
“Bern braucht seine Zeit. Wenn du die Stadt und die Leute gefunden hast, lässt sie dich nicht mehr los…” (Reverend Beat-Man)
Düsseldorf habe ich erst als Stadt zu schätzen gelernt, nachdem ich dort weggezogen bin. Erst dann war ich auf den Partys, die ich zuvor wegen unnötiger Scheuklappen nicht beachtet habe. Und erst dann habe ich die Bars entdeckt, deren Namen mich zuvor abgeschreckt haben, sie zu erforschen. Düsseldorf hat vieles zu bieten. Köln favorisiere ich im direkten Vergleich nach wie vor, aber ich kann mir mittlerweile vorstellen, dass die Stadt einem so einiges an Lebensqualität bieten kann.
Als ich im Februar nach Bern gezogen bin (mehr dazu in dem ersten Teil meiner neuen Kolumnenreihe im Anfang Oktober erscheinenden Ox Nr. 86!) und mich in dieser Zeit nach “coolen” Ausgehmöglichkeiten bei 18jährigen Mädchen über Myspace erkundigt habe, stießen mir die Resultate beinahe Tränen in die Augen. Die Internetrecherche in Eigenregie verlief genauso deprimierend. Ganz hart traf mich die Information über die Sperrstunde, die es selbst an Wochenenden von 3 Uhr 30 bis 5 Uhr morgens gibt. Es war jedoch zu spät. Der Umzug war erledigt, mit allem hatte ich in Düsseldorf abgeschlossen. Das Ding stand! Und falls ich nicht Opfer eines dramatischen Schicksals werden sollte, war es klar, dass ich hier wenigstens die nächsten zwei Jahre wohnen würde.
In den ersten Monaten entfloh ich an jedem zweiten Wochenende diesem, trotz seiner Schönheit, von mir als trist wahrgenommenen Stadtbild, um in Koblenz zu knutschen oder um Vergangenes in Köln und in Düsseldorf zu glorifizieren, als auch um Neues zu entdecken. An den anderen Wochenenden habe ich nicht viel Geld gehabt, um auszugehen. Dieser Zustand hat mich gelangweilt, mir aber nicht das Gefühl gegeben, etwas zu verpassen. Seit Ende Mai bin ich bereit, mich auf meine neue Heimat einzulassen. Nach Nordrhein-Westfalen fahre ich nach wie vor gerne. Meine zeitlichen Kapazitäten lassen die Wochenendfahrten höchstens einmal im Monat zu. So lange ich hier wohne, ist das auch erst einmal okay so. Denn nun bin ich hier und nun will ich hier auch all das aus der Stadt herausziehen, was möglich ist. Ich will das nachholen, was ich in Düsseldorf versäumt habe. Ich will die Stadt nicht nur kennen lernen, ich will sie verstehen und in ihr leben lernen.
Das Erforschen von Ausgehmöglichkeiten und das Akkumulieren von nützlichen Kontakten ist der Schlüssel zum Erfolg. Mag ich mich wiederholend in meinem literarischen Samen als fehlerhafter Misanthrop darstellen, so gibt es eine bestimmte Art von Personen, die ich manchmal sehr gerne bis gerne um mich herum habe. Von diesen Personen gibt es nicht viele, aber von der zweiten Kategorie in jeder größeren Stadt mindestens ein paar. Jedenfalls hoffe ich das. Um beides in Bern zu finden, braucht es nicht nur Zeit, sondern auch die Bereitschaft, alles zu testen. In der Praxis heißt das bisher: Mein Bierbauch wächst von Woche zu Woche aufsehenerregend, die Anzahl der begutachteten Bars und Clubs steigt wie die Kilos ähnlich an und auch meine Kontakte zu neuen Homies entwickeln sich, äh… ja, okay, bisher so gut wie gar nicht.
Es ist zwar nicht langweilig, über diese Erlebnisse zu schreiben, aber ihr sollt von unserem Blog ja schließlich auch mal einen besonders praktischen Nutzen haben. Ich stelle euch daher eine Reihe von Bars und Clubs vor, die ihr bei einem Besuch in Bern aufsuchen könnt, wenn sich bestimmte Erwartungen erfüllen sollen:

BON SOIR: Ein recht neuer Club mitten in der Berner Innenstadt. Vom Bahnhof geht man keine zehn Minuten dorthin. Der Eintritt liegt je nach Programm und Jahreszeit zwischen 10 und 20 CHF. Eine Stange Bier gibt es für 5,50 CHF. Bisher bin ich erst zweimal dort gewesen. Beide Male war nichts los, was am Wetter und an den DJs gelegen haben kann. Der Laden an sich ist schick. Das Programm klingt meist interessant und wird von den unterschiedlichsten internationalen DJs gefüllt. Im Oktober tritt dort beispielsweise DJ MEHDI auf. Ein Schwerpunkt liegt auf elektronischer Musik. Das BON SOIR setzt sich, laut Eigenaussage auf deren Homepage, besonders für Musik und verwandte Kunstformen sowie für Toleranz und Vernetzung in der Kulturszene Bern und Schweiz ein. Im Vorteil zu den meisten anderen Läden in der Stadt, enden die Partys an Wochenenden schon mal erst um fünf Uhr. Nicht nur das spricht für das BON SOIR. Ich werde dessen Entwicklung in der nächsten Zeit beobachten!
CAFÉ KAIRO: Am CAFÉ KAIRO kommt früher oder später niemand vorbei. Nicht nur, weil hier der Beat-Man von Voodoo-Rhythm-Records häufiger kleine Shows im Keller veranstaltet. Gut essen lässt es sich nämlich auch. Und was viel wichtiger ist: In einer angenehmen Atmosphäre kann man schön saufen! Der Laden liegt im Lorraine-Viertel, das einen recht alternativen, linken Touch hat und ein beliebter Wohnort für Künstler ist.
DAMPFZENTRALE: Wie WASSERWERK, GASKESSEL und FORMBAR liegt die DAMPFZENTRALE in der Nähe von der Aare. Ich habe vernommen, dass es hier sporadisch gute Partys gibt. Das Programm klingt zwar alternativ, wirkt dabei aber sehr dubios. Einmal habe ich den Fußweg vom Bahnhof zur DAMPFZENTRALE gemacht, um das Vorhaben, wild auf elektronische Beats abzuspacken, in die Tat umzusetzen. Das einzige, was an diesem Abend getanzt hat, waren zwei circa 50jährige Ollen, die an der Decke Dinge gesehen haben, die ich nicht bemerkt habe. Sehr strange. Die Veranstaltung, von Party konnte keine Rede sein, fand nur im Foyer statt und hat sich gar nicht gelohnt. Die Longdrinks sind stark gemischt, was selbst das Ertragen solcher Anlässe ein wenig vereinfacht, sie aber nicht aufwertet.
DU NORD: Eine Eckbar in der Lorraine. Bevor der Besitzer gewechselt hat, soll es hier wilder, cooler und versiffter hergegangen sein. Auf mich wirkt das DU NORD in seinem jetzigen Zustand sehr “nobel” oder besser: Eine Nummer zu schick und zu steril. Wie fast überall: Entspannt oder hektisch Alkohol trinken funktioniert hier zweifelsohne. Es finden auch Partys statt. Keine Ahnung, ob die so cool sind. Das kann ich mir im Moment nur schwer vorstellen. Abgefahren bin ich bei meinem Besuch auf den Appenzeller auf Eis. Ich sage nur: Ein Gaumentropfen!

FORMBAR: Nach meinem ersten Abstecher – mit Darth Hanzel von BLOODATTACK – in die FORMBAR wusste ich, dass das hier meine Rettung sein kann! Sonntags gibt es nach der üblichen Sperrstunde von fünf Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags elektronische Aftershowpartys. Auch sonst gibt es hier alles, was das Herzchen begehrt. Die Location geht vom Style her in Ordnung. Nur die Anzahl der Toiletten ist ausbaufähig. S38 für Schweizer! Oder: Einfach nur mit ein wenig mehr Stil.
GRAFFITTI: Eigentlich ein Jugendzentrum in Bern-Wankdorf. Also etwas weg vom Rest. Regelmäßig finden hier Metalshows und -partys statt. Der Alkohol ist günstig und es gibt natürlich einen Kicker. Im April habe ich in dem Laden die JAPANISCHEN KAMPFHÖRSPIELE gesehen und einen der besten Abende seit langem gehabt. Für spontane Besuche und sexuelle Aktivitäten ist das aber nix!
ISC: Verflucht sympathisch! Hier hat mein Berner Ausgang sein Debüt gehabt. Die FORMBAR mag für Elektro-/Technoevents die Rettung sein, dieser Laden ist die Rettung in der Not, wenn der Parki gute Indiekonzerte (zum Beispiel COLDEVE), bessere Lesungen (Wiglaf Droste) und akzeptable Partys (Indie, Elektropunk, 50er Jahre, etc.) besuchen will. Neben der REITSCHULE ist das ISC mit Blick auf das alternative Programm absolut unersetzbar!
KAPELLE: Die Treppen herunter und ab in den Keller: Eine gemütlich eingerichtete Kneipe in einer der Hauptgassen. Einmal bin ich während der Woche dort gewesen. Es waren nur drei andere Gäste anwesend und es lief 50er Jahre Musik. Ferner kann ich mich nur noch an ein seltsames Erlebnis auf der Toilette erinnern, welches mich für einen Moment einen Gedanken daran verschwenden ließ, ob “die Schweizer” vielleicht nicht doch anders als “die Gummihälse” ticken. Ich bin beruhigt sagen zu können, dass sich diese These nicht bestärkt hat. Von meinem bisherigen Eindruck her hat die Kapelle das Potential, eine empfehlenswerte Kneipe zu sein. Ob dieses Potential ausgeschöpft wird, mag ich an dieser Stelle noch nicht abschätzen.
LES AMIS/WOHNZIMMER: In der Rathausgasse geht schon etwas! Das LES AMIS ist eine kleine Bar/Kneipe. Auf dem Berner “Buskers”-Straßenmusikerfest war ich mit Dave von Rich Kidz drinnen und draußen. Joah, sehr angenehm. Praktisch ist die Angliederung des kleinen und feinen Clubs WOHNZIMMER die Treppe hinunter. Die Partys können vom 50er Jahre Sound bis zu elektronischen Klängen variieren. Vieles ist hier möglich. Von Einheimischen habe ich nur Positives gehört. Negatives habe ich selbst auch nicht wahrgenommen.
PLAN B: Wer nicht genug kriegen kann, geht hier Sonntagsmorgen zum “Elektrobrunch”. Ein wenig bizarr sind die Treffpunkte für die Spezies der Nimmersatten immer. Der Türsteher des Kelleretablissements hat nicht unbedingt den leichtesten Job. Darth Hanzel kann ein Liedchen davon singen oder zumindest dazu eine Anekdote erzählen. Das Personal von der FORMBAR geht nach Dienstschluss hier gerne ein paar Drinks kippen. Und die wissen ja, wie der Hase läuft. Wer sich im Kölner VENUSKELLER oder im ROXY zurechtfindet, findet auch hier seinen Platz – entweder an der Theke oder auf der kleinen Tanzfläche nebenan.

REITSCHULE: Was wäre Bern bloß ohne die REITSCHULE? Auf jeden Fall um den wichtigsten lokalen Treffpunkt und Austragungsort für Alternativkultur ärmer! Dieser Laden ist eine Institution: Kneipe, Restaurant, linker Buchladen, Theater, Konzerthalle, Disco,… Gebäude und Vorplatz strotzen nur so vor Atmosphäre. Ein Besuch lohnt sich fast immer! Die Konservativen Berns haben bislang drei Bürgerabstimmungen inszeniert, um den “Schandfleck” dem Erdboden gleichzumachen. Aber sie scheiterten! Die REITSCHULE ist in Bern für die Meisten unentbehrlich. Absolut entbehrlich sind die Typen, die im Umfeld des Gebäudes Drogen lausigster Qualität verkaufen und ohne Gegenleistung den Spießbürgern damit eine bedrohliche Angriffsfläche mit Kusshand anbieten. Der Aktionismus der Mitwirkenden der REITSCHULE gegen diesen indirekten Boykott, ist insofern sehr zu begrüßen!
SOUS-SOUL: Entzückend kleiner Club nicht weit vom Bärengraben. Auf der Bühne habe ich Mitte Mai BODI BILL gesehen. Geschmack haben die Veranstalter/Betreiber des SOUS SOULS bewiesen. Die mehrheitlich elektronischen Partys an Wochenenden, sind in meistens kostenlos.
TURNHALLE: Die ehemalige Sporthalle eines Berner Gymnasiums habe ich nach meinem ersten Besuch sofort in mein Herz geschlossen. Seitdem halte ich mich dort häufiger in der Woche am frühen Abend, sowie an Wochenenden vor den Clubbesuchen auf, um wenigstens einen Ramazotti auf Eis und zwei, drei Bier zu trinken. Partys sind mir aufgrund der Club-Sommerpause bisher verwehrt geblieben. Die Location ist mitsamt Biergarten einfach nur phantastisch. Angenehmes Publikum, trotz Hochschulerfahrung der meisten. Wenn ihr mich besucht, gehört das genannte “Herrengedeck Deluxe” zum Pflichtprogramm! Als Dave eine Woche lang Urlaub im Tscharni gemacht hat, waren wir innerhalb von sieben Tagen, an sechs Abenden hier. Grund für den eintägigen Aussetzer war der Ruhetag. Noch Fragen?

VIA FELSENAU: Die VIA FELSENAU steht umso mehr für Qualität als für Quantität. Partys finden nur noch alle zwei, drei Monate statt, aber dann sind sie jedes Mal Pflicht! Die Räumlichkeiten des Clubs sind exzellent. TIEFSCHWARZ aus Berlin habe ich Ende Mai dort erlebt. Exzess, Party, Party. Guter Sound, ultra viel Spaß. Einen Teil des Publikums habe ich aus der FORMBAR gekannt. Die schlechte Frauenquote ist anfangs tragisch gewesen. Im Laufe der Nacht änderte sich das Männer-/Frauenverhältnis wenigstens etwas zum Positiven. Bis bald im September!
Bisher noch nicht besucht, aber einschlägige Empfehlungen habe ich unter anderem für folgende Bars und Clubs erhalten: BRASSERIE LORRAINE, DEAD END (Absturz: Keine Sperrstunde), DREI EIDGENOSSEN, FASSBAR (24 Stunden!), GASKESSEL, WASSERWERK, WUNDERBAR.
Tipps für den Ausgang gibt es auch etwa im Bewegungsmelder (Print/Online) oder über den Newsletter von Ron Orps. Dann mal ab nach Bern, oder? (Christoph Parkinson)