsten Gaumenfreuden und die besten Gespräche über Stories aus dem Nightlife sowie über richtig gute Musik. Als früherer Mitarbeiter von Cargo, heutiger Vorzeigeplattendealer von Tante Guerilla Trier und Musikliebhaber der ersten Stunde (na ja, fast), hat er nunmal Geschmack. Diesen beweist er auch als Sänger von Bands wie zum Beispiel CUNTSLER oder – Gott habe sie selig – ULTRAFAIR. Dass er gut und unterhaltsam schreibt, wissen alle, die seine Kolumnen im oben genannten Zine lesen. Oder eben diejenigen, die sich seinen heutigen Gastbeiträg zu Gemüte führen. (Christoph Parkinson)

…on methamphetamine.

Ich öffne meine Augen. Ich liege auf einem mit purpurrotem Samt bespannten Canapé. Ich bin nackt. Zu meiner Rechten steht ein kleiner Tisch. Darauf befinden sich eine Kristallschale mit kernlosen Weintrauben und eine schier endlose Menge Crystal Meth. Zu meiner Linken sitzt mein Anwalt auf einem schwarzen Ledersessel und zwinkert mir verschwörerisch zu. Sein Kopf deutet in die hintere Ecke des Raumes, in der auf einer kleinen, mit schummrigem Licht beleuchteten Bühne kein geringerer als Jochen Distelmeyer steht. In Ketten. Neben ihm sitzt ein Mann in einem Hundekostüm und musiziert mit einem Glockenspiel. Mehrere mir bestens bekannte Rockmusiker aus dem Independentbereich umringen den guten Jochen und bespucken ihn, drücken ihre Zigaretten auf seinem bereits arg geschundenen Körper aus, und treiben auch sonst allerlei unschöne Späße mit dem schmächtigen Barden aus der Hansestadt. Der Raum ist voller Seifenblasen. Überall Seifenblasen. Bunt schimmernd. Sie schweben lautlos und friedlich umher, zerplatzen nicht einmal bei Berührung und bilden einen beruhigenden Gegenpol zu den Geschehnissen auf der Bühne.

Als mein Anwalt sich erhebt, um vor meinen Augen eine Hand voller Konfetti über dem bizarren Treiben herabrieseln zu lassen, genehmige ich mir gute fünf Zentimeter der schäbigsten White-Trash-Droge des Planeten. Den Schmerz, den die beigemengten Glassplitter in meiner Nase verursachen, genieße ich auf perverse Art und Weise. Meine durch Glasmehl noch aufnahmefähiger gemachten Nasenschleimhäute absorbieren den Realität und Schmerz zersetzenden Wirkstoff augenblicklich und befördern ihn ohne Umschweife in meine Blutbahn. Ein Zustand absoluter Ruhe und Gelassenheit umfängt mich. Ich nehme eine Weintraube aus der Schale und sinniere, während ich sie zwischen Daumen und Zeigefingern kreisen lasse, über die Möglichkeit, trotz regelmäßigem Konsum harter Drogen, eine Familie zu gründen und gewöhnliche Hobbys, wie zum Beispiel Golf, zu frönen.

Der Suchtmensch

Ein spitzer Schrei reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Der Mann im Hundekostüm hat, von mir unbemerkt, das Glockenspiel beiseite gestellt und Jochen Distelmeyer den Sack abgebissen. Mich schaudert, während ich dabei zusehe, wie Hamburger Schulblut von der Sacknaht des Mannes tropft, der einst in einem Text “Lass uns nicht über Sex reden” sang. Unter Konfettiregen und nun doch allerorten zerplatzenden Seifenblasen wird mir urplötzlich übel und ich sacke mit Nasenbluten auf meinem purpurroten Liegemöbel zusammen…

Ich werde wach und muss mich zunächst orientieren. Ich befinde mich im Bordrestaurant eines ICE von Leipzig nach Düsseldorf. Vor mir stehen diverse, leere 0,2 Liter Fläschchen des aktuell von der Deutschen Bahn in ihrer Bordgastronomie gereichten, spanischen Tempranillo. Zu meiner Linken sitzt der Mann im Hundekostüm. Mir gegenüber mein Anwalt. Lächelnd.

Ich schaue aus dem Fenster, als der Zug gerade zum Stehen kommt. Ich betrachte das Schild, auf dessen Höhe wir anhalten. “Bielefeld”, lese ich gedankenverloren, jedoch laut und vernehmlich ab. “Ich dachte, ich wäre in der Hölle.”, nuschele ich schlaftrunken. “Das ist das Gleiche.”, sagt mein Anwalt. Ich nicke. Der Mann im Hundekostüm auch.

Deutsche Bahn my ass.

Der Lustmensch

(Jörkk Mechenbier)