
Wochenende: Schnaps raus, Senf an die Decke und den Verstand in die Mikrowelle! Nach einmonatiger Abwesenheit darf mich Köln wieder begrüßen. “Hallo Parki” – “Hallo Köln!”. Happy Birthday Andy F.! Hallo Jakob, ach, du auch hier? Und Christian, schön, dich endlich mal wiederzusehen, komm her, kriegst einen Bruderkuss! Und Steffen ist auch da! Yeah, ich drehe durch. Es fehlt nur noch der Hanzel, aber der kauft gerade in Istanbul Massen an gefälschten Ed Hardy, Bruno Banani und Dolce & Gabbana-Klamotten, um im S38 am Wochenende auf modebewussten Checker machen zu können. Aber ja, alles super. Alles gut. Ich freue mich mal wieder hier zu sein. Der Samstagabend toppt den Vortag. Nur schockierend: Ein gewisser Vorfall am Samstagvormittag. Die Stimmungsangabe “DESTROYed” erhält seitdem bei Myspace eine neue Bedeutung. Nein, gar nicht gut. Blende ich diesen Vorfall aus und ziehe Sonntagnachmittag im Geiste Bilanz, muss ich sagen: Ein herrliches Wochenende!
Ein wenig am Arsch, aber zufrieden, geht es um 19 Uhr zum Kölner Hauptbahnhof. Meine Mitfahrgelegenheit von Freitagabend nimmt mich wieder mit zurück nach Bern. 35 € pro Strecke ist nun wirklich nahezu geschenkt. Der Typ scheint in Ordnung zu sein. Er ist Mitte 40, Dachdecker-Meister, werkt unter anderem an der Laube vom Berner Bundeshaus herum und hat Familie in Mettmann. Die Kategorie von Fahrern “Ü40, Familie, Kohle” ist mir am liebsten. Im Regelfall handelt es sich hierbei um sehr gute, zuverlässige und umgängliche Lenker.
19 Uhr 30 werde ich unruhig. Wir haben 19 Uhr abgesprochen. Ich rufe ihn zehn- bis zwanzigmal an. Doch der Typ geht nicht an sein scheiß Handy. Eine Mischung aus Wut und Panik macht sich breit. Wenn der Vogel mich im Stich lässt, habe ich ein riesiges Problem…
Eine weitere halbe Stunde später gibt es keine Zweifel: Ich habe ein riesiges Problem! Geladen stampfe ich in den Bahnhof und will mir für den nächsten Tag ein Rückfahrticket nach Bern kaufen. Am Schalter komme ich sofort an die Reihe. “130 € – bezahlen Sie bar oder mit Karte?” Weil ich kein Bargeld habe, hole ich meine Schweizer EC-Karte hervor. “Tut uns leid, die wird von unserem System nicht angenommen.” Ich versuche es mit meiner Sparkassenkarte. Zwar bin ich mir sicher, dass ich auf diesem Konto höchstens zehn bis zwanzig Euro zur Verfügung habe, aber vielleicht lässt sich das Konto überziehen. Als ich die Geheimnummer eintippen möchte, trifft mich der Schlag: Ich habe sie vergessen. Argh! Ich verabschiede mich höflich. Mein Gehirn hat sich von den Narkotisierungen der letzten drei Tage spürbar nicht erholt.

In der Bahnhofshalle probiere ich verschiedene Kombinationen aus. Um den Einzug der Karte zu vermeiden, verhalte ich mich sehr geschickt und tippe den vermeintlichen Code in die Luft. Irgendwann habe ich ihn! Hoffnungsvoll gehe ich an den Automaten – zehn Euro, mehr gibt es nicht. Ich fordere das Schicksal heraus und fahre angepisst und ohne gültigen Fahrschein zurück zum Club Scheiße, meine Wochenendherberge und mein LieblingsÄTHERblissement.
Schnellstmöglich muss ich an 130 € kommen – am Dienstag ruft eine halbwichtige Tagung in Bern. Hier in der Gegend einen Freund zu finden, der mir spontan mit mehr als 10 € aushelfen kann, ist keine leichte Aufgabe. Pöbeloli hilft mir schließlich aus der Patsche. Montagmittag findet die Übergabe statt. Während die Drei Fragezeichen hyperaktiv einen alten Fall aufklären, vergrabe ich mich ins Plumeau und schlafe den Schlaf, den sich mein Körper seit einer halben Woche gewünscht hat.
Pöbeloli hat das Handy aus. Sturmklingeln zu Hause hilft auch nicht. Die Zeit drängt. Fünf bis sechs Stunden muss ich für die Fahrt nach Hause einplanen. 14 Uhr 30 kommt der erlösende Anruf. “Bin wach, Alter, wann treffen, wo, ey?”. Ich mag seine Direktheit genauso gerne wie seinen überschaubaren Sprachschatz. Die Übergabe an der Körnerstraße verläuft wie geschmiert. Wenn ich mich spute, kriege ich den Zug um kurz vor vier. Also ab in die “3″ und weiter Richtung Dom!
Am Bahnhof angekommen, bleibt noch Zeit für den Buchladen. Ohne irgendeinen Scheiß zu lesen, halte ich die Zugfahrt nicht aus. Also, was gibt es an Neuveröffentlichungen? Mh… Mein Blick schweift über die Stapel an Literatur: DIANA GABALDON “Echo der Hoffnung”? Äh, nein. EDMUND HARTSCH “Peter Maffay – Auf dem Weg zu mir”? Sehr! CHERRY AIDAR “Nimm mich!” Oh Mann, ja, bitte, hier und jetzt. Nee, echt, geht’s noch? Wieso findet sich für solche Bücher überhaupt ein Verleger? Weitere Titel lauten “Aus Versehen verliebt”, “In Wahrheit wird viel mehr gelogen”, oder “Kluftingers neuer Fall”. Noch Fragen? Es wird Zeit, dass ich mich nach anderthalb Jahren wieder der Arbeit an meinem Buchdebüt widme: “…und auf Vernichtung läuft’s hinaus – Das Manifest der Misanthropie”. Ungelegte Eier bringen keinem was – außer einem niedrigen Cholesterinspiegel. Ein scheinbarer Lichtblick weckt mich zärtlich aus meinen Träumen:
Zwischen “40 Tage im Kloster des Dalai Lama” und “Remember the Time: Michael Jackson”, sticht mir “Bonbon aus Wurst” von HELGE SCHNEIDER ins Auge. Das soll ja ganz witzig sein. Zu Helge Scheider brauche ich ja sowieso nichts mehr zu schreiben. “Drei Männer in einem Raum, hüargh, da kann man schlecht Votze lecken!”. So sieht es aus! Neuen Weisheiten vom beneidenswert musikalischen Quatschkopf bin ich nicht abgeneigt, aber nach “Evil” von JACK KETCHUM begehre ich – Achtung: Überraschung! – wieder einen Roman, der mich vor Wut und Ekel zur Weißglut bringt und mich daran erinnert, dass sogar ich ein Schamgefühl besitze. Die Horror-Ecke des Buchladens besteht nur aus blutigem Kitsch. Vampire, Spuk im Waisenhaus und liebestolle Mumien. Das turnt mich nicht an. Um nicht mit leeren Händen auszugehen, greife ich mir den Beststeller “Die Chemie des Todes” von SIMON BECKETT. Kurz nach dessen Neuerscheinung hat mir Jenny Desaster dieses Werk mal empfohlen. Dass sie einen guten Geschmack hat, weiß ich ja. Schließlich hat sie es bemerkenswert lange mit mir ausgehalten. Wie auch immer, schnell noch die Bildzeitung dazu und ab geht’s! Der Glauben an eine gute Heimfahrt kehrt zurück.

Drei Minuten bevor mein Zug eintrifft, verspüre ich ein vorlautes Magenknurren. Der Blick auf die Imbissbude neben mir, aktiviert meine Speichelproduktion. Parki muss essen! “Einmal Bratwurst mit viel Senf! Dazu noch eine Rivella blau. Wie, die gibt es nicht? Na gut, dann eine Fanta. Aber bitte machen Sie schnell, mein Zug kommt jeden Moment”. Während ich aus meiner Hosentasche, in die ich vorhin Geld und Fahrschein gesteckt habe, den letzten Zehneuroschein herausziehe, fährt der Zug ein. Die mit dem augenscheinlich frittierten Haar hinter der Kasse stehende Frau, gibt mir mein Wechselgeld in Zeitlupe. Ich muss sprinten. Mit ein paar Sprüngen erreiche die Bahn, betrete das erste Großraumabteil und mache es mir gemütlich. Die Türen schließen, nächster Halt “Siegen”.
“Die Fahrscheine bitte”, kaum habe ich mir den Senf aus dem Gesicht gewischt, steht die Schaffnerin vor mir. Sie ist um die fünfzig Jahre alt, klein, trägt eine Brille im Gesicht und eine herausgewachsene Dauerwelle auf ihrem unförmigen Kopf. Ich greife in meine Hosentasche. Außer einem zerknitterten Flyer, einer benutzten Serviette und ein paar Münzen, kann ich nichts finden. Oh nein… Jede Tasche in meiner Hose, jedes Fach in meinem Rucksack inspiziere ich. Der Fahrschein lässt sich nicht auffinden. Der Titel der ersten GOLGATHA 7″ geht mir durch den Kopf: “Ich weiß nicht, ob ich weinen oder kotzen soll”. Ich entscheide mich für eine dritte Option: Eine unauffällige Atemübung. Mit dieser Technik versuche ich Ruhe in eine Situation zu bringen, die sich innerhalb weniger Augenblicke verschärft.
“Sie haben den Fahrschein verloren? Aha, dann gebe ich Ihnen die Möglichkeit, sich bei mir einen neuen bis Basel/Badischer Bahnhof zu kaufen. Können Sie bar bezahlen?”
“Nein, leider nicht, aber ich habe eine Schweizer EC Karte”
“Mit dieser kann das System nicht arbeiten. Es tut mir leid, aber dann muss ich Ihnen zusätzlich eine Strafe von 40 € berechnen, die Sie dann innerhalb der nächsten vierzehn Tage überweisen. Insgesamt macht das dann 150 €. Geben Sie mir bitte Ihren Personalausweis, damit ich Ihre Daten aufnehmen kann.” Während sie das sagt, hält der Zug an der nächsten Station.
Den Unmut herunterschluckend versuche ich mich mit weiteren Kosten abzufinden und gebe ihr den Ausweis. Anstatt die Klappe zu halten, beliefere ich die Frau unbewusst mit für mich verhängnisvollen Informationen: “Die Adresse ist aber nicht aktuell, seit Januar wohne ich in der Schweiz. Meinen Fremdenausweis habe ich nicht dabei, aber ich kann ihnen meine Anschrift mit meiner Monatskarte bestätigen.”
“Wie? Dann ist der Ausweis nicht gültig. Die Angaben auf der Monatskarte sind irrelevant. Ich muss Sie bitten, auszusteigen.”
Äh? Was… Endzeitstimmung. Alternative Lösungen habe ich nicht parat. Resigniert nehme ich mein Gepäck und will aussteigen. Kurz bevor ich die nächste Ausstiegsmöglichkeit erreiche, pfeift die Trulla und gibt dem Lokführer das Zeichen für die Abfahrt. “Pardon, aber ich konnte den Zug nicht aufhalten. Der nächste Halt ist “Frankfurt, Flughafen”.
Pardon? Wie, nun spricht sie schon auf Französisch mit mir, dieser gottverfluchte Racheengel in der Gestalt einer verlebten Mistmuck?! Wie geistesabwesend schaue ich durch sie hindurch. Das ist jawohl nicht ihr ernst… Ich sehe mich in einer Dreiviertelstunde ohne Geld und ohne gültigen Ausweis am Frankfurter Flughafen stehen. Und dann? No idea. Ich bin baff. Ich bin so etwas von baff wie lange nicht mehr. Gelegentliche Abenteuer sind schön und gut, aber das muss nun wirklich nicht sein. “Weinen oder kotzen”? Vor den Augen der Schaffnerin beginne ich zu würgen.

Bevor ich wie eine frisch geputzte Katze Fell oder ähnliches ausspucken kann, macht die Schaffnerin ihren Mund auf: “Geht es Ihnen gut?”, fragt sie und quillt für eine Sekunde fast vor Empathie über. Ich halte meinen Mund.
“Okay, passen Sie auf, ich habe nicht gehört, dass die Adresse auf ihrem Ausweis nicht aktuell ist. Wenn Sie die Rechnung nicht bezahlen, kommen Sie in Teufelsküche. Also bitte tun Sie uns beiden den Gefallen und bezahlen das Geld”, sie zwinkert mir mit einem Auge zu.
Hoffnung. Lichtblick. Happy End. Zumindest für diesen Moment. Ein warmes Gefühl macht sich in mir breit. Der Eimer Serotonin in meinem Kopf schwappt über. Ich schwöre auf meine Mutter, dass ich das Geld bezahlen werde! Also gedanklich. Irgendwie. Rettung! Ich gehe zurück zu meinem alten Platz. Erst mal herunterkommen… Die Fahrt bis nach Basel verläuft angenehm und ohne Zwischenfälle. Normalerweise fahre ich sehr gerne Zug. Normalerweise.
Vier Stunden später fahre ich eine Station schwarz und steige in Basel/Schweizer Bahnhof aus. Der Zug fährt weiter nach Interlaken – über Bern. Für die Weiterfahrt muss ich einen weiteren Fahrschein kaufen. Ich bin guter Dinge. Schließlich befinde ich mich in der Confoederatio Helvetica, dem Heimatland meiner Bank. Basel ist nach Zürich und Genf die drittgrößte Stadt der Schweiz. Also wird es selbstverständlich sein, dass selbst die kleine Valiantbank hier einige Filialen hat, vielleicht sogar in Bahnhofsnähe. Am Taxenstand frage ich einen der Fahrer, wo ich die nächste Filiale finde. Er scheint mich nicht verstehen zu wollen und antwortet nur: “Gibt’s nicht, keine Zeit.” Ich frage den nächsten. “Keine Ahnung, keine Zeit.” Vielbeschäftigt wirkende Männer soll man nicht stören. Ich erkundige mich erst am Brötchenstand, dann in der Wechselstube. Die Bank ist niemandem ein Begriff. Das wundert mich, aber ich halte es dennoch nicht für möglich!
Von meinem letzten Schweizer Kleingeld rufe ich die Auskunft an. “Nein, es tut mir leid, für die Valiantbank ist in Basel KEIN EINTRAG verzeichnet. Ade.” Bitte? Stille… Vakuum… Endstation… Das ich nicht lache! Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich die heutigen Ereignisse mit Humor nehmen kann. Nach Bern sind es keine einhundert Kilometer mehr. Meine Lage ist, unabhängig von meinem Befinden, wieder sehr, sehr finster. Ich fasse zusammen: Kein Bargeld, keine verwendbare EC-Karte, keinen gültigen Personalausweis und noch viel schlimmer: Kein Beleg dafür, dass ich eine Aufenthaltsgenehmigung habe und in der Schweiz wohnhaft bin. Der Gedanke, schwarz nach Bern zu fahren und mich im Zweifelsfall erwischen zu lassen, löst sich in der Gewissheit auf, als angeblich in Düsseldorf wohnender Ausländer nicht viele Privilegien zu besitzen und mit noch mehr Ärger konfrontiert zu werden.
Ein Leben am Basler Bahnhof ist vermutlich besser als ein Leben am Frankfurter Flughafen. Wieso beschwere ich mich überhaupt? Völlig möchte ich mich meinem Schicksal allerdings noch nicht fügen und werde plötzlich geistreich. Die Polizei kann mir sicherlich bestätigen, dass ich in der Schweiz gemeldet bin. Oder vielleicht kann ich mit meiner Sparkassenkarte am Geldautomaten mehr Geld als in Deutschland abheben, weil hier keine präzisen Informationen über meinen Kontostand vorliegen. Bevor ich als alter Deutschpunker (”Schlachtrufe BRD I-IV”) die Hilfe der Cops in Anspruch nehme, versuche ich zunächst den zweiten Gedanken in die Tat umzusetzen. Und siehe da: Ein Wunder! Der Automat spuckt mir den benötigten Schein aus. Endlich, endlich kann es nach Hause gehen. Achtung Bern, ich komme!

Etwa 22 Uhr schließe ich die Wohnungstür auf. Geschafft! Happy End – zwar ein teures, aber wenigstens ein Happy End. Und das ist erst mal die Hauptsache. In meinem Küchenschrank befindet sich noch genügend Reis, um die nächsten zwei Wochen über die Runden zu kommen. Irgendwo in meinem Zimmer finde ich sicherlich noch eine Flasche Wein. Was brauche ich mehr? (Christoph Parkinson)