
Alex Gräbeldinger, kurz Gräbel ist bereits seit langer Zeit ein Weggefährte von mir: Haustier, zwischendurch Trommler bei SWAT und Saufkumpane in der sexuellsten WG Deutschlands (remember Clemensstraße Girls?) sowie darüber hinaus Schreiber fürs Ox, Trommler bei Karate Disco, offiziell zertifikierter Wahnsinniger und seit einiger Zeit auch Buchautor von: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl.
Oder wie Kollege Mechenbier sagt: Punk, Opfer, Philosoph, Wahnsinniger und Vollidiot. Here we go…
“Wer ficken will, darf keine Körbe flechten.”
Weihnachten 2007. Verwandtschaftstreffen bei Omi. Bei Kaffee und Kuchen sitze ich am Tisch der Familie. Ich habe drei Stunden Schlaf hinter mir und bin immer noch besoffen von der Nacht zuvor.
Das Ambiente überfordert mich. Ich verspüre keinerlei Mitteilungsbedürfnis. Jeglichen Restbestand an Informationen, die ich in diesem Jahr noch loswerden wollte, habe ich im Verlauf der vergangenen Nächte im Suff herausposaunt. Mein Pulver ist verschossen. Gestern noch gewitzt, geistreich und schlagfertig unterwegs gewesen – heute bloß noch ein verstummtes, eingeschüchtertes Häufchen Elend, das seinem gegenwärtigen Umfeld gnadenlos ausgeliefert zu sein scheint.
Trotz meiner grundsätzlich vorhandenen Bereitwilligkeit und dem damit einhergehenden Wohlwollen gegenüber diesem alljährlich stattfindenden Kaffeekränzchen, erweise ich mich an diesem Nachmittag als auffallend reservierter Teilnehmer dieses Events. Dem Aufrechterhalten von Konversationen auf nüchternem und ausgeschlafenem Niveau fühle ich mich heute nur sehr bedingt gewachsen. Auf Fragen reagiere ich stets sachlich und kurz angebunden. Sofern es die Fragestellung zulässt, offenbare ich lediglich ein schlichtes „Ja“ oder „Nein“ und belasse dies als Genugtuung. Darauffolgende Schweigemomente bewerte ich nicht als unbehaglich sondern als entspannend.
Aufgrund der Einsicht, dass ich im Rahmen dieser Veranstaltung auf kommunikativer Ebene nur das Mindestsoll erfüllen kann, um nicht gleich als autistisch eingestuft zu werden, esse ich ganz einfach ein Stück Kuchen nach dem anderen – auf nüchternen Magen. Somit erwecke ich zumindest den Eindruck, dass ich im Geschehen involviert sei und den Sinn und Zweck einer solch hippen Fete zumindest halbwegs verstanden hätte. Wenn ich den Mund schon nicht zum Reden aufkriege, dann eben wenigstens zum Kuchen essen.
Als man mich fragt, ob mir der Kuchen schmecken würde, bleibe ich meinem Leitkonzept „Antworten, aber nicht Rede stehen“ treu und zeige mich mit einem freundlichen „Ja“ erkenntlich. Im Zuge meines bisherigen Auftrittes hätte jedes ergänzende Wort für Verwirrung bei den Beteiligten gesorgt und wäre mir schlimmstenfalls als affektierte Höflichkeitsfloskel ausgelegt worden. Also esse ich weiterhin Kuchen, Stück für Stück, versuche meinen Schwindel erregenden Kater – welcher dem Gefühl einer sich anbahnenden Panikattacke nahekommt – zu ignorieren und lausche halbaufmerksam mit einem Ohr den Gesprächen der Anwesenden, bis mir irgendwann schlecht ist.
Als ich meiner Oma dann schließlich einen Kuss zum Abschied gebe und mich bei ihr für die geile Party bedanke, streut sie zu guter Letzt noch einmal Salz in eine meiner alten Wunden. Und zwar erwähnt sie das Seidentuch, das ich mit Anfang 20 für ein Mädchen bemalt hatte, in das ich sehr verliebt gewesen war. Meine Oma ist von diesem bemalten Seidentuch offensichtlich nachhaltig begeistert gewesen. Aus diesem Grund erwähnt sie es seit nunmehr sechs Jahren jedes Mal, wenn wir uns treffen.
Die Begeisterung des Mädchens, für das ich das Seidentuch angefertigt hatte, hielt sich jedoch in Grenzen. Das bedauert meine Oma noch heute. Ich hatte dem Mädchen ihr Sternzeichen auf das Tuch gemalt. Was meine Oma jedoch vermutlich nicht weiß, ist, dass ich die Vorlage zu dem Sternzeichen nicht selbst entworfen hatte, sondern sie mir im Verlauf eines Psychiatrieaufenthaltes während der Ergotherapie aus einem Ordner mit Vorlagen aussuchen durfte. Vermutlich schätzt mich meine Oma als so romantisch ein, dass sie dachte: „Der Junge ist an einem sonnigen Nachmittag zu einem Bastelladen gefahren und hat sich mal eben ein paar Seidenmalfarben, ein paar Seidentücher und dazu einen Spannrahmen gekauft, um seiner Liebsten eine Freude vorzubereiten.“ Aber nein, der Junge saß im Irrenhaus und fertigte dieses wundervolle Tuch im Rahmen einer Th erapiemaßnahme, die zur Beschäftigung dienen und zu möglichen Erfolgserlebnissen verhelfen sollte. Nachdem ich einen Korb geflochten, einen Aschenbecher aus Ton modelliert, an einem Speckstein gemeißelt und ein paar Bilder mit Window Color gestaltet hatte, war irgendwann eben auch mal die Seidenmalerei an der Reihe.
Doch ein Erfolgserlebnis, jenseits des Hochgefühls während meiner Schaffensperiode, konnte mir jenes – durchaus gelungene und in der Tat sehr schöne – Seidentuch leider nicht einbringen. Ich konnte bei meiner Angebeteten mit diesem Seidentuch nicht landen. Ganze sechs Wochen dauerte unsere Beziehung. Was die Ausstrahlung des Mädchens anbelangt, so wirkte sie doch eher introvertiert (ähnlich wie auch ich zu jener Zeit, oder auch heute noch in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel während eines apathisch gesoffenen Gemütszustandes auf einem weihnachtlichen Verwandtschaftstreffen bei Omi). Nach außen hin erschien sie so süß, sensibel und unschuldig wie ein kleines Lämmlein. Aus diesem Grund geriet ich auch überhaupt erst zu dem Trugschluss, dass ich mit meinem bemalten Seidentuch bei ihr etwas hätte reißen können. Und umso irritierter war ich dann auch, als sie eines Abends auf einer Party ebenso überraschend wie plötzlich zu mir meinte:
„Komm, wir gehen lieber zu dir nach Hause und ficken!“
Eine solche Ansage gefiel mir selbstverständlich, auch wenn ich ihr derlei schamlose Anzüglichkeiten bis dato nicht zugetraut hatte. Wie zu erwarten, hätte ich sie von diesem Moment an am liebsten direkt geheiratet. Ein paar Tage später wollte ich eine solch unverklemmte Aufforderung ihr gegenüber dann auch mal versuchen, weil ich dachte das Eis zwischen uns sei nun gebrochen. Also sagte ich in einem, mir angemessen erscheinenden Moment: „Komm, lass uns ins Bett gehen und ficken!“
Daraufhin kam von ihr bloß ein trockenes: „Nö, kein Bock.“
Den darauffolgenden Schweigemoment bewertete ich als unbehaglich. Kurze Zeit später beendete sie unsere fortwährende mangelnde Übereinkunft mit der Begründung, dass es sich bei ihr nur um eine vorübergehende Schwärmerei für mich gehandelt habe. Hmm … vermutlich die vorübergehende Schwärmerei für einen vermeintlich mysteriösen, schweigsamen Typen, der seine Rolle zwischen einfühlsamer Romantiker und „Komm, lass uns ficken!“-Draufgänger nicht distinguiert genug koordiniert bekommen hatte.

Ich hinterließ ihr das Seidentuch, das ich in der Klapsmühle für sie bemalt hatte, und darüber hinaus eine Geschenkschatulle – gefüllt mit vielen persönlichen, lieb gemeinten Kleinigkeiten, die ich in pinkfarbene Rosenblätter gebettet hatte.
Sie hinterließ mir ein Brandloch in der Pkw-Rückbank sowie einen Zigarettenstummel in einer halb leeren Bierdose, aus der ich anschließend noch trank.
Oma, sei nicht traurig drum. Die war es nun mal nicht wert.

Das folgende Interview führte Christian Destroy:
Du hast bereits ein Buch mit Kolumnen bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Wie waren deine Erwartungen und wurden sie erfüllt?
Man mag von Idiotenglück sprechen, dass ich auf Leute gestoßen bin, die bereit waren sich in den Ruin zu stürzen, um mein Buch zu veröffentlichen. Und ich glaube, die haben das nicht einmal bereut. Das nehme ich verdammt persönlich. Insofern wurden meine Erwartungen übertroffen.
Verkäufe? Reputation? Fans? Sexangebote? Sprich: Lohnt sich so was auch für mich?
Ich erinnere mich an eine Lesung im Frisiersalon einer saarländischen Kleinstadt. Dort waren ungefähr eine handvoll Punker im Publikum, nebst gefühlten dreißig Hausfrauen Ü40. In den Gesichtern der Punks glaubte ich Fremdscham gegenüber mir und meiner Darbietung zu erkennen. Die Ü40-Hausfrauen schienen stattdessen den Spaß ihres Lebens zu haben und gackerten allesamt wie die Hühner.
Im Anschluss der Lesung kauften beinahe sämtliche Anwesende ein Buch – die Punks mal außen vor gelassen – und ich durfte solch liebenswerten Damen mit Namen wie Birgit, Ute, Petra oder Gisela Widmungen mit Herzchen schreiben. Also wenn es das ist, was du willst, dann lohnt sich so eine Buchveröffentlichung auch für dich.
Ist ein weiteres Buch geplant?
Sollten sich eines Tages genug neue Texte angesammelt haben, werde ich über ein weiteres Buch nachdenken. Bis dahin nerve ich weiter in der Kolumnenrubrik des Ox-Fanzines rum.
Du bist ja eher schüchtern, ich habe erst zwei Lesungen von dir beobachtet, klappts jetzt besser? Drohst du den Leuten auch mal Prügel an, wenn die dauernd schwätzen? Tipp von mir: Flaschen ins Publikum schmeißen.
Würde ich mich während einer Lesung zu selbstsicher und souverän anstellen, so würde man mir meine Geschichten vermutlich nicht abkaufen. Außerdem musst du bedenken, dass ich durch mein schüchternes Auftreten für betretenes Schweigen im Publikum sorge. Die Leute sehen mich, bemerken meine Unsicherheit, fühlen sich davon peinlich berührt und hören gerade deswegen aufmerksam zu. Spätestens dann, wenn sie meine Fresse nicht mehr ertragen, verlassen sie einfach den Raum. Dafür bedarf es in aller Regel nicht einmal das Androhen von Prügel, geschweige denn das Schmeißen von Flaschen (womit du dir ja bekanntlich ganz gerne mal zu helfen versuchst).
Ich erinnere mich an eine Lesung, bei der zum Ende hin noch genau drei Zuhörer übrig blieben. Darunter war auch eine Feministin, so eine linkskonservative rote Zora, die zog dann schließlich eine beleidigte Schnute, nachdem ich dreimal in Folge das Wort „Ficken“ in den Mund nehmen musste, bevor sie sich ebenfalls von mir abwendete. Ganz zum Schluss hatte ich dann noch zwei Leute auf meiner Seite – ein korpulentes Mädchen und einen finster blickenden Jungen. Im Anschluss der Lesung erfuhr ich, dass das Mädchen aus der Klapsmühle ist und der Junge am Wochenende zuvor mit einer Gaspistole in der Innenstadt Amok gelaufen sei. Das ist exakt meine Zielgruppe – ein schöneres Publikum kann ich mir nicht vorstellen.
Du bist seit Sommer verheiratet, wie ist das so? Stimmt es, dass die Ehe der absolute Liebes- und Lustkiller ist? Meist hilft da nur ein Kind um das zusammenzuhalten. Wie läuft die Planung? Lieber Junge oder Mädchen? Lieblingspaten, tot oder lebendig und Namen für den Spross?
Eine Anleitung zum Heiraten erscheint von mir im nächsten Ox-Fanzine.
Vermutlich steckt aber noch zu viel Leidenschaft und Temperament in Jennys und meiner Ehe, so dass Kinderwünsche bisher keine oberste Priorität besitzen.
Wenn es eines Tages soweit ist, hätte ich gerne einen kleinen frechen Jungen – den nennen wir dann Christian Destroy. Wird es ein Mädchen, entscheiden wir uns einfach für Christiane. Auch wenn sich in beiden Fällen wohl niemand freiwillig zu einer Patenschaft bereit erklären wird.
Du spielst ja auch Schlagzeug bei Karate Disco. Gibts die noch? Ist da was in Planung?
Keine Ahnung, ich bin bloß der Schlagzeuger, weil ich für alles andere zu schüchtern bin. Ich habe aber am Rande vernommen, dass wir in ein paar Tagen ein neues Album aufnehmen wollen.
Wann hattest du deinen letzten Nervenzusammenbruch?
Meinen ersten Nervenzusammenbruch hatte ich, nachdem du mich vor sieben Jahren einige Monate lang als dein persönliches Haustier gefangen gehalten hattest. In den Fetischkreisen nennt man das übrigens „Petplay“.
Meinen letzten Nervenzusammenbruch hatte ich, als ich dir zum letzten Mal länger als 24 Stunden ausgeliefert war. Das war am vierten Tag der Pony Tour mit BARSEROS und KARATE DISCO. Von gut 84 Stunden, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam unterwegs gewesen sind, hatte ich maximal drei Stunden pro Nacht mit jeweils drei Promille auf irgendwelchen Fußböden geschlafen. Ich saß jedenfalls völlig zerstört im Tour-Bus, hatte den Kopf voll mit Eindrücken, die ich noch nicht verarbeitet hatte und du quatschtest gnadenlos, ohne Punkt und Komma, immer weiter auf mich ein.
Ich erinnere mich…
Leider hatte Dominik in seiner Reiseapotheke kein Ritalin für dich dabei – bloß angstbefreiende Psychopharmaka gegen Panikattacken, wovon ich eine nahm, als ich bemerkte, dass sich da etwas in mir zusammenbrauen würde. Daraufhin hattest du dich dann fürsorglich um mich gekümmert und versuchtest mich abzulenken, indem du mir einfach weiterhin ins Ohr plärrtest.
Damit ich mich etwas entspannen und beruhigen können würde, hattest du mir angeboten, dich alleine mit mir auf eine abgelegene Parkwiese zurückzuziehen. Auf dem Weg dorthin warst du dann allerdings die ganze Zeit darauf bedacht, möglichst in der Nähe von potentiellen Geschlechtsverkehrpartnerinnen sitzen zu können.
Inzwischen litt ich bereits an Paranoia und hatte das Gefühl, dass mich sämtliche Menschen beobachten würden. Daraufhin gabst du mir zu verstehen, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse … denn falls hier jemand beobachtet werden würde, dann wärst das höchstens du. Anschließend hieltst du dann weiter Ausschau nach Girls.
Währenddessen machte ich mir Gedanken darüber, ob ich mich nicht vielleicht doch besser ins Irrenhaus einweisen lassen sollte, anstatt mich weiter in deine Obhut zu begeben.
Gräbel, ich danke dir für dieses Gespräch.