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Zu Gast #13: Sidney Beers “Sick and violent”

Montag, 06. September 2010

Sidney Beers

Er selbst nennt sich “Germany’s most hated Punkrocker”. Für viele Koblenzer gilt er wohl eher als “Deutschlands nervtötendste Pestpocke”. SIDNEY BEERS, ehemals Sid Nasty, ist mir erstmals vor circa elf Jahren begegnet. Ich befand mich gerade auf dem Weg zu meinem früheren Ausbildungsbetrieb, der Rhein-Mosel Verkehrsgesellschaft GmbH, als er mich vor der Mc Donalds-Filiale am Koblenzer Hauptbahnhof abfing und mich nach einer Mark anschnorrte. Ich zeigte ihm einen Vogel und antwortete: “Verpiss dich, du Heini!”. Anschließend ging ich zügig in mein Büro. Die Zeit drängte und ich hatte ich noch einige Besänftigungsschreiben an verärgerte Fahrgäste aufzusetzen. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wer von uns damals der größere Heini gewesen ist.

Sid begegnete ich in den darauf folgenden Jahren unzählige Male. Wenn er abends nicht auf dem Bahnhofsgelände, vorm Penny oder im Biergarten herumlag, lag er vor den Eingängen sämtlicher Jugendzentren dieser Welt im Delirium und versperrte verärgerten Konzertbesuchern den Weg. Dies hat sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich geändert. Aber inzwischen trifft man ihn zumindest häufiger auf diesen Konzerten vor oder, in ganz besonderen Momenten, sogar mit seiner Band, GANGBANG AND THE CUMSHOTS, auf der Bühne. Neben dem Musizieren übt er sich im Schreiben. Ziemlich sicher wird er nicht der neue Jack Ketchum, aber Typen, die “Beer” auf dem Bauch und “Bull-Shit” auf den Fingern tätowiert haben, gebe ich in Ausnahmefällen gerne die Möglichkeit, unsere Leser mit ganz besonderen lyrischen Ergüssen zu unterhalten.

(Christoph Parkinson)

Sidney Beers

“Sick and violent”

- Part I -

Die Sonne ging langsam unter. Vom Bolzplatz aus betrachtete Peter das romantische Schauspiel des großen, roten Feuerballs, der am Horizont versank. Er wusste, dass er sich beeilen muss. Er packte seinen Turnbeutel mit den Fußballsachen und rannte so schnell los, wie er konnte. Er verabschiedete sich nicht einmal von seinen Freunden – oder besser gesagt – von den Jungs mit denen er abhing. Denn richtige Freunde hatte er nicht. Die Anderen hielten ihn für einen seltsamen Freak und duldeten ihn lediglich in ihren Reihen, weil er ein guter Torwart war.

Er rannte über die alte Brücke, die ihn in Richtung des Waldes führte. Obwohl er ein guter Sportler und ziemlich fit war, keuchte er schwer. Aber er hatte keine Wahl, er musste richtig Gas geben. Plötzlich merkte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Er stürzte zu Boden und schürfte sich die Knie auf. Er rappelte sich langsam auf, verfluchte den Stein, über den er gestolpert war und setzte seinen Weg fort. Er musste unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit sein Ziel erreichen. Wäre er nicht gestürzt, hätte er es auch geschafft, aber seine Knie schmerzten und er konnte nicht mehr allzu schnell weiterrennen. Als er den Waldrand erreichte, war es bereits dunkel. Er ging durch den Wald und hatte eine Scheißangst. Er fürchtete sich nicht vor möglichen Monstern, Mördern oder wilden Tieren, die in diesem dichten, finsteren Wald auf ihn lauern könnten. Er fürchtete sich einzig und allein vor dem, was ihn in seinem trauten Heim erwartete.

Nach einiger Zeit erreichte er die kleine Blockhütte, die auf einer traurig anzusehenden, mit braunem Laub bedeckten, kleinen Lichtung stand. Er öffnete die Tür. Sie war nicht verschlossen – wer sollte in dieser gottverlassenen Gegend schon in eine Blockhütte einsteigen. Er trat aus der Dunkelheit des Waldes in die Dunkelheit der Hütte.

Sidney Beers

„Du bist zu spät“, tönte es aus der Finsternis. Der fünfzehnjährige Junge erschrak, als plötzlich sein Vater vor ihm stand und eine alte Öllampe anzündete. Peter wusste genau, wie es weitergehen würde: So wie immer, wenn er zu spät nach Hause kam oder sonst wie aus der Reihe tanzte. Sein Vater würde ihn anschreien und ihm ins Gesicht schlagen. Doch das machte Peter schon lange nichts mehr aus. Das Schlimmste kam erst danach. Sein Vater würde mit ihm in den Keller gehen. Dort würde er ihn ausziehen und ihm eine Maske aufsetzen. Die Maske, die er aus den Schädelknochen von Peters Mutter gemacht hatte, nachdem er sie sechs Jahre zuvor mit einer Axt in Stücke gehackt hat. Dann würde er ihm glühend heiße Stricknadeln ihn den After und die Harnröhre einführen und anschließend musste Peter sich am ganzen Körper mit Terpentin und einer Drahtbürste reinigen.

Für seinen Vater hatte dieses Ritual eine religiöse Bedeutung. Während er seinen Sohn folterte, zitierte er aus der Bibel und stellte ihm Fragen zu der heiligen Schrift. Wenn Peter diese falsch beantwortete, musste er zur Strafe Vaters verrottete Scheiße essen, welche im Keller zuhauf in nassen Leinenbeuteln gelagert war. Danach wurde er ohne Nachtisch ins Bett geschickt. Wie immer ließ Peter auch an diesem Tag alles über sich ergehen. Doch als er mitten in der Nacht aufgrund seiner grauenhafte Alpträume mal wieder vollgepisst erwachte, konnte er nur noch an eines denken: Rache.

Er zog sich an und schlich nach Draußen. Er ging in den Schuppen, den Vater auf Mutters zerhackter Leiche erbaut hatte. Er griff sich ein Gewehr aus Vaters Sammlung und ging zurück in die Hütte. Er betrat das Schlafzimmer und feuerte einen Schuss nach dem Anderen auf seinen schlafenden Erzeuger ab. Er nahm das gesamte Geld, das er finden konnte, und verließ diesen Ort des Grauens. Für immer. Da Peter nicht wusste, wo er hingehen sollte, schlief er diese Nacht unter der alten Brücke. Ein paar Penner wurden aufdringlich und wollten ihn beklauen. Er hielt ihnen kurz das Gewehr unter die Nase, woraufhin sie das Weite suchten. Dies rief natürlich auch die Polizei auf den Plan, welche kurz darauf mit fünf Mann Peters Nachtquartier stürmte. Nachdem er einem von ihnen den Schädel weggeblasen hatte, verbrachte er die nächsten zehn Jahre in einer geschlossenen Psychiatrie…

- Fortsetzung folgt (…vielleicht!) -

(Sidney Beers)

Zu Gast #12: Daniel Faust “Der Anhalter”

Donnerstag, 01. Juli 2010

Daniel Faust
Daniel Faust

Schauspiel und Sprechen. Daniel Faust aus Berlin – als Schauspieler ist er in Kinofilmen wie “Savage Love 666″ von Olaf Ittenbach oder “Fallacia” von Navina Clever und Paulina Wanat zu sehen. Der Radius seines gesamten Aktionsfeldes erfasst jedoch auch andere Bereiche, Formate und Tätigkeiten. Die Schlagwörter sind Theater, Fernsehen, Synchronisation, Hörspiel und Lesungen. Dass er als Sprecher zudem selbst Kurzgeschichten schreibt, verwundert weniger. Weitere Informationen und Kontaktdaten findet ihr auf seiner Homepage sowie auf der Internetpräsenz von seiner Agentur Weiber und Kerle. Also: Action!

(Christoph Parkinson)

Der Anhalter

Die Umrisse des Mannes waren nur schwer zu erkennen. Verwinkelt stand er an einer Waldesschneise und wartete trotz des starken Regens auf einen barmherzigen Autofahrer, der ihn wohl aus seiner einsamen Lage befreien sollte. Sichtlich erleichtert konnte ich ihn in dem tropfenbehangenen Rückspiegel auf mein Auto zueilen sehen.

„Hey Mister! Können sie mich nach Norwax mitnehmen?“
„Ja, ja, natürlich, steigen sie ein.“
Die feuchte und frische Abendluft schaffte es nicht den Gestank zu verbergen.

Im Radio lief ein Song von den Beatles. Gutes Gesprächsthema – dachte ich mir.

„Ja, ja, ist schon ne schlimme Sache mit John.“
„Was meinen sie?“
„Mit John, John Lennon meine ich. Den kennen sie doch, oder?“
„Nein, wer soll das sein? – Ein Politiker?“

Die monotone Stimme beunruhigte mich. War er besoffen, gar auf Droge, oder einfach nur total durchgeknallt? John Lennon, jedes Kind kennt ihn. Seit Tagen ist sein Bild aus keiner Zeitung, Talkshow oder Nachrichtensendung mehr wegzudenken. Die Tragödie überhaupt. Und dieser – nein das konnte nicht sein.

„Äh, wenn ich fragen darf, wo kommen sie denn her?“
„Ich habe einen sehr langen Weg hinter mir.“

Die spärliche Antwort beendete gekonnt mein Weiterfragen.

Norwax: 12 Meilen, stand auf einem Schild. Ich fühlte mich irgendwie bedroht. Und dann dieser Gestank. Was war es? Je länger er in meinem Auto saß, desto penetranter wurde der Geruch. Es war kein Alkohol. Ich öffnete das Fenster.

Er war unheimlich. Schaffte es irgendwie gleichgültige Ruhe und animalische Nervosität zu vereinen. Und dann dieser starre Blick.

Daniel Faust

Norwax: 8 Meilen. Dieses Scheißwetter. Ich schloss das Fenster. Schon wieder Beatles. Wer war dieser Kerl. Wo kam er her? Mitten in den Feldern, 20 Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt. Dann noch dieser Gestank, dieser Blick. Ich wurde nervös. Seine Hände lagen ruhig auf den angewinkelten Knien und doch schienen sie sich zu bewegen. Jede Sekunde bereit hochzuschnellen und zuzupacken! – Zu viele Horrorfilme gesehen. – Ich atmete tief durch und drehte das Radio lauter. „We´re all living in a yellow submarine“

Norwax: 5 Meilen

„So, gleich haben wir es geschafft.“

Mein Blick wechselte hektisch: Die Straße, sein Konterfei, die Straße, sein Konterfei. Ich erwartete eine Antwort, eine Reaktion. Starrer Blick… er bewegte ihn ganz langsam in meine Richtung. Nun schaute er mich an. Straße Augen Straße Augen.. sein Blick schien mich zu durchdringen. Straße Augen, Straße Augen.

Norwax: 2 Meilen

Erleichtert nahm ich das Schild wahr, und den seitlichen Anblick seines Gesichtes. Die Lichter kamen immer näher. Sahen wie eine richtige Kugel aus bei dem Regen, fast schon wie ein Ufo, oder so etwas. Das war Norwax. Gleissend hell schienen die Lichter nach einer dunklen Fahrt. Sie blendeten fast.

„Dort vorne halten.“

Der unfreundliche Ton störte mich in keiner Weise mehr. Ich war erleichtert. Der Gestank schien ebenfalls verschwunden zu sein. Ich bemerkte es erst jetzt.

„Ciao, du bekloppter Typ“, dachte ich mir und schaute dabei noch einmal in den Rückspiegel. Autsch!“

Ein Blitz? Ein Wetterleuchten? Ich kniff die Augen zusammen, schüttelte kurz den Kopf. Verwirrung… Ich fuhr weiter.

Ende

(Daniel Faust)

Zu Gast #11: Psycho Jones und die Hellseher von Neu-Usbekistan

Sonntag, 30. Mai 2010

Als DJ ist Psycho Jones den meisten höchstwahrscheinlich bereits in einem Club in der Bundesrepublik begegnet. Bevorzugt im Auftrag des schlechten Geschmacks, zieht er mit riesigen Pappfiguren, Büsten, alten Konsolen und sonstigem an bizarrer Deko durch die Läden des Landes und haut auf die Pauke. Und zumindest in Mainz oder in Koblenz kommt man seit Jahren nicht mehr an ihm vorbei, wenn man sich in den Ausgang begibt. Als Haus-DJ des Redcat Clubs oder des Circus Maximus hat er sich vor Jahren mit seinen Partyreihen etabliert. “Die Musik ist (hierbei) nur eine Facette eines Auftrittes. Vielmehr geht es um Stimmungen, Interaktion, Individualität und Kreativität” (Redcat Club).

Manche Kritiker bezeichnen ihn als den rheinländischen Über-DJ BOBO, andere als ein Phänomen, als einen Botschafter der eleganten Skurrilität – oder gar als ein Gesamtkunstwerk. Wie man ihn auch nimmt: Psycho Jones ist für die Ewigkeit und er polarisiert, während sich ein anderer DJ höchstens nur den Pimmel rasiert, um dann wieder in Schall und Rauch zu verschwinden. Als Autor von nicht minder skurrilen Kurzgeschichten kennen ihn die Wenigsten. Damit sich das bald ändert, habe ich ihn als Gastschreiber für den Furious Clarity Blog gewinnen können. Für das nächste Mal wünsche ich mir ein Kuriositätenbattle zwischen ihm und HC Roth.

(Christoph Parkinson)

Die Hellseher von Neu-Usbekistan

Epilogum: Zeit ist wie Kaugummi: zäh, klebrig und dehnbar

1. KAPITEL: Einzelkämpferausbildung in der Vollkorntundra

Die Sonne stichelt mit ihren von Gott gegebenen Strahlen alles Lebendige und Halbtote bis zur Ausdunstung. Nur die Kakteen sind Dank einem Spaß der Evolution dagegen gewappnet und schützen ihre Harnblasen mit ihren giftbetuchten Dornen vor dem unsichtbaren Ultraviolett-Stilett-Killer. Auch der Trockenfisch hat sich im Laufe der Övulotion dieser heimtückischen ekologischen Nische angepasst, wie kaum ein anderer. Er bewegt sich so gut wie gar nicht und hält sich seit Jahrmillionen in den ausgetrockneten Nebenarmen der Schwesterflüsse Wolga & Wodga und deren großen Bruder Gorbatschowa Magdalena auf. Er nutzt das nicht fließende Wasser aus, welches schon gar nicht vorhanden ist, er schwimmt einfach durch die Luft. Ihm reicht die Vorstellung, das Wasser sei unsichtbar. Das ist vielleicht ein Spaß, wie im Trickfilm. Alle anderen halten einen für übernatürlich, obwohl man nur Haut und Knochen ist. Daher der Name: Trockenfisch.

Bei genauerem Betrachten sind alle Trockenfische einfach nur tot und bis auf die Gräten abgenagt, von Einzellern, die so klein sind, dass die Sonne sie mit bloßem Auge nicht sehen und somit auch nicht verdunsten kann, denn was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Die Mikrofaserbazillen bilden eine ledrige Schmierhaut um das Skelett der Trockenfische und das konserviert ungemein. Und lange wusste man nichts von ihnen und ihrer Symbiose mit den Trockenfischskeletten. Da der eine symbiontische Partner bereits tot ist, spricht man auch von actopassiver, necrophilogener Symbiose.

Ein anderes einheimisches Mistvieh ist der Gugelhupfzipper, ein diaphragmatisches Schalentier. Er hat eine Länge und Breite von circa hundert Metern, ist aber nur bis zu zwei Zentimetern hoch. Wenn ein potentielles Opfer unachtsam über ihn drüber läuft, rollt er sich einfach zusammen, wie eine türkische Pizza und stößt stoßweise violette, chlor- und zellophanhaltige, stark übel riechende Verdauungssekrete aus, die das Beutetier rückstandslos absorbieren. Somit braucht der Gugelhupfzipper auch keine Zähne, wird daher nie an Externextremkaries leiden. Ein äußerst beeindruckendes Spektakel ist die Brunft- und Paarungszeit der Zipper. Da treffen sich ganze Horden, um sich in wilden Exzessen ganz ihrer Fortpflanzung zu widmen, worunter die Landschaft in der Regel leidet. Regeln gibt es dabei nicht, es passiert einfach. Von Spionagesatelliten aus wirkt das ganze wie interkontinentale Pfannekuchen- oder Omelettewettrennen.

Doch bis dahin dauert es noch einige Monate und ein extrem fortpflanzungsbewusstes Männchen lauert dennoch auf seine Beute: „ Ein Zweibeiner, menno, ist doch nur ‘ne Vorspeise, warum nicht mal wieder ‘ne Kaffernbüffelherde?!“ Diesen Gedanken nimmt das potentielle Opfer natürlich wahr. Er ist halb Kasache halb Usbeke, was so einiges erklärt. Als er genau in der geographischen Mitte des mit Steppenstaub bestäubten Zippers steht, beginnt das Tier sich reflexartig zu einem Zyklopenjoint zusammenzurollen. Der Kas-Beke bleibt ganz gelassen, zieht etwas aus seinem kunstledrigen Handtäschchen und faltet es auseinander und siehe da, es sind diagonal angeordnete Bohnenstangen, an deren Spitzen wild rotierende Rasiermesser wüten.

Der Gugelhupfzipper kann nun seine Reflexbewegung nicht mehr anhalten und wird dadurch zu einer Art riesigen Landseestern verarbeitet und wird sich so sicher nicht mehr paaren können, da die Zipperkühe ihn so nicht als ihren Hirsch akzeptieren wollen. „Das war schon ganz gut, Stift! Das nächste Mal üben wir Geschnetzeltes und dann, wenn du bereit bist auch das pürieren!“ Papa Ahab ist sichtlich zufrieden mit seinem Lehrling.

2. KAPITEL: Der Balalaika-Guru stirbt

Ein Getöse wie von tausend applaudierenden Fans & im Hintergrund herrscht Totenstille bis zum geht nicht mehr. Doch das Geklatsche hört nicht auf, aber wer ganz genau hinhört nimmt das ständig daseiende Schweigen der wülstigen Stille war, die sich immer mehr in den Vordergrund wölbt. Plötzlich endet der Applaus in einer Erwartung, aber auch die drüsenschwelgende Totenstille hat ein jähes Ende. Er zückt die Balalaika, er, der Er. Die Masse erigiert ohne einen Ton der Freude oder auch nur ein wenig schnippend zu schweigen. Ein Akkord dringt von der Seite der toten Materie in das, was wir so salopp die Realität nennen.

„Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, denkt ein dahergelaufener Usbeke. Ein Mann neben ihm ist empört über diesen unwirschen Zwischengedanken, traut sich aber nicht das laut zu sagen und damit seine magischen, telepathischen Fähigkeiten zuzugeben, da sie ihn sonst alle auslachen, peinigen und dann steinigen. Der pulsaufreibende Akkord treibt das Fett aus den Hautporen und reinigt Rußverpfropfungen in dem venösen Wirrwarr in jedem der huldigenden Pilger. Nur Ungläubige sterben noch an Herzinfarkt. Die Massen schwelgen in Ejakulat eiternd vor Hautfreude. Der Akkord endet abrupt und 60 Prozent der Pilger lösen sich vor Trauer in Schweiß und Pusteln auf, die verbliebenen 27 Prozent fangen an veterinär zu jammern bis in die blauangelaufenen Morgenstunden.

Der Balalaika-Guru ist gestorben, an Externextremkaries. „Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, denkt der dahergelaufene Usbeke. Der Mann neben ihm ist empört über diesen unwirschen Zwischengedanken, traut sich aber nicht das laut zu sagen und damit seine magischen, telepathischen Fähigkeiten zuzugeben, da sie ihn sonst alle auslachen, peinigen und dann steinigen. Er ist auf der Stelle mundtot. Der busbekische FBI war ihm schon lange auf den Fersen und diesen Gedanken zweimal zu haben, war sein größter Fehler, wenn man nur aus Fehlern lernen könnte. „Ich hab’s die ganze Zeit gewusst!“, prahlt der Hellseher daneben sich selbst vor und steckt sich die übriggebliebene Balalaika in seine am Bauch befindliche faltendurchzogene Hautwulsttasche, in der außer der Bauchnabelflora auch noch ein extendierender Schwarzmarkt prächtig gedeiht….

(Psycho Jones)

Zu Gast #10: Madmoiselle Krokett – “Nur die Knarre löst die Starre?!”

Mittwoch, 26. Mai 2010

Madmoiselle Krokett

Die einzig wahre Karla Kolumna in unserem Business ist Madmoiselle Krokett aus Köln. Zwar darf sie sich – im Gegensatz zu dem Großteil der anderen bisherigen Gastschreiber auf dieser Seite – nicht offiziell als Buchautorin schimpfen, aber dafür füllt sie die wichtigeren Rubriken diverser Tageszeitungen. Das Handwerk des Schreibens beherrscht sie. Und als FCZ-Leserin der ersten Stunde weiß sie besonders, welche Texte uns zwar gefallen, aber welche wir vermutlich dennoch nicht schreiben würden. Demzufolge lobe ich es mir sehr, dass sie sich in ihrem ersten Beitrag mit verschiedenem deutschen Filmmaterial über die RAF auseinandersetzt.

(Christoph Parkinson)

Nur die Knarre löst die Starre?! Gute und schlechte Filme über die RAF

Wie jedes Jahr im Mai, pünktlich zu diversen historischen RAF-Jahrestagen, überschwemmen uns die Fernsehsender alle Jahre wieder mit Doku- und Spielfilmen über die Rote Armee Fraktion. Das mediale Procedere dehnt sich dann meist bis zum September aus, die Jahrestage des sogenannten „deutschen Herbstes“ von 1977 werden selbstverständlich ebenfalls bis zum Erbrechen durchexerziert.

Hauptprotagonisten und Zeitzeugen der Dokumentarfilme sind meist die ewig gleichen Spießgesellen: Allen voran Peter-Jürgen Book, Mitglied der zweiten RAF Generation und mittlerweile Johannes-B. Kerner-Zeitzeugenhure, gefolgt von der ehemaligen Grünen Politikerin und Meinhof-Biographin Jutta Dittfurth und Ex-Spiegel Chef Stefan Aust. Gleiches gilt für die Schauspieler, die für die Verfilmungen diverser RAF Stoffe engagiert werden. Hier gilt anscheinend einfach alles zu nehmen, was München und Bernd Eichinger zu bieten haben. Dabei wurden in den letzten Jahrzehnten wirklich gute Dokus und Spielfilme zu diesem Thema gedreht, aus ungewöhnlichen Perspektiven und mit interessanten Gesprächspartnern.

Mein absoluter Lieblingsfilm und für mich immer noch unübertroffen ist der Zweiteiler „Todesspiel“. Der von Heinrich Breloer gedrehte Film ist 1997 erschienen und eine Mischung aus Doku und Spielfilm. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Ereignisse im Herbst 1977. Die Freipressung von Meinhof, Ensslin, Baader und Meins aus dem Stammheimer Knast durch die Entführung des Arbeitgeber Präsidenten Hans Martin Schleyer und der deutschen Urlauber Maschine „Landshut“, sind die zwei großen Ereignisse, die der Dokufilm einfängt.

Als Zeitzeugen konnte Heinrich Breloer auf hochkarätige Gesprächspartner zurückgreifen: Ex-Kanzler Helmut Schmidt, der damalige BKA Präsident Horst Herold und GSG 9 Gründer Ulrich Wegener gewähren interessante Einblicke in die Arbeit des Staates und vertuschen auch nicht die Härte der BRD. Auf Seiten der RAF spricht – wie sollte es anders sein – Peter Jürgen Book und außerdem weibliche Mitglieder der zweiten RAF Generation. Alle Interviewpartner gehen dort selbstkritisch mit sich ins Gericht. Auf Seiten der Opfer kommt Traude Schleyer, die betroffene Flugbegleiter Crew und Passagiere der entführten Urlaubermaschine, zu Wort. Heinrich Breloer verzichtet komplett auf jeden Pathos, trotzdem lassen einen die Aussagen nicht kalt.

Der Film besteht aus zwei Teilen: „Volksgefängnis“, hier steht die Schleyer Entführung im Mittelpunkt. Im zweiten Teil „Landshut“ ist es die Flugzeugentführung, die die Handlung bestimmt. Beide Teile sind wirklich großartig und absolut sehenswert. Jeder der sich zumindest schon mal am Rande mit der RAF beschäftigt hat, erfährt hier wirklich mal was Neues. Großartig und unterhaltsam gespielt ist das Ganze auch noch. Unbedingt ansehen!

Weniger empfehlenswert ist dagegen „Der Baader Meinhof Komplex“. Mühsam hat Bernd Eichinger hier versucht einfach mal ALLE Zusammenhänge der 60er/70er Jahre in einen Spielfilm zu pressen. Der Film ist wirklich nur was für Dumpfbacken, die sich noch nie mit den geschichtlichen Zusammenhängen der letzten 50 Jahre beschäftigt haben. Oder für Leute, die mit schlimmen „Prada Meinhof“ Shirts herumrennen und sich damit für total witzig halten.

Der Film beginnt beim Schah-Besuch 1967 und endet mit dem Tod der Stammheimer Insassen. Dazwischen wird in 150 Minuten alles gequetscht, was in den 10 Jahren irgendwie eine politische und gesellschaftliche Bedeutung hatte: Studentenunruhen, freie Liebe, Radikalisierung der Studentenbewegung, Entstehung der RAF, Diskussionen im BKA, Diskussionen mit Schmidt, undsoweiterundsofort…

Dagegen ist „Black Box BRD“ aus dem Jahr 2001 eine Wohltat. Der Dokumentarfilm von Regisseur Andres Veiel lief vor neun Jahren in Programmkinos. Im Mittelpunkt der Handlung stehen ausnahmsweise mal nicht Baader, Meinhof und Co. Der Fokus liegt auf Wolfgang Grams, Führungsfigur der dritten und damit letzten offiziellen RAF Generation, und deren prominentesten Opfer, Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Das Ganze spielt im Jahr 1989. Die Biografien der beiden Hauptfiguren werden anhand der Aussagen von Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten, nachgezeichnet. Sehr seltene Originalaufnahmen, auch aus privaten Sammlungen, zeichnen ein Bild von Herrhausen und Grams, das einem zu dem Entschluss kommen lässt, dass die beiden fast so etwas wie Gemeinsamkeiten hatten.

Sowieso war dieser Film für mich der Wendepunkt in meiner persönlichen Sicht auf die RAF. Nach meiner jahrelangen, naiven Begeisterung für die Radikalität der RAF (”…nur die Knarre löst die Starre… hö, hö, hö…“), rückte „Black Box BRD“ für mich im Nachhinein einiges gerade. Der Film zeigt, dass Herrhausen zwar, aus „Sicht der RAF das richtige Amt inne hatte“, aber professionell und ethisch definitiv nicht zu den Hardlinern sozialer Ungerechtigkeit zählte. Sowieso ist das große Plus des Films, dass er eine ganz andere Zeit einfängt als die üblichen RAF Filme. Linke Radikalität in den späten Achtzigern war eben eine andere als in den politisch bewegten siebziger Jahren. Für alle, die das Thema “Rote Armee Fraktion” nicht nur oberflächlich interessiert, ist der Film ein absolutes MUSS.

Zu guter Letzt möchte ich euch noch einen weiteren Spielfilm ans Herz legen, den ich hier allerdings aus Platzgründen nicht weiter besprechen kann. Das gute Stück aus dem Jahr 1981 heißt „Die bleierne Zeit“ und wurde von der Regisseurin Margarethe von Trotta in Szene gesetzt. Es geht um Gudrun Ensslin, ihre Jugend im Schwabenländle und ihr Weg in die Radikalität (die vielleicht zwangsläufig kommt, wenn man bei den Schwaben groß wird). Da Ensslin als die ambivalenteste Persönlichkeit der Gründergeneration gilt, gibt der Film wahnsinnig viele Facetten preis.

Bleibt mir zum Schluss nur noch zu sagen: Wer gute Dokus oder Spielfilme über die Rote Armee Fraktion sehen will, sollte lieber auf etwas älteres Material zurückgreifen. Alles was seit dem Jahr 2001 gedreht wurde, ist meist einfach nur banaler Schrott!

(Madmoiselle Krokett)

Zu Gast #9: HC ROTH wird verflucht!

Dienstag, 18. Mai 2010

HC Roth

Am 20. Mai erscheint das zweite Buch von meinem Ox-Kollegen HC Roth aus Graz. Es trägt den Titel “Wie ich verflucht wurde und die Zeit still stand – ein Heavy-Metal-Märchen” und erscheint über den EditionPaperONE-Verlag, über den ihr das 116-seitige Werk für 9,95€ bestellen könnt. Zwei Tage vor der offiziellen Veröffentlichung findet ihr einen ersten Appetithappen auf unserem Blog. Also, Trüffeleinfahrt auf, LSD rein und viel Spaß im Geäst!

(Christoph Parkinson)

Ich versuche mich loszureißen, loszureißen von den Vögeln da oben am Himmel, von all den Wildgänsen, Tauben, Störchen, wie sie da einfach so am Himmel kleben, ähnlich dem weihnachtlichen Window Color am Kindergartenfenster, unbeweglich wie diese bewaffneten Typen in ihren roten Uniformen und den lustigen Hüten oben auf ihren von regungslosen Gesichtern gezeichneten Köpfen, die da vor dem Haus, Schloss, Palast oder wie man das halt nennt, stehen, in welchem diese alte Lady, Queen oder wie sie halt heißt, wie sie halt genannt wird, wohnt. Ich versuche, schlau aus all dem zu werden, aus den still stehenden Booten dort unten am Lago Di Sparta, wie sie da alle, ohne nur die geringste Regung zu zeigen, daliegen wie Mexikaner und Mexikanerinnen bei ihrer täglichen Siesta. Ich blicke einmal mehr auf die Uhr, wie sie da stehen geblieben zu sein scheint, wie sich ihre Zeiger eine Ruhepause gönnen, der dünne große, der dicke große und der lethargische kleine.

Ich versuche zu verhindern, dass ich selbst in eben diese Starre falle, in diese Bewegungslosigkeit, versuche zu verhindern, dass ich selbst diesem Stillstand, welcher hier um sich gegriffen zu haben scheint, zum Opfer falle. Schnell wie ein Solo von einem der frühen METALLICA-Alben verlasse ich den Platz, auf dem hier ich stehe, laufe zurück auf den Weg, vorbei an der Hütte, welcher ich einen verächtlichen, beinahe schon hasserfüllten Blick zuwerfe, dieser furchtbaren, übel eingerichteten, übel riechenden Hütte, laufe los in den Wald, direkt in den Wald. Irgendetwas zieht mich dort hinein, hinein in diesen Wald, zieht mich an wie ein Magnet, zieht mich an wie der Schnaps seinerzeit Harald Juhnke, wie Romeo Julia, wie Siegfried Roy, treibt mich in den Wald wie die Hunde der reichen Briten Jahr für Jahr die Füchse, bevor diese sie auf ihren hohen Rossen sitzend abknallen wie andere die Vögel oben am Himmel, auch wenn das heute fast unfair wäre, weil die Vögel sich ja nicht bewegen, treibt mich wie der weiße Tiger Siegfried und Roy.

Ich laufe in den Wald, laufe schnell, als würde ich verfolgt werden, als wäre ich der Fuchs, welcher auserkoren ist, erschossen zu werden wie ein Vogel, als wäre ich Siegfried, als wäre ich Roy auf der Flucht vor dem weißen Tiger. Ich laufe, auf mich selbst entschlossen wirkend, laufe mit einer derartigen Entschlossenheit, als würde ich wissen, warum ich so laufe, als würde ich wissen, was mich dort erwartet, drinnen in den Tiefen dieses Waldes. Ich laufe und laufe, laufe vorbei an Hasen, welche gerade zum Sprung angesetzt haben und dabei festgefroren zu sein scheinen, laufe vorbei an Babyfüchsen, in deren zartes Genick sich die erbarmungslosen Krallen eines erbarmungslosen Adlers bohren, welcher halb in der Luft hängt, die Flügel halb ausgebreitet, vorbereitet wieder wegzufliegen, abzuheben in den klaren Himmel hoch über dem Wald hoch oben am Monte Baldrian. Ich laufe vorbei an einem kleinen, braunen Eichhörnen mit lustigen Zähnen und buschigem Schwanz, welches ganz offensichtlich fröhlich und ausgelassen wie der Karneval in Köln von einem Baumast zum nächsten Baumast hüpfen wollte, ehe alles stehen geblieben ist, die Zeit scheinbar angehalten wurde.

Ich laufe und laufe, laufe immer dem Weg entlang, immer tiefer in den Wald hinein, es wird immer dunkler und dunkler, die stehengebliebene Sonne verschwindet hinter Bäumen, die höher und höher werden. Ich höre keine Geräusche, nehme nicht die üblichen Klänge des Waldes wahr, kein Rascheln der Blätter, kein Rascheln beim Auftreten, beim Berühren der Füße des laubbedeckten Waldbodens, keine zirpenden Insekten, keine singenden Vögel, keine jagenden Jäger, keine erschossenwerdenden Füchse, keine Angstschreie ausstoßenden Rehe, keine sterbenden Mütter von Bambi, keine sich liebenden Liebespärchen, wie sie da nackig im Geäst liegen, Sachen machend, die man als anständiger, halbwegs moralisch denkender Mensch nicht macht, draußen im öffentlich zugänglichen Ambiente eines Waldes, Sachen die man nur zu Hause macht, im geräumigen Schlafzimmer, dort im geräumigen Mietwohnblock, am besten im geräumigen Doppelbett aus dem geräumigen Schwedenmarkt.

Irgendwann – ich weiß nicht wie lange ich nun schon laufe, die Zeiger meiner Uhr, der dicke große, der dünne große und der kleine fette wollen es mir ja nicht sagen, schweigen wie die Mönche im von der chinesischen Regierung erzwungenen exil-tibetanischen Schweigeorden – bleibe ich stehen. Ich bleibe mit einer solchen Entschlossenheit, einer solchen Überzeugtheit stehen, als wüsste ich, warum ich eigentlich stehen bleibe, als wüssten meine Beine, warum sie eigentlich stehen bleiben, gerade hier stehen bleiben, an dieser Waldstelle, die aussieht wie alle anderen Waldstellen auch: Hohe Bäume, niedrige Bäume, ein paar Nadel-, ein paar Laubbäume, diverses Buschwerk, Walderdbeeren, Pilze, giftig, ungiftig, halluzinogen, Geäst und Blattwerk tummeln sich neben Gestein im erdigen Dreck eines Waldbodens.

An solch einer unscheinbaren, absolut verwechselbaren Stelle, mitten in diesem unscheinbaren, absolut verwechselbaren Wald halte ich, bleibe ich stehen vor einem Körper, der da regungslos auf dem Boden liegt, eingebettet in ein Meer aus Laub, über ihm ragen die Wipfel der Bäume mächtig in den Himmel. Es handelt sich um einen männlichen Körper, einen nackten männlichen Körper, einen ganz offensichtlich toten, nackten, männlichen Körper. Um einen Körper, von Blut überströmt, übersät mit klaffenden Wunden, ein Körper voller Abschürfungen und Kratzspuren, blutend und eitrig wie mein eigener. Ein Körper, gezeichnet von einem Kampf, einem offensichtlich brutalen, grauenvollen, unermesslich brutalen, unfassbar grauenvollen Kampf.

Während meine Augen noch auf all das Blut und all die Löcher und Narben auf diesem ansonsten makellosen, wunderschönen, adonishaften, fast schon knabenhaft reinen Körper starre, bewegt sich meine rechte Hand geführt von meinem rechten Arm auf den Körper zu, meine Knie beugen sich, mein Oberkörper neigt sich nach vorne, um Arm und Hand das Berühren des toten, nackten Männerkörpers zu erleichtern. Rechte Hand, rechter Arm, beide Knie sowie mein Oberkörper erwecken den Eindruck, als wüssten sie ganz genau, was sie hier und jetzt zu tun im Begriff sind, als wäre das alles abgesprochen, eine seit vielen, vielen Jahren tagtäglich vollzogene Handlung, so selbstverständlich wie das morgendliche Aufbrühen eines Espressos. Ich selbst sowie mein von mir konsultierter Verstand haben nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich geht, was wir hier eigentlich tun, warum wir das tun, wissen nicht, warum dieser Mann hier liegt, warum er tot ist, wer er ist und was wir mit ihm zu tun haben, was ich mit ihm zu tun habe, ob sein Tod in unserer, in meiner Verantwortung liegt.

Mein Verstand und ich, wir werfen uns ratlose Blicke zu – sofern man halt einem Verstand etwas zuwerfen kann, einen Blick zum Beispiel – während mein rechter Arm meine rechte Hand zum Mund des toten Mannes führt, als sich plötzlich auch die linke Hand einschaltet, welche geführt vom linken Arm am Geschehen teilnimmt, das bartlose Kinn des Mannes packt, den ebenso unbehaarten Unterkiefer des Mannes, welcher ohnehin kein einziges Haar an seinem Körper trägt – nicht am Kopf, nicht im Gesicht, nicht unter den Achseln, nicht auf der Brust, nicht zwischen den Beinen, dort wo der riesige Penis schlaff herunterhängt, nein nicht einmal am Rücken – umschließt diesen mit allen fünf Fingern, kippt ihn nach unten, um so den Mund des Mannes zu öffnen – die Haut ist geschmeidig und sanft wie die eines Babys – als plötzlich die rechte Hand wieder die Leitung des Geschehens übernimmt, in den Mund greift, vom rechten Arm weit in den glitschig-nassen Rachen geschoben wird, dorthin, wo die fünf Finger dieser Hand die Zunge umfassen, diese mit einem gewaltigen Ruck wegreißen, die Hand zurück heraus fährt, die blassrosa Zunge auf den dunklen, weichen Waldboden wirft, in welchem sich in dem Moment, in dem die Zunge aufschlägt – deren Farbe sich genau in diesem Moment, kurz vor dem Aufschlag in ein dunkles, fades Grau verwandelt – ein Loch, eine Öffnung auftut.

Das Loch wird größer und größer, die Zunge streckt sich hinunter in die Tiefe, wird länger und länger, bekommt einen Knick, einen zweiten, einen dritten, aus den Knicken werden Stufen, aus der Zunge entsteht eine Treppe, das glitschige rosa Sprechorgan verwandelt sich langsam in dunklen, grauen Stein, in eine Treppe aus dunklem, grauen, harten Stein. Eine Treppe, die tief in dieses Loch hineinführt, dieses Loch, das sich dort im von reichlich Laub bedeckten Waldboden aufgetan hat.

Bevor mein Körper jedoch den ersten Fuß auf die oberste Stufe, auf die glattgeschmirgelte Steinoberfläche, auf das, was früher einmal die Zunge eines nunmehr toten Mannes gewesen ist, setzen kann, um mich – der ich nicht die geringste Ahnung habe, was hier eigentlich vor sich geht und warum mein Körper sehr wohl zu wissen scheint, was er denn nun zu tun hat – nach unten zu befördern, spüre ich, wie der rechte Arm wieder inmitten des toten Körpers steckt, wie der glitschig-nasse Rachen durchquert wird, meine Hand irgendwo in der – schätzungsweise – Magengegend herumwühlt, genau so wie es all die Massen shoppingbesessener, konsumgeiler Teenager samstagnachmittags im Shoppingcenter draußen am Rande der Stadt in irgendwelchen Unterwäschebergen zu tun lieben, wie die Finger wiederum etwas umfassen, wie der Arm die Hand herauszieht, meine von Blut, Speiseresten, Magenflüssigkeit und Speichel umhüllte Hand vor meine Augen führt und diese plötzlich wie für mich unerwartet eine Schriftrolle aus gelblichem, beinahe schon vergilbten Papier erblicken…

(HC Roth)

Zu Gast #8: Moses A. “New York City Hardcore”

Samstag, 10. April 2010

Moses A. ist der Inkinator

Lange habe ich von Moses nichts mehr gehört und nun liegt sein zweites Buch “New York City Hardcore” in meinem Briefkasten. Dass er dieses Buch schreiben wird, hat er bereits 1998 in seinem Debüt-Roman “Chaostage” angekündigt. Daran geglaubt habe ich schon länger nicht mehr. Aber für Überraschungen ist Moses schon immer gut gewesen. Und auch der Inhalt überrascht – besonders im Hinblick auf den Buchtitel. Die Story zeugt von Kreativität, der Schreibstil gefällt sowieso. Insbesondere die gelungenen Dialoge stechen heraus. Eine differenziertere Rezension erscheint im Ox #90. Bestellen könnt ihr das empfehlenswerte “deutsche Endzeit”-Werk unter anderem über die Homepage http://www.newyorkcityhardcore.de. Viel Spaß schon mal mit dem folgenden Auszug, der einen kleinen, aber nicht unbedingt repräsentativen Vorgeschmack gibt.

(Christoph Parkinson)

“…Das Wetter war herrlich. Die Sonne strahlte. Sie hatten den Tag am Strand mit Kite-Surfen verbracht und genossen während der Fahrt im offenen Jeep ein kaltes San Miguel.

Marc saß am Steuer und kümmerte sich nicht um irgendwelche Promillegrenzen oder Drogenscreenings. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, G.I.s wurden nicht kontrolliert. Vom Atlantik wehte ein erfrischender warmer Wind. Marc hatte die Küstenstraße FV1 gewählt, an Puerto Del Rosario vorbei dann weiter auf der FV2, die bis in den Tiefen Süden nach Morro Jable führte. Eine herrliche Strecke. Marc fuhr einfach aus purer Lust am Fahren und der herrlichen Landschaft wegen. Auf der linken Seite lag der Atlantik in allen Farben. Die Wellen mit den weißen Schaumkronen brandeten an eine einmalige, phantastische, wüstenhafte Strand- und Dünenlandschaft. Auf der anderen Seite die kahlen erloschenen Vulkane, bar jeglicher Vegetation.

Die Fahrt in den Süden hatte einen weiteren Grund. Er brauchte Abwechslung. Die kleine Chinesin aus New York sollte in Morro Jable untergekommen sein. Sie vertrieb sich, wie sie es selbst beschrieb, die vier Wochen Rehabilitation mit Glückspiel, Drogen und billigem Sex. Das Mädchen war ihm sympathisch. Sollte sich da etwa eine ernsthafte Beziehung anbahnen? Er könnte ohne Probleme ihr Vater sein. Marc hing seinen Gedanken nach und genoss die Fahrt hinter seiner 70er Jahre Spiegelglas-Sonnenbrille. Aus den Boxen tönte „Atomkrieg jetzt“. Ein deutschsprachiger Hatecoresong allererster Kajüte.

„Halt mal an“, brüllte ihm Kowalski ins Ohr, als sie an der Punta Culo de la Botija angekommen waren. Von hier hatten sie einen Wahnsinnsausblick auf das Meer und die untergehende Sonne. Es war einer dieser magischen Momente. Auf der Pritsche eine Palette Sapporo und im Süden keine 30 Kilometer entfernt Morro Jable, ein weiterer Sündenpfuhl wie aus einem Pasolini Film. Sie waren Freibeuter der Neuzeit. Völlig legal konnten sie im GMT Leute töten und Beute machen. Dafür gab es dann auch noch Orden und Prämien. Das Recht war auf ihrer Seite, das Leben könnte nicht schöner sein.

New York City Hardcore

„Wie konnte Hardcore eigentlich von den Nazis übernommen werden?“
„Kowalski, du nervst“, antwortete Marc mit einem dicker werdenden Hals und rotem Kopf, nachdem auch dieser magische Moment durch seinen Mitreisenden ausgeknipst worden war.
„Du hast eindeutig einen an der Waffel. Wo liegt eigentlich dein Problem? Wir haben hier den besten Ausblick auf der ganzen Insel, auf der ganzen Welt und du fängst wieder mit deiner dämlichen längst vergessenen Jugendbewegung an. Das ist langsam echt nicht mehr witzig. Willst du mich eigentlich verarschen?“

Marc machte eine kurze Pause und sah Kowalski strafend an, um langsam und eindringlich mit übertrieben hypnotischer Stimme fortzufahren.

„Wir kommen gerade vom geilsten Trip dieses Urlaubs, haben noch eine richtig coole Sause vor und du fängst wieder mit diesen alten Kamellen an. Verdammt. Hardcore ist nichts weiter, als von ein paar Pfadfindern zu ernst genommener Punkrock. Verstehst du? Zuwenig Humor, zuviel Pathos.“ Sein Kopf war nicht mehr rot. Er fuhr ruhig, die Einzelbuchstaben betonend, fort. „P U N K, nur ohne Humor. Deppen wie du haben dafür gesorgt, dass sich in der spaßfreien Straight Edge Zone Nationalsozialisten ausbreiten und ihre hohlen Phrasen verbreiten konnten.“

Kowalski nahm die übliche Schimpfkanonande, die er schon dutzende Male über sich hatte ergehen lassen, nur als ein rauschendes Störgeräusch aus dem Off wahr. Er erwartete eigentlich gar keine Antwort von Marc und schaltete in diesen Momenten komplett ab. Er schwebte in höheren Sphären. Dieses Leben war ihm zu oberflächlich. Er fühlte sich leer. Wo war das heilige Gefühl, an einer besseren Welt mitzuarbeiten, geblieben.

„Pass auf, mein Sohn. Die Sache ist ganz einfach. Hardcore war dagegen. Außerdem wurden diffuse Gefühle wie jugendlich, pubertäre Verzweiflung an dieser bösen, bösen Welt, Teenagerrebellion und so weiter zelebriert. Eigenschaften wie Zusammenhalt, Kameradschaft, Treue wurden besungen.“
„Wenn du bei Ebay Socken ersteigerst, was gibst du für einen Suchbegriff ein?“
„Socken.“
„Einfach nur Socken?“
„Oder Adidas Socken. Leider habt ihr Trottel vergessen, dass Hardcore von jeder politischen Richtung vereinnahmt werden kann. Genau an diesem Punkt haben die Nazis angesetzt. Die Antwort auf eine gesellschaftliche Alternative wurde von Hardcore nie in Form eines politischen Manifests gegeben. Außer von Steinzeitkommunisten wie SEEIN RED, oder anderen phantasielosen Lehrertypen vielleicht. Wenn das Pol Pot gewußt hätte.“
„Von woher wurden die Tennissocken denn geschickt?“
„Kanada. Im Grunde war Hardcore viel zu groß, stand weit über Politik war die Weiterentwicklung aller bisher …”

(Moses A.)

Zu Gast #7: Daniel Tereks “Kinderquatsch mit Anne”

Donnerstag, 11. März 2010

Der Weltenmampfer

Ausgewählte Autoren, die bisher unter anderem für das Buchmagazin “The Punchliner” geschrieben haben, veröffentlichen in einer speziellen, vom Verlag Andreas Reiffer herausgebenen Edition, Einzelwerke. Zu den Autoren gehören bisher Frank Pichelstein Bröker (”verschwINDIEN”), Axel Klingenberg (”Döner mit Braunkohl und Bier. Das Braunschweig-Buch”), Hauke Trustorff (”Die Schändung mit der Maus”) und eben Daniel Terek. Einer meiner Lieblingstexte aus seinem Debüt, “Der Weltenmampfer”, ist “Kinderquatsch mit Anne”. Ich freue mich, euch diesen auf unserem Blog präsentieren zu können, und lege euch den Kauf des gesamten Werkes nahe – das und die anderen erwähnten Bücher, bestellt ihr bei Bedarf am besten direkt über den Verlag.

(Christoph Parkinson)

Wer schon mal ein Baby in freier Wildbahn beobachtet hat, dem werden die Unterschiede zur Darstellung in Anne Geddes Bildern aufgefallen sein. Deshalb stellte sich mir die Frage nach der Rechtmäßigkeit ihres Schaffens. Es stellte sich mir die Frage, ob die Würde des Menschen unantastbar sei und ob Säuglinge per Definition demnach keine Menschen seien.

Musikalische Untermalung: FIYA – Little babies

“Kinderquatsch mit Anne – Golden Edition”

Das Konstrukt der Familie ist ein trügerisches Idyll. Denn anders als all die anderen Zusammenrottungen von Menschen, denen man mal mehr mal weniger freiwillig angehört, ist der Bund mit den Verwandten von geschichtlicher bzw. genetischer Natur. Auch wenn man nach Eintritt vollständiger Geschäftsfähigkeit fluchartig das elterliche Nest verlassen hat, begibt man sich gern in den wohlig warmen Schoß der Familie zurück.

Dann kehrt man heim, möchte seine Freundin vorstellig machen, und das Muttertier präsentiert zum eigenen Entsetzen das archivierte Belastungsmaterial, welches sie über die Jahre gesammelt hat. Auf Tonband gebanntes Gebrabbel, den Wachsmaler-Picasso, die Hausaufgabe der dritten Klasse in Textil und vor allem die Nacktfotos (man war jung und hatte keine Ahnung von Geld) bekommt man präsentiert. Daraufhin wird man leicht verlegen, streicht das vierte Gebot aus den Moralvorstellungen und verlässt fluchartig das elterliche Nest.

Welche Faszination Eltern beschleicht, jeden Kreativmüll, den die Brut produziert, zu archivieren, lässt sich aus dem Geschäftsgebaren der in Neuseeland beheimateten Kitsch-Fotografin Anne Geddes erkennen.
Bilder von Anne Geddes trifft man häufig in der Gesellschaft von mittelalten Frauen, der Mittelklasse bis hin zur mittleren Oberklasse. Kurzum: Konsumenten von Brigitte, SUPERIllu und der Apotheken Umschau. Keinesfalls aber Wild und Hund, Blitz-Illu und auto, motor und sport.

Geddes schaffte Ende der Neunziger das, was Attila, Napoleon und Hitler zuvor nur unbefriedigend gelungen war. Sie eroberte Europa im Sturm. Einer Seuche gleich verbreiteten sich ihre Bilder. Egal, ob bei Grußkarte, Puzzles, Kalendern, Kaffeetassen oder Abtreibungsgegnern: Überall prangten ihre Bilder, und die Welt schien nur noch aus Babyköpfen zu bestehen.

Ein typisches Geddes-Bild lässt sich wie folgt beschreiben: Ein ethnisches Potpourri aus Babys, die im Gegensatz zu ihren Altersgenossen völlig crazy Dinge tun. Beispielsweise sitzt ein buntes Dutzend der Säuglinge in einem riesigen Terracotta-Blumentopf und guckt aus einer gelbblättrigen Corona. Der verwirrte Betrachter fühlt sich an Sonnenblumen erinnert, obwohl ihm bewusst ist, dass diese nicht aus Babys erwachsen.

Was die Kinder dazu bewegt, still zu halten und vergnügt in die Kamera zu grienen, ist nicht bekannt, aber Insider aus der Branche berichten, wie man die Kleinen im richtigen Moment fröhlich stimmen kann. Das Geheimnis lautet: Opiate. Zugeknallt bis zum Sabberlatz, ist es ein leichtes für Anne Geddes, dem Fratz die Mundwinkel nach oben zu tackern.

Die Tatsache, dass auf den Bildern meist gemischtrassige Kinder zu sehen sind, sollte nicht als Zeichen der Völkerverständigung fehlinterpretiert werden. Sie dient lediglich dazu, nach dem Shooting die Kinder ihren richtigen Familien zuzuordnen.

Die Maschinerie hinter Geddes ist imposant: Sie hat bisher in 76 Ländern ihre Fotobände veröffentlicht und stand mit ihrem letzten Band sechs Wochen an der Spitze der Bestsellerliste der New York Times. Beachtlich auch, dass ihre Website annegeddes.com monatlich von 575.000 Päderasten weltweit angeklickt wird.

Das niedere Wesen von Anne, wie Freunde sie nennen dürfen, wird einem erst in vollem Ausmaß bewusst, wenn man weiß, dass sie nicht nur visuell versucht die Welt abzustumpfen. Zu ihrem Bildband »Miracle« kollaborierte sie mit dem kanadischen Todesengel Celin Dion, die zeitgleich den Soundtrack zum Untergang veröffentlichte.

Wie kommt die Geddes an die Babys? Welche niederen Subjekte vertrauen ihre Schutzbefohlenen den Gichtkrallen einer skrupellosen Fotografin mit dem Kunstverständnis eines Passbildautomaten an?
Für den Fall, dass die Eltern ihr Kind freiwillig in ihre Obhut geben und kein äußerer Druck für die Aufnahmen verantwortlich ist, dürften die Eltern mächtig stolz sein. Ein Elternteil ist bei den Aufnahmen immer vor Ort und erschlägt den Wonneproppen mit der nötigen Portion Zuneigung. Die Courtage wird für das erste Auto, das Studium oder die Kosten für die Namensänderung zurückgelegt. Denn was viele Eltern vergessen, sei es aus Naivität, sei es aus Ignoranz, ist, dass sich irgendwann das Kräfteverhältnis verschiebt und dass das einst Sabbernde herangewachsen und kräftig genug sein wird, um sich zu wehren. Eine tückische Situation, denn wie wird es wohl reagieren, wenn es sich selbst an tausenden Wänden rund um den Globus verteilt sieht?

Obwohl ich glaube, dass die Bilder innerhalb des nächsten Jahrzehnts zu Ramschladenhütern mutieren werden, wird die Sonnenblume a.D. eine Erklärung wollen. Nicht auszuschließen ist auch, dass sich Selbsthilfegruppen aus Geddes Opfern zu Terrorzellen formieren und Tod und Verderben über ihre Peiniger bringen. Oder sie verfassen nobelpreisverdächtige Bücher und sitzen dann bei J. B. Kerner herum und klagen unter Tränen ihr Leid. Dort werden dann unter ihren Namen (meistens Jan-Hendrik) nicht Headlines wie »Absolvierte im Zeitraum von ´95 bis ´99 drei Geschlechtsumwandlungen« oder »War der Ghostwriter von Axel Klingenberg«, sondern ein Satz wie »Ich war die Sonnenblume von Geddes« eingeblendet.

Die andere, wahrscheinlichere, Variante auf die Frage, wo die »Fotografin« ihr Rohmaterial her nimmt ist, dass sie sich die Kinder widerrechtlich aneignet. Und wenn man ehrlich ist, war man schon immer etwas misstrauisch bei Meldungen wie »Unbekannte Frau räumt Säuglingsstation in der Ukraine aus und flüchtet mit Tieflader«.

Leider ist die Halbwertzeit von Babys im grellen Scheinwerferlicht sehr kurz. Und was dann? In Florida werden jährlich 78 Alligatoren aus der Kanalisation gefischt. Die Reptilien wurden, nachdem sie aufgehört hatten, süß, klein und putzig zu sein, die Toilette runter gespült. Pümpelt Anne Geddes wehrlose Säuglinge den Abfluss runter? Vielleicht hat sie sowas schon mal versucht. Allein, um zu schauen, ob sich das als Fotomotiv eignet. Aber das Gros der Kleinkinder wird in Laubsägearbeiten gedrillt und in einem Verließ in der Ravensburg eingekerkert und muss dort die Geddes-Puzzlekollektion zusammen schneiden. Vielleicht werden sie auch dem Organhandel zugeführt oder müssen Drogen über Grenzen schmuggeln. Einige werden auch sicherlich von Brad Pitt und Angelina Jolie adoptiert. Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob das ein besseres Schicksal ist.

Anne Geddes hat auf ihrer Internetseite zu Protokoll gegeben sie habe mit über 2000 Müttern gesprochen. Sie hat aber nicht erwähnt, wie diese Konversationen ausgesehen haben. Ein »Halt! Warten sie! Das ist mein Kind!« zählt scheinbar nicht dazu.

Ich möchte ausdrücklich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die Bälger nach getaner Arbeit auch wieder nach Hause dürfen, um die Vorzüge des Kindseins zu genießen, als da wären: In Steinbrüchen rumtollen, sich in Großnähereien herumtreiben und in Bürgerkriegsgebieten Verstecken spielen.

Dann sinkt auch Anne, gezeichnet von den Strapazen der Arbeit, in ihren Schaukelstuhl, betrachtet die Motive für die Aufnahmen des nächsten Tages, die draußen im Hundezwinger herumkrabbeln, nuckelt an einem Wodka-Martini und sagt zu ihrem Ehemann Kel Geddes: »Stell die Plärren ab, ich will Fernsehen«.

Als ich neulich im elterlichen Wohnzimmer sitzend mit Kaffee und Kuchen gemästet wurde und dabei den Fotofundus meiner Mutter durchblätterte, wurde ich auf ein Bild aufmerksam, das mich als Kleinkind im Katzenkostüm zeigt. Ich fürchte, ich muss ein ernstes Gespräch führen.

(Daniel Terek)

Zu Gast #6: Hintergrund-Überlegungen von JAN R. zu dem Fanzine-Treffen am 24.04.2010 im AJZ Bahndamm Wermelskirchen

Freitag, 22. Januar 2010

Prints not Dead!

DIE TOTEN HOSEN haben mal in dem Song „Das Wort zum Sonntag“ zu Recht gesungen: „Früher war alles besser, früher war alles gut, da hielten alle noch zusammen, die Bewegung hatte noch Wut. Früher hör auf mit früher, ich kann es nicht mehr hören, damals war es auch nicht anders, mich kann das alles nicht stören.“

Vielleicht muss man aber doch sagen: Anders war es schon, früher, zumindest meine ich damit den Zeitraum Anfang/Mitte der 90er, als meine ersten Gehversuche im Punk/HC stattfanden. Fanzines hatten für mich eine unglaubliche Bedeutung, vor allem schon mal wegen der Konzerttermine. Ich kannte zwar einige Konzertläden und Plattenläden, dort lagen die Flyer aus, aber in den Zines standen die eben bundesweit und meistens aktuell drin. Und ein Review von meiner damaligen Band im PLOT oder PLASTIC BOMB war etwas total Besonderes, egal ob gut oder schlecht. Wenn man mal einen Schreiber vom XY-Heft traf war das cool und interessant. Oder die ganzen Fanzine-Kriege: Die totale Ignoration bis auf’s Blut: PLOT vs. LOST AND FOUND, ZAP gegen TRUST… Fakt ist: Fanzines waren einfach sehr wichtig. Ihr Stellenwert war sehr hoch. Und dann kam das Internet…

Ein Blick noch weiter zurück: Neben einem eigenen Netzwerk von DIY-Konzertorten, eigenen Radios, eigenen Labels, Mailordern, Bookern, Bands gab es (gibt es) im HC-Punk auch eigene Presse-Erzeugnisse (auch wenn die Herausgeber der Hefte immer wieder sagen, sie seien nur Rundbriefe an Freunde), die so genannten Fanzines. Fanzines als Wort-Kombination von „Fan“ und „Magazin“ – das heißt, jemand, der leidenschaftlich für etwas glüht, bringt ein Heft darüber hinaus, als unprofessioneller Nicht-Journalist. Daher auch der alte Witz „Fanzines sind von Leuten, die nicht schreiben können, für Leute, die nicht lesen können“. Fanzines kommen eigentlich aus der viel älteren Science-Fiction-Szene, wurden aber durch das Aufkommen von Punk schnell ein wichtiges Kommunikationsmittel der „Szene“. Das SLASH in Los Angeles, das SNIFFING GLUE (das allererste Punkfanzine weltweit) in London, das PUNK in New York Ende der 70er.

Nur in den Heften stand überhaupt etwas über die neuen „Punk“-Bands drin. Dort wurden die Platten reviewt, die in den etablierten Musikzeitschriften kein Journalist auch nur mit spitzen Fingern anfasste, besprochen und dort standen Konzerttermine drin.

In Kalifornien etablierte sich durch das 1977 gegründete FLIPSIDE aus Los Angeles (2000 pleite gegangen, das Nachfolgeheft heißt RAZORCAKE und ist klasse) und dem 1982 aus einer Radioshow entstandenen MAXIMUM ROCKNROLL in San Francisco (weiterhin existent, vor einiger Zeit wurde die Ausgabe #300 gefeiert) die erste echte Fanzine-Kultur im Punk: Regelmäßige Erscheinungsweise, der Anspruch (beim MRR), weltweit über die Punkszene zu berichten, professioneller Vertrieb bei strikter Unkommerzialität. Davon war Deutschland weit entfernt, bestanden die damaligen Hefte aus unreglmässig erscheinenden Din A5 Heften, die sehr lokal über das Leben der Herausgeber berichteten.

Flyer

1986 entstand, durch ein Aktivistentreffen im süddeutschen Heidenheim, das TRUST Fanzine als Versuch, den Ansatz des MRR Heftes – Gründung eines regelmäßig erscheinenden Fanzines mit überregionaler (Info-)Berichterstattung – in Deutschland zu verwirklichen. Das war zu der Zeit völlig neu in der BRD. Es folgten Hefte wie das ZAP (1988), das PLOT Fanzine (1994), OX (1989), PLASTIC BOMB (1991), OUT OF STEP, SUBURBIA, EN PUNKT (ok, gab es schon vor 1986), VARIOUS ARTISTS, GAGSNGORE, ZOSHER, HOWL, WASTED PAPER, SCUMFUCK, FURIOUS CLARITY, SKIN UP etc.

Wie ist die Lage 2010? 2010 ist es eigentlich – um auf DIE TOTEN HOSEN zurückzukommen – genauso wie früher, nur anders. Einige Hefte gibt es nicht mehr, dafür gibt es einige neue. Ich denke, bei allem Wehklagen über „die bösen Webzines, die alle Hefte kaputtmachen“, muss man eines klar sagen: Die statistische Zahl von Print-Heften mag etwas weniger sein, okay, dafür gibt es Blogs und Webzines, wie eben auch das FURIOUS CLARITY. Aber der Punkt ist doch ein ganz anderer, der durch das Internet geändert worden ist (und nur das Internet hat Hefte eventuell ersetzt, bestimmt nicht Internet-Fanzines selbst!): Fanzines haben nicht mehr „die“ Bedeutung, die sie einst hatten. Ihr „Monopol“ der Berichterstattung und der Szenebewertung ist verloren, Streitereien über sexistische/rechtsoffene/kommerzielle Bands finden heute auf Blogs und in Foren statt. Und Reviews in Zeiten von Myspace? Man könnte argumentieren, dass Reviews noch viel wichtiger sind, da dort eine Selektion beziehungsweise eine Einordnung seitens des Reviewers im unendlichen Meer von mp3 Musik stattfindet. Na ja, aber Sie wissen schon… Drei Klicks und ich bilde mir selber meine Meinung vs. die Platte bei Frontline bestellen, zwei Wochen warten…

Nichtsdestotrotz machen gedruckte Fanzines immer noch Spaß (für die meisten zählt das Klo-Argument hier, denn mit Laptop auf dem Klo wird es umständlich), auch wenn sie nur noch eine Nische besetzen – trotz Bahnhofskiosk (hätte man sich das je träumen lassen, dass man am Bahnhof ein Fanzine kaufen kann, das PLASTIC BOMB, TRUST oder OX?).

Das Fanzine-Treffen, zu dem drei Hefte – PLASTIC BOMB, THREE CHORDS und TRUST – gemeinschaftlich im Rahmen der vierzehnten Heartcoretage im AJZ Bahndamm in Wermelskirchen aufrufen, soll in lockerer Atomsphäre einen Austausch untereinander ermöglichen, dabei gibt es keinerlei Programm, außer: Abends Konzert. Alle an der Fanzinekultur Interessierten sind herzlich eingeladen, ob Leser, Macher. Zwanzig Hefte haben ihr Kommen bisher zugesagt.

Termin, Infos, Bands, Hefte: Hier
Näheres zu den Heartcoretagen: Hier.

(Jan R./Trust Fanzine)

Furious Clarity Zines


Nachtrag von Christoph Parkinson:

Die ersten Bands stehen für die Heartcoretage am 23./24. April fest: PATSY OHARA, AYS, UNDER THE PLEDGE OF SECRECY, SNIFFING GLUE, ARKTIKA, CHUCK DAMAGE, CELESTE (Frankreich), NOVEMBER 13th, DANSE MACABRE, MUTINY ON THE BOUNTY, FARGO. Essen gibt es von VEGAN FASTFOOD CREW und 50 FOOD COMBO. Ein etwas ausführlicher Bericht auf diesem Blog folgt Ende März!

Zu Gast #5: HC ROTH sinniert über abenteuerliche Zeiten im besten “Schlachtrufe BRD”-Alter

Sonntag, 22. November 2009

HC Roth

HC Roth aus Graz gehört, wie die Kollegen Jörkk und Gräbel, zu der Crème de la Crème der Ox-Schreiberschaft, die besonders in der Kolumnenrubrik zu glänzen vermag. Sein Buchdebüt, “Der Tag, als Berta Bluhmfeld starb”, beinhaltet sieben sehr phantastische Kurzgeschichten, in der der enormen kreativen Schöpferkraft des Autors nur wenige Grenzen gesetzt werden. Die Geschichten sind geistreich, mal dramatisch, mal witzig, gerne mal kritisch, meistens immer etwas grotesk und geschickt miteinander verknüpft. Eben ein Buch, das man gerne liest. Ebenso gerne wie die folgende, absolut exklusive Kurzgeschichte. (Christoph Parkinson)

Als ich an meinem sechzehnten Geburtstag drei Flaschen Bier getrunken, eine Menthol-Zigarette geraucht, mit grauenhaften Monstern gekämpft hatte und das Mädchen mit den blauen Haaren schon wieder nichts von mir wissen wollte

Es war finster, mir war kalt. Seit fast einer Stunde stapfte ich nun schon durch den Wald, knöcheltief im Schnee. Die Lichter der Stadt hinter mir waren längst verblasst, das Dorf oben auf dem Hügel schlummerte sanft im Nebel. „Ich hätte doch die Straße nehmen sollen, anstatt dieser dämlichen Abkürzung hier“, dachte ich mir, ging es mir durch den Kopf, während der kalte Winterwind mir den blassgrünen Iro ins Gesicht wehte, sich die drei Flaschen Bier mehr und mehr in jenem eben erwähnten Kopf bemerkbar machten und ich immer noch die Stimme des Sängers hörte, wie er da „Anarchy in the UK“ ins verschwitzte Mikro nölte. Es war ein geiler Geburtstag, ein großartiger Geburtstag, die Fete des Jahres, der Exzess des Jahrtausends. Klar, das Mädchen mit den blauen Haaren wollte schon wieder nichts von mir wissen, angeekelt hatte sie sich weggedreht, als ich sie küssen wollte, wieder einmal, und der Joint, den man mir für Geld verkauft hatte, das ich eigentlich gar nicht besaß, war nichts weiter als eine übel riechende, übel schmeckende, übel machende Menthol-Zigarette, deren Filter man abgerissen hatte. Aber egal, ich war jetzt sechzehn, fast erwachsen also, die Welt lag mir zu Füßen.

„Scheiß drauf, die Band war geil“, dachte ich mir, ballte kämpferisch die Fäuste, wie das Erwachsene eben so machen, wenn sie widrigen Umständen trotzen und stapfte weiter durch den Schnee, die kleine Stadt und das noch kleinere Jugendzentrum weit hinter mir, meinem Bett oben auf dem Hügel entgegen. Was hatte ich mich im Vorfeld gefreut, dass ausgerechnet an meinem Geburtstag dieses Konzert im hiesigen JUZ über die Bühne gehen sollte. Die Band hatte ich natürlich schon zig Male gesehen, gab ja auch nicht so viele Bands, die hier spielen wollten, bei uns in der Provinz, aber diese rockte wirklich, wurde von Mal zu Mal besser. Geil, die drei SLIME-Cover, fünf PISTOLS-Nummern, „London Calling“ von THE CASH oder wie die hießen und dieses herrliche „Holiday in Campweißnicht“ von Weißnicht, HOSEN?

Ich stapfte und stapfte, der Schädel brummte, die Steigung machte sich in meinen Knien bemerkbar, der Schnee drang durch meine löchrigen Army-Boots. Ich hatte das Mädchen mit den blauen Haaren vor Augen, wie sie mir nach meinem dritten oder vierten Versuch ihr Haar zu streicheln feste ins Gemächt trat, als ich nicht weit von mir ein intensives Blinken vernahm. Wie hypnotisiert wich ich vom Weg ab und näherte mich dem roten Leuchten, wie in Trance arbeitete ich mich durch verschneites Buschwerk. Das Leuchten wurde stärker, ein lautes Rascheln und Knarren hörbar, als ich hinter mir Stimmen hörte. Ich drehte mich um und da standen sie, drei Mann, keine Haare auf dem Kopf, mindestens zwei Meter groß pro Stück. Im Schein des Mondes, der mir zuvor noch nicht aufgefallen war, funkelten ihre Augen diabolisch, als sie auch schon auf mich losstürmten, die „Blood-And-Honour“-Aufnäher auf den Bombenjackenärmel erblickte ich erst, als schon die erste Faust auf dem Weg zu meinem Auge war. Ehe ich mein Springermesser aus dem Rucksack ziehen konnte, den ich unglücklicherweise ohnehin im JUZ vergessen zu haben schien, hatte ich obendrein die erste Stahlkappe im Gesicht, das Splittern das Nasenbeins konnte ich förmlich hören. Noch bevor ich in der Lage war, Schmerz wahrzunehmen, die gesamte Hölle eines Nasenbeinbruchs zu verspüren, schlang sich eine rostige Kette um meinen ausgemergelten Hals.

Ich wollte schreien, wollte winseln, wollte um mich treten, mich wehren, alle pazifistischen Gedanken, Einstellungen, Attitüden vergessen und sie alle zu Brei schlagen, Nazi-Brei, da nahm ich das Blinken wieder wahr. Es wurde heller und heller, immer stärker und stärker, ein morbides Rot legte sich über den nächtlichen Waldhimmel. Die Glatzen krümmten sich mit schmerzverzerrten Gesichtern auf dem Boden, hielten sich die Augen zu und schrien, sie seien blind. Es gelang mir mich zu befreien, mir machte das gleißende Licht nur wenig aus, ich hatte andere Sorgen, die blutenden Überbleibsel meiner Nase beispielsweise.

Ich rannte in Richtung des Lichts, als dieses plötzlich erlosch und ich mit dem Kopf voraus gegen eine Wand aus Stahl krachte. Benommen lag ich einige Minuten da, regungslos, wie der Soldat im Schützengraben – der tote wohlgemerkt – stand auf und versuchte zu erkennen, gegen was ich da geknallt war. Ein riesiges Ungetüm aus Stahl baute sich vor mir auf, mit einem lauten Knarren öffnete sich vor mir eine Luke, eine Gelee artige Masse quoll aus der Luke, formte sich zu Stufen und ein violettfarbenes Ungetüm mit schuppiger Plastikhaut, aus dessen fassförmigem Riesenkörper sieben Köpfen zu je acht Augen, zwanzig Tentakeln und achtunddreißig Scheren wuchsen, schlurfte mir entgegen. Das Ding war etwa achtmal so groß wie die drei Nazis zusammen.

Ehe ich realisieren konnte, was hier los war, ehe ich einen Plan aushecken, mein Handeln überdenken konnte, sah ich einen Nazikörper an mir vorbei segeln, kopflos wohlgemerkt, dann den zweiten, den dritten. Hinter mir war ein zweites Ungetüm am Werke, die haarlosen Köpfe auf die Tentakel gespießt. Während die lokale Politik seit Jahren mit der Naziproblematik dieses Landstrichs zu kämpfen hatte, strich dieses Monster das leidige Thema binnen weniger Sekunden von der imaginären Do-To-Liste, weshalb ich die Option nicht ausschloss, die Monster könnten mir als Punk wohlgesinnt sein. Da irrte ich allerdings gewaltig, denn die Monster machten sich wohl nix aus politischer Gesinnung – Oi! Oder was? – und kamen auch schon von beiden Seiten auf mich zu, Scheren und Tentakeln nach mir ausgestreckt, die Münder der sieben Köpfe weit geöffnet, grauenhafte Beißerchen fletschend.

Zum Denken, zum Überlegen, Ausarbeiten einer Abwehrstrategie war keine Zeit, so zog ich kurzerhand eine gewaltige Panzerfaust aus meiner Armyhose und feuerte ohne mit der Wimper zu zucken auf das Monster vor mir. Kopf für Kopf. Und den Körper natürlich. Bald war nur noch eine Masse aus Blut, Eiter und Gedärm über, als das zweite Monster seinen Umfang versiebenfachte, die Tentakeln und Scheren verdoppelte und ich in einem riesigen, einem nahezu gigantisch großen einem Panzer ähnlichen Gefährt saß, ähnlich dem Ding aus dem Videospiel, das ich mir noch am Vormittag von meiner Geburtstagskohle gecheckt und sogleich ausprobiert hatte. Sieben Kanonenrohre, Raketenwerfer, Flammenwerfer. Systematisch verarbeitete ich auch das zweite Monster zu Suppe. Schleim und Blut bedeckten mich von oben nach unten, panierten mich wie der österreichische Koch sein Wienerschnitzel. Köpfe, Scheren und Tentakel regneten auf mich herab, tropische Regenzeit war da nix dagegen.

Als ich in meinem Bett erwachte, dröhnte der Schädel, die Ruine die einst meine Nase war, schien immer noch zu bluten, auch meine Hände waren blutverschmiert, eitrig, verkrustet. Ich trug immer noch Jacke und Schuhe, alles war nass vom Schnee. Mein Kater passte in kein Katzenklo, solch prächtige Auswüchse hatte er angenommen, außerdem hatte anscheinend jemand – wahrscheinlich ich – in und neben mein Bett gekotzt. Ich wusste, meine Eltern würden sauer auf mich sein, mich des Hauses verweisen, mich enterben, mir den Anspruch auf den Bergbauernhof nehmen, den Traktor, die Tiere, die kleine Schlachthalle draußen im Hof. Man würde mich aus der Landjugend werfen und mich des Blasmusikorchesters verweisen. Aber das war mir alles egal, denn ich war jetzt erwachsen, ja, in dieser Nacht war ich endlich zum Mann geworden. (HC Roth)

Zu Gast #4 und im Gespräch: Alex Gräbeldinger – “Wer ficken will, darf keine Körbe flechten.”

Dienstag, 17. November 2009

Gräbel - Beach

Alex Gräbeldinger, kurz Gräbel ist bereits seit langer Zeit ein Weggefährte von mir: Haustier, zwischendurch Trommler bei SWAT und Saufkumpane in der sexuellsten WG Deutschlands (remember Clemensstraße Girls?) sowie darüber hinaus Schreiber fürs Ox, Trommler bei Karate Disco, offiziell zertifikierter Wahnsinniger und seit einiger Zeit auch Buchautor von: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl.

Oder wie Kollege Mechenbier sagt: Punk, Opfer, Philosoph, Wahnsinniger und Vollidiot. Here we go…

“Wer ficken will, darf keine Körbe flechten.”

Weihnachten 2007. Verwandtschaftstreffen bei Omi. Bei Kaffee und Kuchen sitze ich am Tisch der Familie. Ich habe drei Stunden Schlaf hinter mir und bin immer noch besoffen von der Nacht zuvor.

Abgeschossen

Das Ambiente überfordert mich. Ich verspüre keinerlei Mitteilungsbedürfnis. Jeglichen Restbestand an Informationen, die ich in diesem Jahr noch loswerden wollte, habe ich im Verlauf der vergangenen Nächte im Suff herausposaunt. Mein Pulver ist verschossen. Gestern noch gewitzt, geistreich und schlagfertig unterwegs gewesen – heute bloß noch ein verstummtes, eingeschüchtertes Häufchen Elend, das seinem gegenwärtigen Umfeld gnadenlos ausgeliefert zu sein scheint.

Trotz meiner grundsätzlich vorhandenen Bereitwilligkeit und dem damit einhergehenden Wohlwollen gegenüber diesem alljährlich stattfindenden Kaffeekränzchen, erweise ich mich an diesem Nachmittag als auffallend reservierter Teilnehmer dieses Events. Dem Aufrechterhalten von Konversationen auf nüchternem und ausgeschlafenem Niveau fühle ich mich heute nur sehr bedingt gewachsen. Auf Fragen reagiere ich stets sachlich und kurz angebunden. Sofern es die Fragestellung zulässt, offenbare ich lediglich ein schlichtes „Ja“ oder „Nein“ und belasse dies als Genugtuung. Darauffolgende Schweigemomente bewerte ich nicht als unbehaglich sondern als entspannend.

Aufgrund der Einsicht, dass ich im Rahmen dieser Veranstaltung auf kommunikativer Ebene nur das Mindestsoll erfüllen kann, um nicht gleich als autistisch eingestuft zu werden, esse ich ganz einfach ein Stück Kuchen nach dem anderen – auf nüchternen Magen. Somit erwecke ich zumindest den Eindruck, dass ich im Geschehen involviert sei und den Sinn und Zweck einer solch hippen Fete zumindest halbwegs verstanden hätte. Wenn ich den Mund schon nicht zum Reden aufkriege, dann eben wenigstens zum Kuchen essen.

Als man mich fragt, ob mir der Kuchen schmecken würde, bleibe ich meinem Leitkonzept „Antworten, aber nicht Rede stehen“ treu und zeige mich mit einem freundlichen „Ja“ erkenntlich. Im Zuge meines bisherigen Auftrittes hätte jedes ergänzende Wort für Verwirrung bei den Beteiligten gesorgt und wäre mir schlimmstenfalls als affektierte Höflichkeitsfloskel ausgelegt worden. Also esse ich weiterhin Kuchen, Stück für Stück, versuche meinen Schwindel erregenden Kater – welcher dem Gefühl einer sich anbahnenden Panikattacke nahekommt – zu ignorieren und lausche halbaufmerksam mit einem Ohr den Gesprächen der Anwesenden, bis mir irgendwann schlecht ist.

Als ich meiner Oma dann schließlich einen Kuss zum Abschied gebe und mich bei ihr für die geile Party bedanke, streut sie zu guter Letzt noch einmal Salz in eine meiner alten Wunden. Und zwar erwähnt sie das Seidentuch, das ich mit Anfang 20 für ein Mädchen bemalt hatte, in das ich sehr verliebt gewesen war. Meine Oma ist von diesem bemalten Seidentuch offensichtlich nachhaltig begeistert gewesen. Aus diesem Grund erwähnt sie es seit nunmehr sechs Jahren jedes Mal, wenn wir uns treffen.

Die Begeisterung des Mädchens, für das ich das Seidentuch angefertigt hatte, hielt sich jedoch in Grenzen. Das bedauert meine Oma noch heute. Ich hatte dem Mädchen ihr Sternzeichen auf das Tuch gemalt. Was meine Oma jedoch vermutlich nicht weiß, ist, dass ich die Vorlage zu dem Sternzeichen nicht selbst entworfen hatte, sondern sie mir im Verlauf eines Psychiatrieaufenthaltes während der Ergotherapie aus einem Ordner mit Vorlagen aussuchen durfte. Vermutlich schätzt mich meine Oma als so romantisch ein, dass sie dachte: „Der Junge ist an einem sonnigen Nachmittag zu einem Bastelladen gefahren und hat sich mal eben ein paar Seidenmalfarben, ein paar Seidentücher und dazu einen Spannrahmen gekauft, um seiner Liebsten eine Freude vorzubereiten.“ Aber nein, der Junge saß im Irrenhaus und fertigte dieses wundervolle Tuch im Rahmen einer Th erapiemaßnahme, die zur Beschäftigung dienen und zu möglichen Erfolgserlebnissen verhelfen sollte. Nachdem ich einen Korb geflochten, einen Aschenbecher aus Ton modelliert, an einem Speckstein gemeißelt und ein paar Bilder mit Window Color gestaltet hatte, war irgendwann eben auch mal die Seidenmalerei an der Reihe.

Doch ein Erfolgserlebnis, jenseits des Hochgefühls während meiner Schaffensperiode, konnte mir jenes – durchaus gelungene und in der Tat sehr schöne – Seidentuch leider nicht einbringen. Ich konnte bei meiner Angebeteten mit diesem Seidentuch nicht landen. Ganze sechs Wochen dauerte unsere Beziehung. Was die Ausstrahlung des Mädchens anbelangt, so wirkte sie doch eher introvertiert (ähnlich wie auch ich zu jener Zeit, oder auch heute noch in bestimmten Situationen, wie zum Beispiel während eines apathisch gesoffenen Gemütszustandes auf einem weihnachtlichen Verwandtschaftstreffen bei Omi). Nach außen hin erschien sie so süß, sensibel und unschuldig wie ein kleines Lämmlein. Aus diesem Grund geriet ich auch überhaupt erst zu dem Trugschluss, dass ich mit meinem bemalten Seidentuch bei ihr etwas hätte reißen können. Und umso irritierter war ich dann auch, als sie eines Abends auf einer Party ebenso überraschend wie plötzlich zu mir meinte:

„Komm, wir gehen lieber zu dir nach Hause und ficken!“

Eine solche Ansage gefiel mir selbstverständlich, auch wenn ich ihr derlei schamlose Anzüglichkeiten bis dato nicht zugetraut hatte. Wie zu erwarten, hätte ich sie von diesem Moment an am liebsten direkt geheiratet. Ein paar Tage später wollte ich eine solch unverklemmte Aufforderung ihr gegenüber dann auch mal versuchen, weil ich dachte das Eis zwischen uns sei nun gebrochen. Also sagte ich in einem, mir angemessen erscheinenden Moment: „Komm, lass uns ins Bett gehen und ficken!“

Daraufhin kam von ihr bloß ein trockenes: „Nö, kein Bock.“

Den darauffolgenden Schweigemoment bewertete ich als unbehaglich. Kurze Zeit später beendete sie unsere fortwährende mangelnde Übereinkunft mit der Begründung, dass es sich bei ihr nur um eine vorübergehende Schwärmerei für mich gehandelt habe. Hmm … vermutlich die vorübergehende Schwärmerei für einen vermeintlich mysteriösen, schweigsamen Typen, der seine Rolle zwischen einfühlsamer Romantiker und „Komm, lass uns ficken!“-Draufgänger nicht distinguiert genug koordiniert bekommen hatte.

Klappse

Ich hinterließ ihr das Seidentuch, das ich in der Klapsmühle für sie bemalt hatte, und darüber hinaus eine Geschenkschatulle – gefüllt mit vielen persönlichen, lieb gemeinten Kleinigkeiten, die ich in pinkfarbene Rosenblätter gebettet hatte.

Sie hinterließ mir ein Brandloch in der Pkw-Rückbank sowie einen Zigarettenstummel in einer halb leeren Bierdose, aus der ich anschließend noch trank.

Oma, sei nicht traurig drum. Die war es nun mal nicht wert.


Cover

Das folgende Interview führte Christian Destroy:

Du hast bereits ein Buch mit Kolumnen bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Wie waren deine Erwartungen und wurden sie erfüllt?

Man mag von Idiotenglück sprechen, dass ich auf Leute gestoßen bin, die bereit waren sich in den Ruin zu stürzen, um mein Buch zu veröffentlichen. Und ich glaube, die haben das nicht einmal bereut. Das nehme ich verdammt persönlich. Insofern wurden meine Erwartungen übertroffen.

Verkäufe? Reputation? Fans? Sexangebote? Sprich: Lohnt sich so was auch für mich?

Ich erinnere mich an eine Lesung im Frisiersalon einer saarländischen Kleinstadt. Dort waren ungefähr eine handvoll Punker im Publikum, nebst gefühlten dreißig Hausfrauen Ü40. In den Gesichtern der Punks glaubte ich Fremdscham gegenüber mir und meiner Darbietung zu erkennen. Die Ü40-Hausfrauen schienen stattdessen den Spaß ihres Lebens zu haben und gackerten allesamt wie die Hühner.

Im Anschluss der Lesung kauften beinahe sämtliche Anwesende ein Buch – die Punks mal außen vor gelassen – und ich durfte solch liebenswerten Damen mit Namen wie Birgit, Ute, Petra oder Gisela Widmungen mit Herzchen schreiben. Also wenn es das ist, was du willst, dann lohnt sich so eine Buchveröffentlichung auch für dich.

Ist ein weiteres Buch geplant?

Sollten sich eines Tages genug neue Texte angesammelt haben, werde ich über ein weiteres Buch nachdenken. Bis dahin nerve ich weiter in der Kolumnenrubrik des Ox-Fanzines rum.

Du bist ja eher schüchtern, ich habe erst zwei Lesungen von dir beobachtet, klappts jetzt besser? Drohst du den Leuten auch mal Prügel an, wenn die dauernd schwätzen? Tipp von mir: Flaschen ins Publikum schmeißen.

Würde ich mich während einer Lesung zu selbstsicher und souverän anstellen, so würde man mir meine Geschichten vermutlich nicht abkaufen. Außerdem musst du bedenken, dass ich durch mein schüchternes Auftreten für betretenes Schweigen im Publikum sorge. Die Leute sehen mich, bemerken meine Unsicherheit, fühlen sich davon peinlich berührt und hören gerade deswegen aufmerksam zu. Spätestens dann, wenn sie meine Fresse nicht mehr ertragen, verlassen sie einfach den Raum. Dafür bedarf es in aller Regel nicht einmal das Androhen von Prügel, geschweige denn das Schmeißen von Flaschen (womit du dir ja bekanntlich ganz gerne mal zu helfen versuchst).

Ich erinnere mich an eine Lesung, bei der zum Ende hin noch genau drei Zuhörer übrig blieben. Darunter war auch eine Feministin, so eine linkskonservative rote Zora, die zog dann schließlich eine beleidigte Schnute, nachdem ich dreimal in Folge das Wort „Ficken“ in den Mund nehmen musste, bevor sie sich ebenfalls von mir abwendete. Ganz zum Schluss hatte ich dann noch zwei Leute auf meiner Seite – ein korpulentes Mädchen und einen finster blickenden Jungen. Im Anschluss der Lesung erfuhr ich, dass das Mädchen aus der Klapsmühle ist und der Junge am Wochenende zuvor mit einer Gaspistole in der Innenstadt Amok gelaufen sei. Das ist exakt meine Zielgruppe – ein schöneres Publikum kann ich mir nicht vorstellen.

Du bist seit Sommer verheiratet, wie ist das so? Stimmt es, dass die Ehe der absolute Liebes- und Lustkiller ist? Meist hilft da nur ein Kind um das zusammenzuhalten. Wie läuft die Planung? Lieber Junge oder Mädchen? Lieblingspaten, tot oder lebendig und Namen für den Spross?

Eine Anleitung zum Heiraten erscheint von mir im nächsten Ox-Fanzine.
Vermutlich steckt aber noch zu viel Leidenschaft und Temperament in Jennys und meiner Ehe, so dass Kinderwünsche bisher keine oberste Priorität besitzen.
Wenn es eines Tages soweit ist, hätte ich gerne einen kleinen frechen Jungen – den nennen wir dann Christian Destroy. Wird es ein Mädchen, entscheiden wir uns einfach für Christiane. Auch wenn sich in beiden Fällen wohl niemand freiwillig zu einer Patenschaft bereit erklären wird.

Du spielst ja auch Schlagzeug bei Karate Disco. Gibts die noch? Ist da was in Planung?

Keine Ahnung, ich bin bloß der Schlagzeuger, weil ich für alles andere zu schüchtern bin. Ich habe aber am Rande vernommen, dass wir in ein paar Tagen ein neues Album aufnehmen wollen.

Wann hattest du deinen letzten Nervenzusammenbruch?

Meinen ersten Nervenzusammenbruch hatte ich, nachdem du mich vor sieben Jahren einige Monate lang als dein persönliches Haustier gefangen gehalten hattest. In den Fetischkreisen nennt man das übrigens „Petplay“.

Meinen letzten Nervenzusammenbruch hatte ich, als ich dir zum letzten Mal länger als 24 Stunden ausgeliefert war. Das war am vierten Tag der Pony Tour mit BARSEROS und KARATE DISCO. Von gut 84 Stunden, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam unterwegs gewesen sind, hatte ich maximal drei Stunden pro Nacht mit jeweils drei Promille auf irgendwelchen Fußböden geschlafen. Ich saß jedenfalls völlig zerstört im Tour-Bus, hatte den Kopf voll mit Eindrücken, die ich noch nicht verarbeitet hatte und du quatschtest gnadenlos, ohne Punkt und Komma, immer weiter auf mich ein.

Ich erinnere mich…

Leider hatte Dominik in seiner Reiseapotheke kein Ritalin für dich dabei – bloß angstbefreiende Psychopharmaka gegen Panikattacken, wovon ich eine nahm, als ich bemerkte, dass sich da etwas in mir zusammenbrauen würde. Daraufhin hattest du dich dann fürsorglich um mich gekümmert und versuchtest mich abzulenken, indem du mir einfach weiterhin ins Ohr plärrtest.

Damit ich mich etwas entspannen und beruhigen können würde, hattest du mir angeboten, dich alleine mit mir auf eine abgelegene Parkwiese zurückzuziehen. Auf dem Weg dorthin warst du dann allerdings die ganze Zeit darauf bedacht, möglichst in der Nähe von potentiellen Geschlechtsverkehrpartnerinnen sitzen zu können.

Inzwischen litt ich bereits an Paranoia und hatte das Gefühl, dass mich sämtliche Menschen beobachten würden. Daraufhin gabst du mir zu verstehen, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse … denn falls hier jemand beobachtet werden würde, dann wärst das höchstens du. Anschließend hieltst du dann weiter Ausschau nach Girls.
Währenddessen machte ich mir Gedanken darüber, ob ich mich nicht vielleicht doch besser ins Irrenhaus einweisen lassen sollte, anstatt mich weiter in deine Obhut zu begeben.

Gräbel, ich danke dir für dieses Gespräch.