Er selbst nennt sich “Germany’s most hated Punkrocker”. Für viele Koblenzer gilt er wohl eher als “Deutschlands nervtötendste Pestpocke”. SIDNEY BEERS, ehemals Sid Nasty, ist mir erstmals vor circa elf Jahren begegnet. Ich befand mich gerade auf dem Weg zu meinem früheren Ausbildungsbetrieb, der Rhein-Mosel Verkehrsgesellschaft GmbH, als er mich vor der Mc Donalds-Filiale am Koblenzer Hauptbahnhof abfing und mich nach einer Mark anschnorrte. Ich zeigte ihm einen Vogel und antwortete: “Verpiss dich, du Heini!”. Anschließend ging ich zügig in mein Büro. Die Zeit drängte und ich hatte ich noch einige Besänftigungsschreiben an verärgerte Fahrgäste aufzusetzen. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wer von uns damals der größere Heini gewesen ist.
Sid begegnete ich in den darauf folgenden Jahren unzählige Male. Wenn er abends nicht auf dem Bahnhofsgelände, vorm Penny oder im Biergarten herumlag, lag er vor den Eingängen sämtlicher Jugendzentren dieser Welt im Delirium und versperrte verärgerten Konzertbesuchern den Weg. Dies hat sich bis zum heutigen Tag nicht wirklich geändert. Aber inzwischen trifft man ihn zumindest häufiger auf diesen Konzerten vor oder, in ganz besonderen Momenten, sogar mit seiner Band, GANGBANG AND THE CUMSHOTS, auf der Bühne. Neben dem Musizieren übt er sich im Schreiben. Ziemlich sicher wird er nicht der neue Jack Ketchum, aber Typen, die “Beer” auf dem Bauch und “Bull-Shit” auf den Fingern tätowiert haben, gebe ich in Ausnahmefällen gerne die Möglichkeit, unsere Leser mit ganz besonderen lyrischen Ergüssen zu unterhalten.
(Christoph Parkinson)

“Sick and violent”
- Part I -
Die Sonne ging langsam unter. Vom Bolzplatz aus betrachtete Peter das romantische Schauspiel des großen, roten Feuerballs, der am Horizont versank. Er wusste, dass er sich beeilen muss. Er packte seinen Turnbeutel mit den Fußballsachen und rannte so schnell los, wie er konnte. Er verabschiedete sich nicht einmal von seinen Freunden – oder besser gesagt – von den Jungs mit denen er abhing. Denn richtige Freunde hatte er nicht. Die Anderen hielten ihn für einen seltsamen Freak und duldeten ihn lediglich in ihren Reihen, weil er ein guter Torwart war.
Er rannte über die alte Brücke, die ihn in Richtung des Waldes führte. Obwohl er ein guter Sportler und ziemlich fit war, keuchte er schwer. Aber er hatte keine Wahl, er musste richtig Gas geben. Plötzlich merkte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Er stürzte zu Boden und schürfte sich die Knie auf. Er rappelte sich langsam auf, verfluchte den Stein, über den er gestolpert war und setzte seinen Weg fort. Er musste unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit sein Ziel erreichen. Wäre er nicht gestürzt, hätte er es auch geschafft, aber seine Knie schmerzten und er konnte nicht mehr allzu schnell weiterrennen. Als er den Waldrand erreichte, war es bereits dunkel. Er ging durch den Wald und hatte eine Scheißangst. Er fürchtete sich nicht vor möglichen Monstern, Mördern oder wilden Tieren, die in diesem dichten, finsteren Wald auf ihn lauern könnten. Er fürchtete sich einzig und allein vor dem, was ihn in seinem trauten Heim erwartete.
Nach einiger Zeit erreichte er die kleine Blockhütte, die auf einer traurig anzusehenden, mit braunem Laub bedeckten, kleinen Lichtung stand. Er öffnete die Tür. Sie war nicht verschlossen – wer sollte in dieser gottverlassenen Gegend schon in eine Blockhütte einsteigen. Er trat aus der Dunkelheit des Waldes in die Dunkelheit der Hütte.
„Du bist zu spät“, tönte es aus der Finsternis. Der fünfzehnjährige Junge erschrak, als plötzlich sein Vater vor ihm stand und eine alte Öllampe anzündete. Peter wusste genau, wie es weitergehen würde: So wie immer, wenn er zu spät nach Hause kam oder sonst wie aus der Reihe tanzte. Sein Vater würde ihn anschreien und ihm ins Gesicht schlagen. Doch das machte Peter schon lange nichts mehr aus. Das Schlimmste kam erst danach. Sein Vater würde mit ihm in den Keller gehen. Dort würde er ihn ausziehen und ihm eine Maske aufsetzen. Die Maske, die er aus den Schädelknochen von Peters Mutter gemacht hatte, nachdem er sie sechs Jahre zuvor mit einer Axt in Stücke gehackt hat. Dann würde er ihm glühend heiße Stricknadeln ihn den After und die Harnröhre einführen und anschließend musste Peter sich am ganzen Körper mit Terpentin und einer Drahtbürste reinigen.
Für seinen Vater hatte dieses Ritual eine religiöse Bedeutung. Während er seinen Sohn folterte, zitierte er aus der Bibel und stellte ihm Fragen zu der heiligen Schrift. Wenn Peter diese falsch beantwortete, musste er zur Strafe Vaters verrottete Scheiße essen, welche im Keller zuhauf in nassen Leinenbeuteln gelagert war. Danach wurde er ohne Nachtisch ins Bett geschickt. Wie immer ließ Peter auch an diesem Tag alles über sich ergehen. Doch als er mitten in der Nacht aufgrund seiner grauenhafte Alpträume mal wieder vollgepisst erwachte, konnte er nur noch an eines denken: Rache.
Er zog sich an und schlich nach Draußen. Er ging in den Schuppen, den Vater auf Mutters zerhackter Leiche erbaut hatte. Er griff sich ein Gewehr aus Vaters Sammlung und ging zurück in die Hütte. Er betrat das Schlafzimmer und feuerte einen Schuss nach dem Anderen auf seinen schlafenden Erzeuger ab. Er nahm das gesamte Geld, das er finden konnte, und verließ diesen Ort des Grauens. Für immer. Da Peter nicht wusste, wo er hingehen sollte, schlief er diese Nacht unter der alten Brücke. Ein paar Penner wurden aufdringlich und wollten ihn beklauen. Er hielt ihnen kurz das Gewehr unter die Nase, woraufhin sie das Weite suchten. Dies rief natürlich auch die Polizei auf den Plan, welche kurz darauf mit fünf Mann Peters Nachtquartier stürmte. Nachdem er einem von ihnen den Schädel weggeblasen hatte, verbrachte er die nächsten zehn Jahre in einer geschlossenen Psychiatrie…
- Fortsetzung folgt (…vielleicht!) -
(Sidney Beers)









