…Nach dem kläglichen Herumgepopse in der Düsseldorfer Milchbar und der damit einhergehenden Veisalgia am nächsten Morgen, drängen mich die Termine aus meinem Bett im richkidz-Bunker. Am frühen Nachmittag steht ein wichtiges Meeting mit Destroy in Köln-Ehrenfeld an. Anderthalb Stunden später stehe ich bei ihm auf der Matte. Das letzte Mal, dass er gesünder als ich ausgesehen hat, liegt mindestens fünf Jahre her. Irgendwie ist das ekelhaft. Es war von vornherein klar, dass mein Urlaub an mir Spuren hinterlassen wird. Aber dass ich dem Crimson Ghost eines Tages ähnlicher sehen würde als es Christian bisher tat, hätte ich nicht zu befürchten gewagt. Wie auch immmer. Während wir uns gegenseitig auf den aktuellen Stand bringen, versuche ich mich mit Becks und Kaffee auf Vordermann zu bringen. Viel Zeit bleibt mir nicht, um meinen Kreislauf anzutreiben. Um 20 Uhr beginnt das Interview auf KölnCampus und bereits eine Dreiviertelstunde vorher will ich im Studio sein. Wir verlegen die Fortführung des Gesprächs auf das nächste Jahr.
Die Räumlichkeiten des Radiosenders befinden sich unter dem Dach des Hauses. Es herrscht eine Tropenhitze. Mir läuft der Schweiß die Stirn hinunter und ich bin mir nicht sicher, ob dies nur eine Folge der hohen Temperatur ist. Die Jungs sind freundlich, die Atmosphäre ist angenehm. Die Sendung “Hellfire Radio” startet und ich habe in den letzten zwei Stunden mindestens zwei Liter Bier getrunken. Dennoch gebe ich mich verhältnismäßig souverän. Ich wünsche mir Songs von HUMAN PONY GIRL und KARATE DISCO, verabschiede mich und fahre mit dem Taxi nach Köln-Kalk in eines der Äther Youth-Lager. Nach den üblichen Ritualen unter Freunden, verlegen wir die Nacht zunächst ins Odonien, um dort Liebe zu machen. Als die Sonne aufgeht, wechseln wir in die Papierfabrik. Nature One-Techno-Fratzen gruseln bei schauerlichen Elektroklängen. Köln schlägt Düsseldorf. Cut.
Montagmorgen landen Holocaust-Gabi und ich mit Ryanair in Skavsta. Nach den Erfahrungen, die ich bei meinen bisherigen Flügen mit dem Billigfluganbieter easyJet gemacht habe, gehe ich davon aus, dass bei Ryanair alles ähnlich entspannt abläuft. Der Flug entpuppt sich jedoch als eine anstrengende Verkaufstour mit stämmigen Stewardessen, zu schmalen Sitzen und stinkenden Sitznachbarn. Die anschließende Busfahrt von Skavsta zum Stockholmer Hauptbahnhof gleicht dagegen einer Wellness-Fahrt.
Im Hotel können wir erst um 15 Uhr einchecken. Bis dahin laufen wir – trotz Stadtplan – irritiert durch die Innenstadt. Viele Touristen sind unterwegs. Erste Eindrücke werden gesammelt. Schön, schön. Die Erholung flirtet mit der Faszination am Neuen. Abends bewegen wir uns routinierter im Zentrum der Stadt. Auch wenn ich mich aktuell wie Karlsson vom Dach fühle, denkt vermutlich niemand, dass wir aus einem Astrid Lindgren-Roman entsprungen sind, geschweige aus Stockholm stammen. Der festumklammerte, wenn auch zusammengefaltete Stadtplan, passt nicht zu dem Bild eines Einheimischen oder gar zu dem eines kosmopolitischen Vielfliegers.
Die Gassen in Gamla Stan sind in den frühen Abendstunden gefüllt. Der Duft süßer Speisen steigt in meine Nase und ich kann mich nur schwer beherrschen, meine Kronen nicht für schwedische Backwaren auszugeben. Die Architektur vieler Gebäude trägt schwedisches Etikett. Die Lichter der Schiffe erhellen das Wasser. Weit über der Hafeneinfahrt befindet sich die Bar Gondolen, von der man den spektakulärsten Ausblick auf die Stadt haben soll. Als wir oben ankommen, werden die Stühle hochgestellt. Stockholm verlangt den Schönheitsschlaf.
Dienstagmorgen mache ich meinem Ruf alle Ehre und teste das Widerlichste, was das Land an Lebensmitteln zu bieten hat. Ganz weit vorne ist der Monster Energydrink, der meine letzten Geschmacksnerven abtötet und meinen Kreislauf kurzzeitig zum Taumeln bringt. Mehr oder weniger gestärkt beginnen wir die Tagestour im Humlegarden. Die Lars Bohman Gallery ist vom Park nicht weit entfernt. Die Galerie ist bekannt für ihre Mischung aus älteren Bildern und junger schwedischer Kunst. Dummerweise ist sie während unseres Trips geschlossen. Die nächsten Stunden flanieren wir durch die Straßen, trinken literweise Kaffee und ich versuche mit sämtlichen blaubeerigen Esswaren das ständige Hungergefühl zu bekämpfen, welches durch meinen Prader-Willi bedingt ist. Mission failed.
Das Moderna Museet auf der Insel Södermalm ist einer der kulturellen Höhepunkte der Stadt. Neben der aktuellen Ausstellung von Ed Ruscha, werden hier weltberühmte Arbeiten von Andy Warhol, Picasso, Dali, Nici de Saint Phalle und anderen populären Künstlern ausgestellt. Der Abend endet in Södermalm, einem Viertel mit Second Hand-, Klamotten-, Plattenläden, Bars und Fressbuden. Die Liquorstores haben früher geschlossen als gehofft. Ab in die Hotelbar und dort Whisky-Cola zu schweizerischen Preisen trinken.
Die Zeit vergeht schnell und der vermeintlich letzte Tag bricht an. Als ordentlicher Tourist besucht man den städtischen Naturpark. “Der Skansen ist wunderschön. Ein Freiluftmuseum, mit Eindrücken aus allen Landschaften Schwedens. Außerdem findest du dort auch einen Zoo, der sich rein auf nordische Tiere konzentriert – mit Wölfen, Füchsen, Elchen…” (Bebban Stenborg, SHOUT OUT LOUDS). Mit der einen Hand halte ich mein Blaubeereis, mit der anderen schubse ich die Kinder vor mir weg, um die Tiere besser sehen zu können. Die Rentiere machen am meisten Eindruck auf mich. Am Ende des Besuchs reite ich auf einem Elch und fühle mich wie damals zu der Zeit, als ich noch eine Jahreskarte für den Hagenbeck Zoo hatte, um die Sprache der Tiere zu lernen. Vor der Fahrt ins Hotel bummeln wir ein letztes Mal durch Södermalm. Das schwedische Nightlife interessiert nicht.
Aufstehen um 2 Uhr 30. Vier Stunden später erfahren wir am Flughafen Skavsta, dass wir erst den Flug in 24 Stunden nehmen können. Stille. Unsere Gelassenheit mag den Personen hinter uns unheimlich vorkommen. Also doch Vielflieger. Draußen regnet es, wir buchen ein Zimmer im nebenan liegenden Connect Hotel. Freitagmorgen landen wir am Flughafen Hahn und ziehen abends weiter nach Köln auf den 33sten von Boris und Judith. Um den Urlaubsrapport nicht ausufern zu lassen, ende ich die Tage mit dem letzten Highlight dieser Zeit: BAZOOKA ZIRKUS und KOTZREIZ in der Little Lounge in Neuwied…
(Christoph Parkinson)














